Venus und Adonis/Dido and Aeneas, OL

John Blow. Masque in drei Akten, Libretto nach Ovids “Metamorphosen”; Uraufführung:1684 im Mädchenpensionat des Tänzers, Ballettemeisters und Choreografen Josias Priest in London Chelsea
Henry Purcell. Oper in drei Akten, Libretto von Nahum Tate nach Virgils “Aeneis”, Uraufführung: 1689 ebenda

Oldenburgisches Staatstheater, 2019

Musikalische Leitung des Staatsorchesters;: Thomas Bönisch/Felix Pätzold; Inszeneirung: TobiasRibitzki; Bühne und Kostüme: Stefan Riekhoff; Choreografie: Elvis Val; Dramaturgie: Annabelle Köhler, Licht: Steffi Flächsenhaar.
Sänger: Ann-Beth Solvang, Leonardo Lee, Erica Back, Martyna Cymerman, Melanie Lang, Martha Eason, KS Paul Brady, Mark Watson Williams, Henry Kiichli, Tänzer: Renate Nehrkorn, Uri Burger, Ruben Riers, Charlie Riddiford, dem Opernchor und dem Kinderchor des Staatstheaters.

 

“Große Seelen richten sich selbst zugrunde”

Eine Bilderbuchaufführung, wie man sie nicht so oft erlebt: ein rundum stimmiges, harmonisches, einschmeichelndes und zuweilen durchaus auch furioses Spektakel in guter Altbarocker Schäferspiel-Manier mit fein geschlagenen klassischen Instrumenten, die eine beseelte Darbietung begleiten. Und wenn der freche kleine Cupido gleich zu Beginn seine gefährlichen Pfeile ins Publikum schießt, dann ist hier die ermüdende Statik der barocken Operntradition bereits einer ergötzlichen Lebendigkeit gewichen ist. Dabei trifft Cupido, von Erica Back energisch und übermütig intoniert, natürlich nur zielgerichtet auf eben jene, die von der Doppelherzigkeit Amors späterhin auch irgendwie betroffen sein werden: da ist der mit bestem Stimmenmaterial ausgestattete Chor, da sind die verschiedenen Solisten (Schäferin Martyna Cymerman, Zauberin Melanie Lang, Hexe Martha Eason und der vielseitige Paul Brady – diesmal als in helle Stimmlage gerutschter komischer Hexenmeister ), die alle die leidenschaftlichen Liebesverstrickungen der beiden klassisch-antiken Paare Venus und Adonis sowie in Personalunion später auch Dido und den auf Ländergründung versessenen griechischen Aeneas beeinflussen.

In einer geschickt arrangierten musikalischen Verschlingung von John Blow und seinem Schüler Henry Purcell entwickeln sich die Herzensverstrickungen der übermütigen Göttin Venus, die spielt und trickst und gemeinsam mit ihrem Sohn Cupido über alle Männerherzen herrscht, so wie es ihr gefällt, durchaus nicht so heiter wie zuvor celebriert. Denn als sie eines Tages, Adonis` heftigen Begehrens überdrüssig,   ihn zur Abwechlsung vom göttlichen Liebeslager auf die Jagd beordert, verwandelt sich die Leichtigkeit des göttlichen Seins jäh in irdische Schwere. Adonis nämlich wird auf der Jagd tödlich verwundet, und sein Tod wird Venus erstmals und nun wohl für immer von ihrem Götterthron in tiefes menschliches Leid stürzen. Sie entledigt sich der schweren barock-goldenen Pracht ihres übermächtigen Gewandes, ihres Statussymbols, doch sie wird sich selbst nicht erlösen können von der nun unfassbaren Gewißheit, das der Tod ihr den Geliebten genommen, sie aber für ewig weiterleben läßt, es sei denn, sie entsagte ihrer göttlichen Rolle und ließe sich auf etwas ein, das Menschen größte Angst macht: das Alter, das sich ihr  als erstarrte Maske im Spiegelbild zeigt.

Eine große, großartig ausgesungene Szene für die sinnliche Venus von Ann-Beth Solvang, die eben noch tändeln, tanzend, das Spiel der leichtherzigen Verführung mit drei maskulinen Gottheiten spielte und nun in eine unsägliche Tiefe stürzt. Was so übermütig mit tänzelnden Liebeleien begann und von reizenden Amouretten in kindlichem Chor vervielfältigt wird, gerät am Ende durch den endgültigen Herrscher “Tod” in eine neue Dimension, in die des menschlichen Fühlens und Erlebens. Es ist auch und zugleich eine Art antiker Götterdämmerung – denn wenn die Götter beginnen, menschlich zu fühlen und sterblich zu werden, ist der Mensch von ihrer erdrückenden Vormacht befreit, allerdings auch für sein Handeln allein verantwortlich.

Die beiden Protagonisten setzen ihre wundersame Geschichte im zweiten Teil nun als die zögerliche,  Liebesleid scheuende und darum auch den Fremden kühl ablehende Dido und als heimatloser Königssohn und Flottenführer Aeneas fort, der sich schnell und heftig in die Herrscherin verliebt hat. Die wohlmeinde Zofe Belinda überzeugt die zögernde Dido, der Liebe nicht länger zu entsagen, sondern Aeneas zu erhören, und einer Liebe zu folgen, die höchstes Glück verspricht.  Aber für die irdische  wie auch die göttliche Zweisamkeit haben dunkle Mächte ein tragisches Ende vorgesehen. Denn sie neiden den Menschen jegliches Glück. Und so verwirrt ein Hexensabbat in nächtlichen Träumen Aeneas Verstand, raubt ihm Hezr und Ruhe und überzeugt ihn, dass seine Aufgabe eine andere ist, als die Königin Ägyptens zu freien. Und Aeneas wird sich auf den – mythologisch vorbestimmten – Weg machen, um Italien zu entdecken und Rom zu gründen. Hier haben dann doch immer noch, diesmal die böen, ihre Finger im Spiel.

Für Dido ist der Verrat seiner Liebe gleichbedeutend mit dem Tod ihrer Seele. Und schon der Gedanke daran, sie zu verlassen, raubt ihr den Glauben an die Liebe dieses Mannes. Mag er seinen Entschluß auch zurücknehmen, für Dido gibt es kein Zurück. Didos Schmerz am Ende ist ein einziger ewiger Klage über das Verlassenwerden, über Verrat, Treulosigkeit, Seelenschmerz ohne Ende.Sie streift das viel zu große Prunkgewand der alten Göttin über und flieht im selbsterwählten Tod in eben deren hohe Spären, von denen sich Liebende ein letztes Glück erhoffen. Welche schöne Elegie, welch ein Klagegesang, welch eine Leidenschaft, die sich hier musikalisch ein immerwährendes Höchsterlebnis an Leid und Verlust setzt! Aeneas, innerlich bereits auf dem Schiff, von seinen Seeleuten jubelnd fortgetrieben, findet letztlich nur wenig Worte, um sein Vorgehen zu erklären. Und auch sein Zögern entbehrt jener Leidenschaft, die die liebende Frau von seiner Ehrlichkeit überzeugen könnte. Sie jagt ihn fort, wie Venus einst den überschwänglichen Adonis. Nur, dass in der Bearbeitung dieser glücklicherweise sich nicht mehr endlos wiederholenden Phrasen die Schwere aller Verlassenen durch musikalisch und spielerisch geschickt eingeflochtene komische Akzente auch das vergnügliche Element erlaubt ist.

Langer jubelnder Applaus am Premierenabend für alle Beteiligten. A.C.

 

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