Geister in Princeton

von Daniel Kehlmann
Renaissance Theater

Regie: Torsten Fischer, Bühne: Vasilis Triantafillopoulos, Kostüme: Bettina Gawronsky

mit Gerd Wameling, Heikko Deutschmann, Katja Bellinghausen



Konterfeis der Geschichte

Das Beste kommt beinahe zuletzt: nämlich als der aufgepeppt skurrile Prof. Einstein die Bühne beinahe wie ein alter Freund, jedoch mehr als Zufallsgast betritt und in wenigen Sätzen sagt, was historisch und wissenschaftlich relevant ist und immer bleiben wird. Ein kurzer toller Auftritt des mit überzeugender Ähnlichkeit wieder auferstandenen “alten Geist”  als Gerd Wameling. Heikko Deutschmann dagegen hat es schwerer; denn er muss als verrücktes Mathematikgenie Kurt Gödel (1906-1978 sein Leben nach dem Tode stets von neuem durchlaufen und durchleiden, gemäß seiner eigenen Logik. Das hat man nun davon, wenn man eine Menge schwieriger Gedanken verfolgt oder von ihnen verfolgt wird und seinen Mitmenschen zuweilen schwer auf den Geist geht. Deutschmann verkörpert ungemein differenziert und eindrucksvoll alle physischen und psychischen Phasen dieses wirbelnden, phantastisch-lebendigen und leidvollen Daseins – angefangen vom verstörten Jüngling, der allerdings genau und ohne Widerspruch bestimmt, was ihm und den Menschen um ihn herum gut tun wird.  Und so fordert er die bereits verheiratete Adele auf, ihm zu folgen, sowie er die Lehrmeister und Kollegen an den Universitäten zum Gedankendisput fast ohne Worte, aber mit Bestimmtheit, immer wieder herausfordert. Er verirrt sich auf der Flucht von Österreich via Moskau in die USA, seltsamerweise in der sibirischen Einöde, und rettet sein und das Leben seiner Frau vor zwei idiotisch versoffenen Grenzkontrolleuren allein dank  einer Naivität, wie sie wohl nur vergeistigten Wirrköpfen zu Eigen ist.

Die Inszenierung hat ein großes Aufgebot an namhaften Darstellern, die sich im Reigen um das Leben Gödels drehen, ihn ein Stück begleiten, vor ihm, mit ihm, nach ihm sterben und wieder auferstehen. Denn “Zeit ist wie ein Zugfahrplan. Die Ereignisse sind die Stationen, an denen er hält. Aber egal, wo du bist, die anderen Stationen gibt es auch noch. Sie verschwinden nicht. Und der Zug fährt im Kreis. Jeder Moment ist für immer”, abstrahiert Gödel u.a. seine Erkenntnisse. Der Regisseur greift diese Metapher geschickt auf, beginnt mit dem Tod des Wissenschaftlers und endet gleichsam mit seinen letzten Lebenstagen.

Kehlmann zeichnet wie in seinen bisherigen Romanen nun in seinem ersten Theaterstück (als Auftrag für die Wiener Festwochen) die Figuren blitzscharf und gescheit und immer mit fein pointiertem, verständnisvollem Humor für deren Eitelkeiten und die abstrusen Verhältnisse im Kosmos der Wissenschaften. Denn wie sonst ließe sich der zerstörerische Verfolgungswahn Kurt Gödels, der sich aus Angst davor, vergiftet zu werden, so bravourös darstellen? Leid tut uns vor allem dabei natürlich seine duldsame Ehefrau und Gefährtin in allen mühsamen Situationen, die seine Launen, Allüren und Ängste bis zur Selbstaufgabe erträgt -für Katja Bellinghausen eine Aufgabe, die sie mit einem ungemein starken Einfühlungsvermögen meistert. Ihr zur Seite eigenwillige, seltsame, allesamt ein wenig der Normalität des Lebens abgewandte wissenschaftliche Persönlichkeiten – der Historie hautnah entnommen und geschickt konterfeit. A.C.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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