Monthly Archives: September 2022

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Don Carlo, HB

Diese Inszenierung besticht vor allem durch einige ungewöhnliche dramaturgische Einfälle: Da rackert sich ein von seinen Qualen gezeichneter Christus als Sisyphos mit einem zur Kugel geformten Bücherballast ab, diesen über die Stufen in der sich auftürmenden Bibliothek zu stoßen, vergebens, immer wieder muß dieses abseits agierende, von den Darstellern nicht wahrgenommene Sinnbild aller Vergeblichkeit einer um Frieden ringenden Menschheit von vorne beginnen; Stephen Clark darf mit seinem schönen Bass leidvoll Schicksal und Erlösung der Menschen beschwören und später sanft die verstoßene Elisabeth auf ein besseres Jenseits vertrösten.

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Der Hofmeister, B

Über das bürgerliche Trauerspiel: Jakob Michael Reinhold Lenz in der Bearbeitung von Bertold Brecht Regie: Tom Kühnel und Jürgen Kuttner, Bühne und Video: Jo Schramm, Dramaturgie: Claus Caesar, Kostüme: Daniela Selig, LiveMusik: Matthias Trippner, Licht: Kristina Jedelsky mit: Jürgen Kuttner, Peter René Lüdecke, Helmut Mooshammer, Kathleen Morgeneyer, Birgit Unterweger Deutsches Theater Berlin, 2022 Gruselige Geisterstunde Einer, der auszog, das Fürchten zu lernen. Auch die Gebrüder Grimm sammelten und veröffentlichten ihre Märchen in romantischer Zeit, die in Wahrheit grausam und blutig

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Die heilige Johanna der Schlachthöfe, HB

Ein fulminanter Saisonauftakt! Schauspieler, die mit Leidenschaft und grundsolidem schauspielerischen Potenzial eine Aufführung hinlegen, die ich lange nicht so sah: Autorengetreu, sprachlich einwandfrei akzentuiert und nicht nur gesprochen, sondern jeder Satz durchdacht und nacherlebt, so dass das Publikum in atemlose Spannung versetzt wird. Die Bühne sieht am Ende wie ein Schlachtfeld aus, aber zu Recht: denn was die verantwortungslosen Viehhändler und geldgierigen Schlächter dem armseligen Arbeitevolk hinterlassen, ist ein blutiges, lebloses Schlachtfeld, auf dem sich nur noch die Finanzgeier tummeln. So radikal wie Bert Brecht diese Anklage dramatisiert hat, so poetisch und anspruchsvoll er seine peitschenartigen Statements setzte, so intensiv war und bleibt auch die Wirkung seiner Bitterkeit gegen einen mitleidlosen Kapitalismus, den er in Amerika während der Rezession erlebte, und von dessen Erlösung er sich 1947 mit dem Ruf an das ostdeutsche Berliner Ensemble ein besseres, jedenfalls ein anderes, gerechteres Dasein vesprach.
Aber das war eine andere Sache.

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Gespräche und Diskussionen im Deutschen Theater, B

Sabine Adler “Die Ukraine und wir” – Buchpremiere „Glück und Unglück in Europa“ Gespräch mit Adolf Muschg und Wolfgang Schäuble im Deutschen Theater Berlin am 6.9. und 7.9.2022 Es wäre vielleicht interessanter bzw. weitreichender gewesen, wenn man Frau Adler ins Gespräch mit Herrn Schäuble gebracht hätte. Denn so verlief der erste Gesprächsabend “Glück und Unglück in Europa” mit einem zwar sehr liebenswürdigen und gebildeten, doch seinen 88 Jahren gezollten, unstrukturiert diskutierenden Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg mit dem politisch erfahrenen jetzigen