Category Archives: Regietheater

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Ruhm, B

von Daniel Kehlmann, Bühnenfassung Erik Schäffler Vagantenbühne Berlin, 2019 Regie: Hajo Förster, Ausstattung Olga Lunow mit: Lisa Marie Becker, Marion Eiskis, Felix Theissen, Urs Fabian Winiger Wenn das Ich verloren geht… Das ist ein teilweise vergnüglich-infames Spiel um die eigene Identität, um Entscheidungen, die ein jeder in seinem Leben zu treffen gezwungen wird, zu Taten, denen oft nichts mehr hinzufügen ist; sie geschehen, sind geschehen und nicht mehr revidierbar. Und dazu ein Marionettenkünstler, ein Dichter, der Schicksale literarisch bearbeitet und

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Der Schimmelreiter, HB

Ein Spiel, das Dramatik aufbaut, nichts an Leid und Traurigkeit ausläßt, wobei sich die Sprachkunst der Dichtung des 19. Jahrhunderts noch mit romantischer Gefühlstiefe verband. Da ist der grausame biblische Anspruch und Ansporn ständiger Gottesfurcht, da ist das Leben hart und entbehrungsreich, voller Ungewisssheit, Angst und Eigensinn. Das alles ist sehr verstörend und beeindruckend inszeniert, und die maskierten Figuren, die bald schnell ihre echten Menschengesichter zeigen, schützen sich gegen Neuerungen, die von Menschen erdacht und berechnet werden, mit einem Panzer aus Glauben und Aberglauben. Der feindlichen Natur, den unvorhersehbaren Sturmfluten begegnen sie mit Blindheit und Fatalismus. Für den Mann, der seiner Zeit voraus, die Zukunft der Menschen mit einem neuen Deich sichern will, gibt es in seiner Dorfgemeinde keinen Rückhalt.

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Eine griechische Trilogie, B

Der Schlüssel steckt im ersten Bild: sechs Frauen auf einer weiß-nebligen Bühne , die irgendwie zusammengehören: Da ist hypercoole Frau, Ärztin, Mutter einer willlosen, sich permanent mißbraucht fühlenden Tochter, deren konfliktgeladene Beziehung rasch aufzeigt, dass Witz und weibliche Solidarität ihre Grenzen haben. Aber auch die anderen Frauen, deren Leben und Schicksale irgendwie alle miteinander verknüpft sind und die allesamt in eine öku-vegane , allerlei Probleme mit- und nach sich ziehende Kommune vor ihren gewalttätigen Männern geflüchtet sind, tragen schwer an psychischen und physischen Wunden, vermeintlicher Schuld und wütender Rache. Eine Frauengemeinschaft, die sich außerhalb der Gesellschaft in behutsam verhaltener Agressivität ein anderes Leben aufbauen will und doch auch hier von seelenlosen Mit-Menschen ebenso gequält wird wie zuvor von ihren nun hilfslosen Männern, die sie eines Tages in ihrem Versteck aufstöbern werden.

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Lazarus, HB

Ein Mann fällt aus dem Himmel auf die Erde. Ein Außerirdischer mit menschlichen Zügen und Eigenschaften, einem überwachen Verstand, doch ohne den Schutz der Erfahrung. Er befindet sich auf einem fremden Planeten, von dem er Wasser schöpfen soll zum Überleben des eigenen Planeten. Aber dieser Mann ist dem mitleidlosen Leben der irdischen Zivilisation nicht gewachsen. Er wird ein Opfer der Macht, deren Gipfel er dank seiner empathischen und telepathischen Einblicke zunächst für sich selbst entdeckt. Er hat Erfolg, wird reich, scheitert aber letztendlich an der mitleidlosen Rücksichtslosigkeit der Gesellschaft. Er verliert alles bis er bitterarm und krank als psychischer Pflegefall im Abseits landet. Die Inszenierung trägt das schwierige Wechselspiel zwischen Wachsein und Wahn mit ruhigen lyrischen, poetischen Augenblicken, die den Mann an ein kurzes Liebesglück in der Vergangenheit erinnern, um dann wieder jäh mit grausamen Halluzinationen zu kämpfen, die der Kranke im Dilirium ertragen muss und der Zuschauer ebenfalls. Denn dieses Leben, das schon lange nicht mehr so bezeichnet werden kann, ist grausam,schmerzvoll, unerträglich, wie die harten Schläge der Beatband. Dass manche der poetischen Liedtexte dabei der musikalischen Unerbittlichkeit zum Opfer fallen, ist bedauerlich. Aber insgesamt ist dies eine anspruchsvolle, phantasievolle und ergreifende Inszenierung mit hoch engagierten Sängern, Tänzern und Schauspielern.

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Eisler on the Beach,B

Wer sich bisher nicht mit Eisler beschäftigt hat und nun vor dieser turbulenten Aufführung steht, die sich auf mehreren bühnentechnischen Ebenen sowie im inhaltlichem Wechsel zwischen den Zeiten und Orten bewegt, erfährt nur bruchstückhaft (zuweilen in sehr alberner Posierung) Genaues über Eislers Jahre in Österreich, Amerika und zuletzt Ostberlin, die Umtriebe seiner Geschwister, die Lösung von den familiären Banden und wie er seinen eigenen Weg im Kommunismus sah. Die zahlreichen Videoeinschübe, die seinen Lebensweg aufzeichnen, sind hübsch in ihrer Dreidimensionalität, ein spielerisches bühnenwirksames Beiwerk, setzen auch einige humorvolle Akzente, tragen aber eher zur Verunsicherung in dieser collagenhaften Inszenierung bei. Von den an der Bühnenseite drapierten Musikern in Kampfanzügen ertönt die bissige, schmissige Kampfmusik, die wir von Bert Brechts Theater kennen, und die ein gewaltiges Potiential an revolutionärem Pathos übertragen. Das ist das Beste.

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Ocana, Königin der Ramblas, B

Wie zuvor Denis Fischer entledigt sich nun auch Victor Petitjean des professoralen Straßenanzuges und wird zum Partner, zum Gefährten Nazario, der die verschiedenen Lebensabschnitte des bizarren, lebens- und liebeshungrigen Freundes Ocana mit seinem kraftvollen und großem Stimmvolumen begleitet. Denis Fischer mutiert vom jungen Studenten langsam zur spanischen Ikone der Subkultur mit allen Eigenarten, die diesen Menschen ausgemacht haben: seinen schillernden, schrägen Performences, seiner unbestritten großen malerischen Begabung, aber ungeschönt auch in seiner eigenwilligen Selbstdarstellung, in der er sich ebenso als schräge Tunte als auch als nachdenklicher Intellektueller ausweist. Getarnt ist seine traurige Seele als lautgreller Außenseiter einer Gesellschaft, die verklemmt, verlogen, verspiessert und grausam gegen andere und sich selbst ein langweiliges, enges und engstirniges leben verteidigt, nicht an den festen althergebrachten Traditionen und Riten rütteln lässt. Wie oft landet Ocana, die Königing der Ramblas, die in ihrer Welt heiß geliebt und verehrt wird, weil sie für ihrer aller Freiheit mit eigenen Waffen kämpft, im Gefängnis… Aber mit ungebrochener Nonchalance und taffer Selbstherrlichkeit beginnt sie immer wieder quicklebendig von Neuem für ihre Sache, anders zu leben und zu lieben, den offenen Kampf…

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