Category Archives: Regietheater

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Fremdes Haus, HB

Die Inszenierung ist gruselig und grausam. Ein indischer Slum ist geradezu eine Wohlfühlzone gegen diese Kanalrattenwohnwelt, in der die Häuser fensterlos und die Menschen hoffnungslos sich selbst und anderen das Leben so schwer wie möglich machen. Auf der gefluteten Bühne waten krass geschminkte Frauen und Männer im schmudeligen Wasser herum, in abgerisssener Kleidung und unter brutal harten Rhythmen. Ihre Perspektivlosigkeit lassen sie wie ein Schwarm Hornissen an dem zunächst einzig Unschuldigen aus, der jäh in ihr “Viertel” eindringt und sich als Verwandtschaft herausstellt: Jene hat seine Heimat Mazedonien verlassen, um bei den Verwandten im scheinbar goldenen Westen Asyl zu finden. Da ist Risto, ein früherer Freund von Jenes verstorbenen Vater, jetzt ebenso erfolglos wie verwahrlost; dessen Frau Terese gibt sich fürsorglich, eine Prostituierte naturgemäß zugänglich, die Cousine anschmiegsam und der angeheiratete Cousin feindlich. Damit sind zunächst einmal die äußeren Verhältnisse geklärt.
Was sich nach und nach als Familien- und Seelendrama entblättert, hat als Inszenierung das Manko einer nur unzureichenden dramaturgischen Bühnenversion eines Romans, ist aber als Theaterstück geschrieben. Dafür sind die Dialoge zu schmal, und die Monologe sprengen intellektuell und in ihrer epischen Länge den ohnehin schlaffen Spannungsbogen der Handlung. Dass man angesichts der furchtbaren prekären Verhältnisse, der Brutalität, der wütenden und hasserfüllten, sich in vorwiegend gossensprachlichem Jargon angiftenden Menschen. Dass man angesichts der furchtbaren prekären Verhältnisse, der Brutalität, der wütenden und hasserfüllten, sich in vorwiegend gossensprachlichem Jargon angiftenden “Familienmitglieder” ebenso fasziniert wie ungläubig diesem menschlich unwürdigem Dasein zuschaut, ist allein den hervorragenden Darstellern gezeitigt. Sie werfen sich mit aller schauspielerischen Kraft, die ihrem Rollenverständnis glaubhaft entspricht, in das Seelenmassaker, das persönliches Versagen in ein politisches sund soziales Umfeld stellt, ohne dieses allein verantworltich zu machen.

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Unterwerfung, HB

Aus der bösen, ja verzweifelten Kritik an der Unentschlossenheit der Intellektuellen und der alarmierenden Vision eine islamischen Regierungsübernahme im Jahr 20122 in Frankreich hat das Ensemble am Bremer Goetheplatz ein pubertäres Kaspertheater gemacht mit einem windelweichen Hochschullehrer François, der durch Inaktivität und phantasierte erotische Abenteuer ein Bild des wahren Jammers abgibt. Ihm zur Seite die lebenslustige Freundin Miriam, die weder emotional noch sexuell einen Widerpart in ihrem Freund findet. Annemaaike Bakker zeigt trotz aller Spärlichkeit einer undurchsichtigen wie unverständlichen Textbearbeitung und stringenter Dramaturgie eine berührende Darstellung . Sie ist voller Liebesfähigkeit, Zärtlichkeit, Lebendigkeit und – am Ende von erschütternder Traurigkeit. Warum sie an diesen Jammerlappen ihr Herz verloren hat , bleibt das Geheimnis der Liebe. Ansonsten ein kunterbuntes Durcheinander mit vier absonderlichen Typen, die auch klasse Musik machen. Die junge Jana Julia Roth wirbt sehr zärtlich mit einem Wehmutssong von Grönemeyer um François’ Realitätssinn. Widerstandslos läßt er sich von Miriam, die eigentlich längst als Jüdin nach Israel ausgewandert ist, und von seinem neuen und alten Wendehals-Dekan in die neue Männlichkeit des Islam einführen: Gebet, Kleidung, Frauen. Wer das Ganze als Schwank aufnimmt, könnte damit zurechtkommen.

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Untergang des Egoisten Johann Fatzer, B

Was immer man aus der Schlammschlacht dieser bühnen-unreifen Wortgefechte mitnehmen konnte, war in jedem Fall die überzeugende Intensität der Schauspieler, die sich schweißtreibend abrackerten, irgendwo Brecht nahezukommen. Ob als Lehrstück, als philosophischer Disput, ob als proletarische Version eines zum Scheitern verurteilten Humanismus – Denkangebote in bewährter eindeutig-zweideutiger Erkenntnis ganz nach Bert Brecht gab es reichlich. Ob man es besser in der Versenkung gelassen hätte, wäre zu diskutieren. Der Brecht-Verehrer Heiner Müller jedenfalls befand, dass dies Dilemma unauflösbar sei. „Brecht zu gebrauchen, ohne ihn zu kritisieren, sei Verrat“ – am Marxismus, Leninismus, an der Utopie einer proletarischen Weltordnung. Und die steckte an diesem Abend in silbernen Astronautenanzügen.

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Gaunerstück, HB, B

von Dea Loher Theater am Goetheplatz, Bremen, 2016 Gastspiel des Deutschen Theaters, Berlin (Uraufführung 2015) Regie: Alize Zandwijk, Bühne und Kostüme: Thomas Rupert, Musik: Beppe Costa, Choreographie: Miquel de Jong, Dramaturgie: John von Düffel, Licht: Thomas Langguth. Mit: Judith Hofmann und Fania Sorel als Maria, Hans Löw und Miquel de Jong als Jesus Maria, Elias Arens als Madame Bonafide und Juwelier Wunder, BeppeCosta als Porno-Otto,  Kleine Gauner auf dem Lebenskarussell Es gibt in diesem seltsamen Miteinander von prekären Typen aus

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Unterwerfung, OL

“Es ist die Unterwerfung”, der Gedanke, der dem Islam zugrunde liegt. Der grandiose und einfache Gedanke, dass der Gipfel des menschlichen Glücks in der absoluten Unterwerfung besteht, wie der Islam sie anstrebt. Denn das Wort “Islam” bedeutet übersetzt “völlige Hingabe”… Der Appell geht noch weiter und wird Francois zu einem glühenden Anhänger seiner neuen islamischen Regierung machen, in der Erwartung als Hochschullehrer über alle Maßen gut bezahlt, mit einer Villa bedacht und von mehreren Frauen beglückt, die sein tristes Leben nun endlich mit immerwährendem Sex und kulinarischen Genüssen ausfüllen werden.

Wenn das nicht verführerisch ist? Und somit erhält Jens Ochlast nach mehr als zwei Stunden spannungsreich erzählter Romanvermittlung stürmischen Applaus mit “standing Ovations” – und es sind nicht nur die männlichen Besucher, die ihn so frentisch feiern, sondern auch fast alle weiblichen, jung wie alt. Beim Verlassen des Theaters hört man doch auch den erleichterten Ausspruch, …”dass so etwas bei uns nicht denkbar sei”.

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Unterwerfung, B

Francois ist ein 40jähriger Literaturprofessor, der sich innerlich bereits aus einem lebendigen Dasein verabschiedet und sich in geistige und seelische Isolation geflüchtet hat. Der Patient Europas steht hier sinnbildlich für eine hilflose Haltung in politisch und gesellschaftlich existenziell wichtigen Fragen, die der Autor des Buches den Intellektuellen Frankreichs vorwirft. Die Inszenierung ist genauso indifferent wie der in einem Krankenzimmer ausgegliederte Hochullehrer, der außerhalb von Sex und Alkohol nach dem Sinn des Lebens sucht .
Wer mehr erfahren möchte, sollte sich mit dem Buch beschäftigen, wer die Entwicklung in der Gesellschaft beeinflussen will, sollte vom Krankenlager aufstehen und die Initiative ergreifen und sich nicht freiwillig in ein System fügen, dass die Grundwerte der westlichen Welt nicht akzeptiert. Damit hätte Houellebecq schon mal sein Ziel erreicht, und die neuerlich in den Medien aufgetauchte Frage, ob er selbst zu jenen Intellektuellen zählt, die sich still der Resignation hingeben, dürfte hiernach nicht mehr relevant sein. A.C.

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