Monthly Archives: November 2021

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Eurotrash, B

Ein langer herzlicher Schlussapplaus für ein eindrucksvolles Paar: Angela Winkel und Joachim Meyerhoff haben nach der autobiografischen Romanvorlage von Christian Kracht unter der Regie von Jan Fosse einen bemerkenswerten Abend gestaltet. Ohne die Bühnenpräsenz und schauspielerische Höchstleistung dieser beiden Protagonisten als Mutter und Sohn einer gebildeten bürgerlichen Familie mit übler Nazivergangenheit wäre das Erzähl-Drama wohl eher als langweilig, zumindest als langatmig zu beurteilen. Doch Angela Winkler als zarte, fast zerbrechliche alte Dame, zeigt nicht nur, welche Vitalität und Kraft sich in dieser vom Leben seelisch und körperlich geschundenen Frau verbirgt und welche mädchenhafte Lebendigkeit sie der Rolle der gebildeten und verrückten Mutter übertragen kann; ihre Stringenz, ihre Härte gegen sich selbst und den Sohn, den sie verzweifelt ob seiner und ihrer Schwachheit liebt, dies aber hinter Sarkasmus und zuweilen brutaler Offenheit mit energischer Führung verbirgt! Und Joachim Meyerholz als getriebener, sich nie anerkannt fühlender, dem eigenen Geschlecht nahestehender Christian, schaukelt trotz aller Emsigkeit hilf- und haltlos in dieser Welt, in der er letztlich ohnmächtig mitansehen muss, wie die Mutter immer wieder aus der Wirklichkeit in den Wahn flüchtet und sich mit Alkohol und Zigaretten und einer Wilde’schen Selbstironie den Lebensschmerz erträglich macht.

Ein großer Schauspielabend trotz schwacher Vorlage.

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Friedman im Gespräch, B

Mit einem Feuerwerk an Gedanken zum Thema „Fortschritt“ stellten sich im Berliner Ensemble drei Koryphäen der Berliner Geisteswissenschaft einem großen Publikum vor. Die Historikerin Hedwig Richter und der Soziologe Andreas Reckwitz durchleuchteten unter der ebenso eleoquenten wie stringenten Gesprächsführung des Philosophen und Publizisten Michael Friedmann verschiedene Lebensbereiche unserer Gesellschaft und zogen aus dem Fundus ihres akademischen Wissens soziale, soziologische, geschichtliche wie ethische Rückschlüsse, indem sie von einem zunächst abstrakten allgemeinen Begriff zu einer engeren, konkrete Bereiche umfassenden Analyse gelangten.

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Oedipus, B

Einen großen ästhetischen und musikalischen Genuss verspricht diese ungewöhnlichste aller Oedipus-Inszenierungen , die im verschwommenen Nebel eigenwilliger Arrangements in die Tiefe der klassischen Antike taucht, als die Menschen von Göttern fehl-geleitet in ihren Untergang gingen. Im Einklang mit eigenwilliger tänzerischer Schrittfolge deklamieren die Schauspieler einzeln oder als Chor-Gruppe in langsamer Silbensetzung den Ablauf des Dramas. Mit voller Wucht beherrschen die Instrumente unsere Wahrnehmung, nehmen die Entwicklung voraus, die um wenige Takte später die Worte der dunklen Gestalten aus fernen Zeiten umschreiben. Aber die alten Zeiten sind uns auf den Leib gerückt.

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Starker Wind,B

Wenn der Autor das gemeint hat, dass hier die jüngere Generation mit der Hinfälligkeit des Alters, das zuweilen anstrengend und aufreibend daherkommt, nicht konfrontiert werden und die traurige,eingeengte Lebenswirklichkeit des Alten nicht mehr wahrnehmen möchte, dann ist es ein böses, tragisches Stück. Denn wie traurig ist es, dass der Mann sich nurmehr an einen alten Kleiderschrank erinnert und an die wenigen Sachen, die er enthielt. Und dass er schließlich dem stürmischen Nordwind folgt, der durch das Fenster hereinbraust und ihn auffordert, sich hinauszulehnen…
Aber im Interview mit dem Dramaturgen, im Programmheft, enthält sich der Autor jedweder Interpretation. Es sei ein poetisches Gedicht nach Hölderlin und konstatierend: Theater sei die Kunst des Augenblicks, der sich nicht festhalten lasse und schon Vergangenheit sei, noch bevor er ende. Was wir fühlen, was wir denken, was wir sehen, sei wichtig und bestimme unser Sein. Die Protagonisten seien verloren im Dialog. Eigentlich ist es nur der Monolog eines Menschen, der die Orientierung in seinem Leben verloren hat. A.C.

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Die Briefe des van Gogh

Den dahinfließenden Strom wechselnder Gefühle und Spannungen greift die Musik in unprätentiöser Form auf. Um die Dramatik zu veranschaulichen, bedarf die Komposition keiner extremen Effekte, sondern versteht sich – mit romantischen Einschüben – als Vermittlerin, die dem Erzählrhythmus folgt, ihn begleitet und kommentiert. Das allein wäre schon ausreichend, um eine wundersame impressionistische Verschmelzung von farbiger Erzähl- und Tonkunst zu erleben. Das Leben Vincent van Gogh’, zwischen Hunger und Existenznot, zwischen höchster bildhafter Perfektion und wahnhafter Verzweiflung,´aus den Briefen zwischen Vincent und seinem Bruder Theo zusammengestellt, ist zu einer kunstvollen kleinen Kammeroper geworden.

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Der Bajazzo (Pagliacci), HB

Diesem Bajazzo ist nicht zum Lachen. Seine untreue Gattin spielt die gleiche Rolle hinter wie vor der Bühne, vergnügt sich mit verschiedenen Liebhabern, reizt ihren Mann aufs Äußérste bis er dem Theater schließlich ein Ende bereitet. So ist es, Schluß, aus, vorbei,die Komödie genauso wie das wahre Leben der kleinen Theatertruppe. Das ist alles sehr bunt und stimmstark inszeniert bis sich die Phantasie in eine Bildhaftigkeit verrennt, die nur wenig über die Darsteller, über ihre Gefühsleben, ihren Abschied aussagt, schwer zu deuten ist. Die Inszenierung bleibt trotz aller Bemühungen um eine einfallsreiche Choreografie seltsam entfremdet.