Category Archives: Oper/ Musiktheater

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Erbarmen, HB

Es ist ein Abend der Tränen und des Trauerns mit einer tief ergreifenden, allen Kummer der Menschheit umfassenden Passionsmusik, die von den Schauspielern mit intensiver Präsenz auf grauer Bühne mit schwarzen Baumskeletten dargeboten wird, und die der große Leipziger Kantor vor 400 Jahren allen Zweiflern in einer grandiosen Uraufführung mit zwei Chören und zwei Orchestern entgegensetzte, die befürchteten, seine Oratorien seien gar zu weltlich, zu opernhaft, zu oberflächlich.
Nur – in den meisten Kirchen geben Passionsmusiken wie diese irgendwie Mut und Hoffnung angesichts der Sonnenstrahlen, die zuweilen durch die bunten Fenster dringen, angesichts der kunstvollen Ausstattung vieler Altäre und Orgeln und angesichts einer erwartungsfrohen Stimmung in Gedanken und im Glauben an eine Beständigkeit des Guten, an eine immer wieder sich erneuernde gerechte, sich erbarmende Menschheit. A.C.

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Cavalleria Rusticana/Pagliacci, OL

Bereits die Overtüre gibt viel Zeit und Raum zur Einstimmung, und variiert zwischen erregten, bis zur Wildheit sich steigernden Szenen und einer zart gebremsten schwermütigen Harmonik. Es gibt keine Erlösung, die diesem Sonntag wohl anstünde. In dieser Spannung braut sich ein leidenschaftliches Spiel zusammen, in dem Ann-Beth Solvang als Santuzza, die um ihre Ehre und ihr Glück betrogene Geliebte von Turiddu, alle Register einer hilflosen, betrogenen Frau zieht. Denn wenigTrost auch findet sie bei Turiddu’s Mutter Lucia, die ebenfalls ahnt, dass ihr Sohn seit seiner Rückkehr aus dem Feld wieder seiner einstigen Geliebten Lola verfallen ist. Seine Leidenschaft ist nicht weniger zermarternd, denn wie würde er sonst die arme Santuzza dermaßen erniedrigen? Blind ignoriert er auch Lolas mächtigen Ehemann. Die Wogen der Eifersucht glätten die zeitweilig zwei Harfen, für himmlische Spärenmusik bekannt, fügen die Harmonie der Sehnsucht und der tiefen Liebe zwischen das Furioso der ekstatischen Racheorgien.

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Falstaff, HB

Nach einem atemberaubenden Auftakt spult sich der herbe Rachefeldzug gegen den noch an den Pranger zu stellenden Sir Fallstaff mit Schnelligkeit und Schwung und herbem Charme ab, geführt und gefolgt von einem blitzwachen Orchester, das Verdis Musik so treu bleibt, wie es Ohren und Sinne lieben – rundum ein großer Genuss, zuweilen vom fröhlich verdrehten Spektakel auf den verschiedenen Spielflächen irritiert, teilweise aber auch verwirrt von der auf eine medallionförmige Leinwand über der Bühne übertragenen großformatigen Präsenz der Sänger und Sängerinnen. Das verlangte sicherlich auch von den Darstellern eine doppelte Konzentration auf die musikalische Übereinstimmung mit der szenischen Interaktion. Doch insgesamt ein schmuckvolles Band, das sich hier um eine Gesellschaft windet, die sich erhaben über einen gescheiterten Menschen wähnt und doch selbst so voller Widersprüche und Doppelmoral ist. Dass der bloßgestellte Ritter von der mächtigen Gestalt nicht gar so traurig am Rande stehen bleibt, dafür sorgen köstliche textliche Bonmots (und instrumentale Spiegelungen), die ihm letztlich doch noch jene Würde verleihen, wenn Einsicht in Maßen und Überlebenskunst im Kampf gegen die eigenen Schwächen überwiegen. A.C.

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Imagine, HB

Imagine ist die großartige Hommage an eine einzigartige musikalische Epoche mit John Lennon und Yoko Ono – zwei ungewöhnlichen Persönlichkeiten, die sich in einer hoch explosiven politischen Ära in einer Friedensbewegung exponierten, die so hilflos, so rührend war und so wütend machte, dass aus einer hoffnungsfrohen eine sich verlierende Generation werden musste. Ihre Gefühle und Hoffnungen, ihre Sehnsüchte und Enttäuschungen spiegeln sich in der Vielfalt der songs dieses Künstlerpaares mit großer Innigkeit wider.
Welch ein Geschenk für das Bremer Theater, dass John Lennon für dessen Generaldirektor Yoel Gamzou “eines der größten musikalischen Vorbilder” darstellt, und dieser nun mit dem Lazarus- Regisseur Tom Ryser eine spannende und liebevolle, auch ein bisschen sentimentale Hommage mit eigens arrangierten Songs für Gesang, Band und Orchester einstudiert hat – auf einer mit Orchester und Chor eingerichteten Bühne unter einem Sternenhimmel, der natürlich „Imagine“ spiegelt: „Stell dir vor, es gibt keinen Himmel/ das fällt ganz leicht, wenn man es versucht/ unter uns keine Hölle, über uns nur Luft“.

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Die Zauberflöte, HB

Damit diese Oper auch für Kinder schnell erfassbar sein soll, hat sich die Regie diesmal einen durch das Stück führenden Sprecher (Herbert Baum) ausgedacht, der den Hergang der Handlung kommentiert, auch eingreift und mitspielt, diesmal sogar den Papageno, weil Luis Olivares Sandoval erkrankt war und Dominic Große aus Frankfurt erst am Morgen der Premiere in die Rolle als Papageno eingeführt werden konnte. Ob ein Entertainer eine glückliche Idee ist, werden wohl erst die Reaktionen des Publikums in den nächsten Vorstellungen ergeben. Das ist überhaupt das auch hier nicht gelöste Problem: ein in seiner Zeit, den Aufbruch und Umbruch in eine neue, freiheitlichere Gesellschaft ankündigendes Kunstwerk aus seinem Kontext neu zu deuten, um eine mögliche psychologische Grundaussage zu transponieren – kann glücken als Versuch im übereinstimmenden Rahmen von Musik und Handlung. Aber die Leichtigkeit des musikalischen Initiationsspiels wird im zweiten Teil gnadenlos auf eine bisher eher verdeckte sozio-psychologische Ebene des Generationenkonflikts übertragen.

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Die Briefe des van Gogh

Den dahinfließenden Strom wechselnder Gefühle und Spannungen greift die Musik in unprätentiöser Form auf. Um die Dramatik zu veranschaulichen, bedarf die Komposition keiner extremen Effekte, sondern versteht sich – mit romantischen Einschüben – als Vermittlerin, die dem Erzählrhythmus folgt, ihn begleitet und kommentiert. Das allein wäre schon ausreichend, um eine wundersame impressionistische Verschmelzung von farbiger Erzähl- und Tonkunst zu erleben. Das Leben Vincent van Gogh’, zwischen Hunger und Existenznot, zwischen höchster bildhafter Perfektion und wahnhafter Verzweiflung,´aus den Briefen zwischen Vincent und seinem Bruder Theo zusammengestellt, ist zu einer kunstvollen kleinen Kammeroper geworden.

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