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Die Familie Schroffenstein, HB

Ein Versuch, das romantische Familiendrama einer zum Morden verleiteten, ihren Erbanspruch verteidigenden Familiensippe in einer möglichst sprachgetreuen Inszenierung anzuspielen, hat sich offenbar in dieser szenischen Sparflammenfassung bisher gut verkauft, sonst hätte man sich wohl nicht zur wiederholten Aufnahme in die neue Spielsaison entschlossen. Diese Familiensaga ist Kleists Erstlingswerk, jugendlich sturm- und drangversessen, und doch im Ansatz voller Kraft und Leidenschaft. Wie er die Unerbittlichkeit der rachedürstenden, besitzgierigen Familien von Schroffenstein schildert, hat archaische Kraft und ist auch in unserer Zeit, wenn auch im subtileren Rahmen, durchaus nachvollziehbar. Hier sitzen sie am runden Tisch, eigentlich kilometerweit von einander entfernt auf ihren Burgen, sich verzehrend vor Hass und Rache und Trauer. Die Dramatik dieser Inszenierung vollzieht sich vornehmlich in ihrer sprachlichen Brisanz, die Darstellung bleibt reduziert. Die Wirkung ergibt sich aus dem Wort – und dem dürfte man durchaus noch mehr Nachklang geben.

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Macbeth, OL

Um die furchtbare Gesetzmäßigkeit der Tyrannei zu begreifen, bedarf es keines Gemetzels auf der Bühne. Dass hier und da ein Geist mit blutigem Gesicht undd rot durchtränktem Hemd erscheint, reicht vollkommen. Denn das wirkliche Grauen offenbart sich expressiv in Verdis genialem Kompositionsaufbau, und Hendrik Vestmann gibt Spiel und Spielern die Sporen; die Musik gewordenen Leiden und Leidenschaften, Sehnsüchte und Ängste, Liebe und Qualen durchdringen und durchfluten Raum und Zeit, stürzen sich in tiefste Tiefen und erklimmen gewaltige Höhen bis sie vom Wahnsinn erlöst werden. Macbeth erdrosselt seine Frau bevor sie in der Verwirrung ihre Verbrechen hinausschreit, und er selbst wird – von Marschrhythmen begleitet – von des ermordeten Königs Sohn Malcom bezwungen, dem Mann, der ihm am wenigsten gefährlich schien. Ein dramatischer Saisonauftakt!

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Cristina, Regina di Svezia, OL

Himmlische Chöre begleiten die irdisch tragische Lebensgeschichte der schwedischen Königin Regina, Tochter des im 30jährigen Krieg gefallenen Gustav Adolfs, die 1632 schon als kleines Mädchen die Verhaltensregeln der ernsten Regentin erlernt. Das Oldenburgische Staatstheater punktet zur Zeit mit einer deutschen Erstaufführung der lange versunkenen Oper, die zwischen Belacanto und Romantik einen schillernden Spannungsbogen aufbaut und bietet eine eingängig schwungvolle geleitete Inszenierung mit beachtlichen künstlerischen Höhenflügen an.
Das grafisch und dramaturgisch gut gemachte Programmheft schildert die geschichtliche Realität hinter der Bühnenversion. Leider verzichtet es auf die Vita der Sänger.

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Werther, HB

In der Bremer Inszenierung stellt Luis Olivares Sandoval als Werther eine starke, faszinierende und kraftvolle Persönlichkeit dar – ein gefühlsstarker Egoist, der Vernunft, Rücksichtnahme und Verzicht nicht auf sein Lebensprogramm geschrieben hat. Damit ist Sandoval im Verbund mit allen großen Tenören und Baritonen, die sich an der Ausformung von “Werther” versuchten, den inneren Konflikt zwischen einsichtiger Stärke und zerstörerischer Beharrlichkeit auszubalancieren, vor allem aber im Wanken und Schwanken eines so unbändigen Gefühlsmenschen, der mit der Zartheit inniglichen Werbens Charlottes Seele zutiefst berührt, nachdem er sie zuvor mit einem flammenden Gefühlsinferno zur Verzweiflung getrieben hat. Damit ist Charlotte, deren Herz Werther mit seinem letzten Druckmittel des angedrohten Suizids zu zerreißen droht, zum Spielball der Gefühle eines raubtierhaften Liebhabers und eines kühl kalkulierenden, unbestechlichen Ehemannes geworden. Für Nadine Lehner ist diese Rolle eine ungemeine Herausforderung, sich in dieser anstrengenden Inszenierung auf so mitleidslos offener Bühne ohne jegliches szenisches Beiwerk allen Schattierungen von Charlottes und Werthers Gefühlen zu stellen. Auf dem Podest vorgeführt und gefangen werden hier zwei Menschen zu einem wilden, wütenden, verwundeten Liebespaar, das nicht zusammenkommen darf.

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Iris Butterfly, B

1898, sechs Jahre vor der Madame Butterfly seines Freundes Puccini schrieb Pietro Mascaqni (Cavalleria Rusticana) seine erste große Oper, der noch 50 weitere folgen sollten – eine Sensation, denn es war die erste Japan-Oper des Verismo, eine bittersüße Homage an das Leben, ein Requiem für alle, die an ihren Hoffnungen und Illusionen scheitern mußten. Das Ende vorbereitend, beginnt auch diese überaus farbenprächtige, vielseitige und zauberhafte gesungene und gespielte Geschichte mit einem Requiem. Das Orchester läßt die kleine Overtüre trauervoll dahingleiten, zeichnet die weite, mit japanischen Wänden eingerahmte Bühne als eine sakarale Stätte, in deren Mitte eine runde Plattform für mancherlei Symbolisches dient: als Lagerstätte, als Zuflucht, als Ort der Träume und des Begehrens, aber auch der Täuschung und des Aufbegehrens, als Stätte des Lebens und des Todes.

Hier erwacht die Hoffnung der kleinen Iris auf ein besseres Leben, das sie bislang einsam und armselig mit ihrem blinden Vater verbringt, hier erstarrt die puppenhafte Geisha endgültig zur Vision, hier buhlen die Zuhälter um die Zärtlichkeit des jungen Mädchens, hier kämpft Iris um ihre Würde und Unschuld und kann doch ihrem Schicksal nicht entgehen. Unglaubliche Bilder einer verwirrend realen Welt irrlichtern über die Leinwände, erzählen zugleich die Geschichte der heute lebenden jungen Menschen in Japan, die sich dem Rausch des Events, des kurzen Amüsements hingeben, das alle Sinne verwirrt und täuscht.

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Die Hose, B

Fünf typische Vertreter einer Gesellschaft des frühen 19. Jahrhunderts geben hier eine Vorstellung ihrerselbst, entlarvt von einem Autor, der ihre Eitelkeiten wie ein meisterlicher Detektiv schonungslos entblößt. Ihre Vertreter auf der Bühne scheinen allesamt dem Simplizissimus entsprungen, Karikaturen, prall, drall, aufdringlich, grell – wie in der Commedia dell’Arte – alle Konventionen mit ätzender Spaßigkeit verhöhnend, überquirlt Sahne zu Butter schlagend. Die geistreich komisch-bitteren Bonmots und entlarvenden Wortwitzeleien werden schnell, zu schnell bisweilen heruntergeschnurrt, zermahlen, zerpflückt und passend florettiert in einer dominanten Männergesellschaft, deren Horizont sich beschränkt und begrenzt auf dröhnenden “Gesang” am Stammtisch, wo sich Engstirnigkeit, bürokratische Überkorrektheit, Urteil und Vorurteil, Hochmut und gefährliche Dummheit einen Thron der Selbstherrlichkeit errichten. Prototypen einer Epoche, die in ihrer blinden Absolutheit geradezu auf ein Desaster zugehen mußte. Dass dies Stück seinerzeit zum Skandal wurde und den Berliner Polizeipräsidenten Traugott von Jagow sogleich zu einem Verbot aus “Gründen der Sittlichkeit” veranlaßte – und die Premiere nur durch die dilpomatische Begleitung der Schauspielerin Tilla Durieux gerettet werden konnte, machte es natürlich schon 1911 zum absoluten “Hit” aller Berliner.

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