Category Archives: Klassik/ Moderne

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Die Gerechten, OL

Das wäre der historische wie zeitgemäße Ansatz für eine spannende, unter die Haut gehende Inszenierung gewesen: die Regierungsmacht bedient sich auf unglaublich zynische Weise einer Gruppe junger, radikaler sozialkritischer Studenten, die sich mit allen Konsequenzen den Zielen gerecht verteilter Besitzgüter in einer humanen Gesellschaft verschrieben haben. Sie alle sind das Opfer einer infamen Inszenierung, deren mächtige Drahtzieher sie als Handlanger für das Attentat an dem Großfürsten benutzen, einem Onkel des Zaren, der ins Moskauer Abseits geschoben wurde und dessen Inkompetenz und Eigenmächtigkeit der Obrigkeit schon längst ein Stachel im Fleisch ihrer eigenen Vetternwirtschaft ist.

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Halpern und Johnson, B

Zwei Männer und eine Frau – ein alter Stoff, der immer wieder gut ist für eine Komödie, für ein Drama, für eine Geschichte, die jedermann erreicht. Und wer könnte so genial den schmalen Grad entlang wandern, der diese beiden Genre miteinander verbindet wie der jüdisch-amerikanische Autor Lionel Goldstein – und wer könnte diese traurig-schöne Liebesbeziehung zweier Männer zu einer Frau so emphatisch nachspielen wie die beiden Charakterdarsteller Gerd Wameling und Udo Samel! Ein dringender Appell: Es darf nicht bei nur diesem einen Gastspiel bleiben!
Denn was als Lesung angekündigt ist, erweist sich – trotz der Tisch-und Stuhl-Requisiten und der vorliegenden Textbücher – als temperamentvolles, feinnerviges, hintergründiges Spiel zweier Männer, die einander viel zu erzählen hätten – vorläufig aber wie zwei Kater um den heißen Brei herumschleichen. Da ist der eine, der Ehemann, der seine Frau tränenreich betrauert, und mit ihm, am Grab zur gleichen Zeit, ein anderer, ihm unbekannter Mann, der einen Strauß bunter Blumen auf das frische Grab legen möchte, was gegen die Regel einer jüdischen Bestattung ist. Sie wussten und wissen vorerst nichts von einander, ihr Erstaunen ist im gleichen Maße mit Misstrauen gepaart, und es wird vier aufregende Episoden lang dauern, bis sie die Wahrheit über ihre gemeinsame Liebe, über ihre Situation, die geliebte Frau und last not least über sich selbst gefunden haben.

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Das Leben ein Traum, OL

Die Bühne ist kein Traum, sondern ein Alptraum: lichtdurchflutetet zwar, aber durch die schmalen hellen Längsstreifen, die sich über die dunklen Wände und den Boden bis zur Rampe hinziehen, dann doch eher Gefängnis als ein gemütlicher Lebensraum. Und in der Mitte ragt ein Zylinder in die Höhe, eingezäunt mit langen Seilen, die, einem schmalen Gitter gleich, das Verlies für den armen Sigismund darstellen. Der lebt dort seit Säuglingstagen nachdem die Mutter bei seiner Geburt starb, und der Vaterkönig dem Kind nicht nur die Schuld am Tode der Gattin gab, sondern sogleich den schrecklichen Visionen der Sternendeuter und anderen Wahrsagern vertraute, die dem Prinzen schlechtmöglichste Eigenschaften andichteten, mit denen er König und Polen einst in das Verderben stürzen würde. Und wie bei Vorhersagen üblich, bekannt aus der Antike, wird der bedrohliche Faktor erst einmal aus dem Weg geräumt. Was dann folgt, 20 Jahre später, ist eine vergnügliche, tiefgründige Satire.

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Hexenjagd, HB

Erschütternd wie alle Dramen von Arthur MIller ist und bleibt immer das unfassbare, niemals ganz zu fassende Thema psychischer Abgründe, die sich im Wahnsinn unreflektierter Ideologien und Glaubensdiktakte ihr Ventil suchen, und denen die einfachen Menschen hilflos ausgeliefert sind, wenn eine unzugängliche Obrigkeit ihre Macht ungebremst demonstrieren kann. In Bremen erfüllt Regisseur Klaus Schumacher die Aufgabe ganz im expressionischen Sinn und steigert die Selbstsucht und Engherzigkeit der sich gegenseitig an den Galgen liefernden Dörfler in einer atemberaubenden dramatischen Zuspitzung. Eine unheimliche Choreographie auf düsterem Bühnenboden umrahmt diesen Hexentanz der unbedacht ins Bösartige abgedrifteten Kinderbande bis zu einer sich verselbständigen Inquisition in mehrfachem Sinne. Was zunächst noch vielleicht als kitzliges Spiel mit dem Unheimlichen bei nächtlichem Tanz um das Feuer galt und die Phantasie und Sinne der jungen Mädchen benebelte und in taumelnde Exstase versetzte, wird durch die Wahnidee des hysterischen Dorfpfarrers zur lodernden Flamme, die fast alle ins Verderben stürzen wird. Eine Parabel, die wohl leider ewige Gültigkeit hat und aktuelle Parallelen besitzen wird – solange Menschen ihre Frustationen, ihre Leidenschaften und unterdrückten dunklen Seiten in Glaubensdogmen pressen können. Wie der Autor, so kennen auch hier die Darsteller keine Gnade mit den Charakteren, die sie gnadenlos an den Pranger stellen.

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Der gute Mensch von Sezuan, HB

Wahrscheinlich aus pädagogischen Gründen, und weil man doch meint, das Vermächtnis Berthold Brechts hüten zu müssen, zeigt man in gewissen Abständen seine Werke, verschlankt, aufgepeppt mit Modernismen, karikiert in der Personenausformung, aber doch mit Anspruch der Moral auf deutschen Bühnen. Jetzt also “Der Gute Mensch von Sezuan”: in der Hauptrolle zwei junge Schauspielerinnen, die die arme, gutmenschliche Shen Te und ihr zweites, strengeres Ich mit Überlebenswillen, als Vetter Shui Ta, gleichzeitig als inneres und äußeren Schattenspiel darstellen. Das verquirlt ein wenig durcheinander und führt zuweilen zu Irritation.Vielleicht auch steht das geschundene, stumm schreiende Ich zu sehr im Vordergrund, während die tapfer kämpfende männliche Seite des Mädchens sich erst allmählich entfalten kann. Drumherum viel arme, böse, gerissene, traurige, hungrige Menschen aus dem Kiez. Aber ihnen kann geholfen werden. Wodurch? Keine Ideologie erreicht, was der Mensch aus Liebe schafft. Und so können die drei Götter wieder einigermaßen zufrieden abziehen. Die Zuschauer auch.

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Die Familie Schroffenstein, HB

Ein Versuch, das romantische Familiendrama einer zum Morden verleiteten, ihren Erbanspruch verteidigenden Familiensippe in einer möglichst sprachgetreuen Inszenierung anzuspielen, hat sich offenbar in dieser szenischen Sparflammenfassung bisher gut verkauft, sonst hätte man sich wohl nicht zur wiederholten Aufnahme in die neue Spielsaison entschlossen. Diese Familiensaga ist Kleists Erstlingswerk, jugendlich sturm- und drangversessen, und doch im Ansatz voller Kraft und Leidenschaft. Wie er die Unerbittlichkeit der rachedürstenden, besitzgierigen Familien von Schroffenstein schildert, hat archaische Kraft und ist auch in unserer Zeit, wenn auch im subtileren Rahmen, durchaus nachvollziehbar. Hier sitzen sie am runden Tisch, eigentlich kilometerweit von einander entfernt auf ihren Burgen, sich verzehrend vor Hass und Rache und Trauer. Die Dramatik dieser Inszenierung vollzieht sich vornehmlich in ihrer sprachlichen Brisanz, die Darstellung bleibt reduziert. Die Wirkung ergibt sich aus dem Wort – und dem dürfte man durchaus noch mehr Nachklang geben.

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