Category Archives: Neue Inszenierungen

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Die tote Stadt, HB

Ein sehr kunstvolles, phantasiereiches Bühnenarangement, das das Orchester in den Mittelpunkt stellt und die Protagonisten davor placiert, wird der Intention des Komponisten mehr als gerecht. Die Videoeinspielungen, die Ursachen und Hintergrund der bizarren Verstörung des Malers Paul symbolisieren sollen, kann man gesondert betrachten. Der vom Leben und Tod seiner geliebten Gattin besessene, sich in eine nekrophile Anbetung rettende Mann jedenfalls wird nach und nach sein Leben und das seiner neuen Geleibten, die das Ebenbild der Verstorbenen zu sein scheint, durch seinen Wahn mit Sicherheit zertören. Dass Maria auf dem Heiligensockel verschiedene Ratschläge erteilt, gehört zu seiner depressiven Wahrnehmung, und dass Marietta Lebenslust und Liebesfreude mit elementarer Leidenschaft verkörpert, stürzt Paul nur in noch tiefere Paranoia. Phantastische Sänger, eine eigenwillige Inszenierung und ein in die Tollheit getriebenes Orchester, das aber genauso aller Wehmut und Sehnsucht die Waage hält.

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Oceane, B

Die ursprüngliche Fassung von “Oceane” stammt von Theodor Fontane und ist Fragment geblieben. Literaturwissenschaftler sind der Ansicht, dass diese Frauenfigur für den Dichter nicht greifbar, nicht real genug war, dass er sie mit seinen Intentionen nicht genügend in Szene setzen konnte. Das ist wohl nur die halbe Wahrheit. Denn der jetzige Librettist Hans Ulrich Treichel und der Komponist Detlev Granert haben eine zwar unduchsichtige, durchscheinende Meeresfrau geschafffen, aber doch um sie herum die bigotte und preußisch strenge Gesellschaft als psychologische Ursache für das Scheitern der jungen Frau auf Erdengrund sehr eindringlich musikalisch und szenisch transparent gemacht. Die Meeresjungfrau Oceane-Undine scheitert nicht an der fehlenden Sprache, sondern im übertragenen Sinn an der Unfähigkeit beider Seiten, einander zu verstehen. Ein dynamisches, hochgradig ästhetisch über die Bühne im Ambiente eines tschechowschen Millieus aussterbender Gesellschaftsschichten gleitendes Drama um unmögliche Menschwerdung in einer unmenschlichen Gesellschaft. A.C.

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Die Italienische Nacht, B

Wer die feinen Pfeilspitzen innerhalb dieses bajuwarischen Gerangels nicht zu sppüren vermag und eine kraftvollere Version dieses Themas angesichts der Gewalttätigkeiten der neuen Rechten in unseren Tagen bemängelt, hat viele Angebote, sich andere Inszenierungen zu diesem Thema anzuschauen, könnte aber auch noch einmal in aller Konzentration die Video-Aufnahmen in den Mediatheken ansehen. Die Unheimlichkeit, mit der Ostermeier dieses “Volksstück” untermalt, ist ausreichend suggestiv und das wüste Spiel scheint ein gefundenes Fressen für die Riege der Vollblutschauspieler, die hier zahlreich an der Liebe, an den Kämpfen, an der Verzweiflung und Traurigkeit, aber auch an am zähen Willen und der Selbsterhaltung ihrer Charakltere festhalten. Und der Spaß am Toben, an den Wortgefechten, an der Klopperei, am hintergründigem Witz der Berliner Schnauze, an tiefer Situationskomik, die zeitweilig den Schatten durchdringt, der über dieser Nacht liegt, die so ganz verkorkst daherkommt, läßt nicht einen Augenblick Zweifel an der Aktualität dieses Kunst-Stückes aufkommen.

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Ruhm, B

von Daniel Kehlmann, Bühnenfassung Erik Schäffler Vagantenbühne Berlin, 2019 Regie: Hajo Förster, Ausstattung Olga Lunow mit: Lisa Marie Becker, Marion Eiskis, Felix Theissen, Urs Fabian Winiger Wenn das Ich verloren geht… Das ist ein teilweise vergnüglich-infames Spiel um die eigene Identität, um Entscheidungen, die ein jeder in seinem Leben zu treffen gezwungen wird, zu Taten, denen oft nichts mehr hinzufügen ist; sie geschehen, sind geschehen und nicht mehr revidierbar. Und dazu ein Marionettenkünstler, ein Dichter, der Schicksale literarisch bearbeitet und

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Ismene, B

von Lok Vekemans, Deutsch von Eva Maria Pieper Deutsches Theater Berlin, Kammerspiele ,2019 mit Susanne Wolff als Ismene Regie: Stephan Kimmig, Bühne und Kostüme: AnneEhrlich, Dramaturgie: John von Düffel, Licht: Ingo Greiser, Regieassistenz: Bettina Ihde, Soufflage: Dorothea Bartelmann, Inspizienz: Erika Kurth-Luxath Erinnerungen aus dem Schattenreich Ismene ist die Schwester der antiken Heldin, deren Name nicht genannt werden darf; Ismene ist die Zurückgebliebene der ausgelöschten Familie des thebanischen Herrschergeschlechts, zurückgeblieben im Reich der Toten, deren eigener Fluch es ist, auch hier

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Die Entführung aus dem Serail, HB

Bereits mit der schön schmelzenden Overtüre gerät man ins Zweifeln: was spielt sich da oben im Guckkkasten auf der Bühne eigentlich ab? Partygewirr, Gläser, Tanz, eng an eng hocken die Leute auf einem braunen Kunststoffsofa, alles ziemlich trist. Die Kleidung ist auch nicht gerade das, was man vom Rokoko kennt. Überhaupt ist diese ganze Aufführung gewollt farbarm, der schöne Schein ist seines Glanzes beraubt. Man ist so eine Entzauberung zwar gewöhnt, und nicht immer erschließt sich sofort der Sinn, dieses Mal aber schon nach kurzer Zeit: denn die Partygesellschaft von heute ist die gleiche Amüsiergesellschaft von gestern und vorgestern, und auch die zu Zeiten Mozarts, der, als er dieses scheinbar märchenhafte Spiel in seiner Phantasie in Noten umsetzte, dabei weitaus tiefsinnigere Absichten hegte als in erotisch überspannten oder gefühlsduselig strapazierten Inszenierungen auf deutschen Bühnen oft vorgeführt worden ist.
Und somit ist diese Oper eigentlich ein großes Drama, nur so zuckerwatteleicht verpackt, dass durch die rosa Wölkchen das kleine rote Hackebeilchen, dass eines Tages alle Liebe zerstören wird, nicht wirklich ernst gemeint ist, nur so, als Mahnung. Denn letztlich sitzen sie alle mit ihren alter egos wieder nett beisammen in ihrer Partygesellschaft – doch es ist nichts mehr so wie es vorher war! A.C.

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