Category Archives: Neue Inszenierungen

Permalink to single post

Ödipus/Antigone, HB

Sämtliche Werke Shakespeares in 100 Minuten – Sophokles: zwei Meisterwerke der Antike in 70 Minuten –
wer ist schneller, lustiger, aktueller? Aber wo bleibt die klassische Grundlage? – Alle rufen nach Bildung, wie sieht die aus?
Hier sieht sie so aus: Eine moderne Wohnecke mit großen Fenstern mit Meeresblick, rundum Wasser, Bühnenskizze eines Mythos in der Ägäis, aus 2500jähriger Vergangenheit in die Jetztzeit gebeamt. Talkshow des Familienrats nach Comedy-Art. Abspulung einer Familientragödie mit schwarz-humoristischem Einschlag. Es wird schnell, für das allgemeine Verständnis, zu schnell dahergeplappert, pausenlos, ohne Punkt und Komma – Schmerzempfinden und Mitgefühl in diesem Familienkonflikt sind nicht vorgesehen, werden verdrängt, davongespült vom nicht endenden Redefluss aller Beteiligten. Aber diese Methode hat eine Antwort.

Permalink to single post

Rusalka, HB

In der Bremer Inszenierung entfaltet sich mit dieser wundersamen Komposition zwischen Liebe und Verzicht, flirrender Geisterhaftigkeit und grausamer Wirklichkeit, zwischen Ermahnung und Trotz, zwischen Eroberung und Vernichtung eine in allen Klangfarben schwelgende, aufbrausende, blühende orchestrale Vielfalt unter der Leitung von Hartmut Keil. Die Sänger können sich trotz auferlegter Bewegungsarmut stimmlich befreien und eine nymphenhaft kämpfende Patricia Andress als Rusalka, ein tief bewegter und sonorer Claudio Oteli als Wassermann, zärtlich werbend Luis Olivares Sandowal als Prinz, Nadine Lehner als teuflisch schöne, grellspitze Liebhaberin, erdverbunden fest Loren Lang als Förster, abgrundtief röhrend Romina Boscolo als undurchschaubare Hexe und gar lieblich betörend die drei Wassernixen in ihre Welt und ihren Gemütszustand versetzen, was angesichts der wenig inspirierenden Regie und Bühnendekoration nicht so einfach ist.

Permalink to single post

La Bettleropera, B

Wer die klassische Version von Bert Brecht und Kurt Weill sucht, wird wenig finden. Sowie der Titel bereits Verwirrung stiftet, gleicht auch dieses Stück einem nur schwer entwirrbaren Knäul voller Einfälle, Abstrusitäten einer sexistischen Gemengelage, alles verquickt in schlichter Textführung, wirbelnden Tänzen und moderner Musik mit Pop und Rock und allerlei schönen Klängen, die zu einem komischen Bordell-Musical eigentlich nicht so recht passen. Für die Anhänger dieser seit …. Jahren beliebten Neuköllner Kulturstätte, die sich heute mitten im Zeitgeist phanatasievoller Darstellungsvariationen behauptet, war dies zweistündige muntere Spiel ein Vergnügen, ungeachtet der ersnthaften Schlusspointe, die dnan doch überraschte.

Permalink to single post

Hundesöhne, B

Zuerst erinnert die trübselige Geschichte der ausgestoßenen Zwillinge Lucas und Claus an das häufig analytisch betrachtete Märchen der Gebrüder Grimm von Hänsel und Gretel. Wie dort lernen auch hier in dem ersten Buch der ungarisch-französischen Autorin die Kinder, die hier zwar ein Brüderpaar sind, aber als Mädchen und Jungenrolle besetzt sind, für einander einzustehen, nachdem ihre notleidende Mutter sie an die entfernt lebende Großmutter (an der Grenze) abgegeben hat, die sie mehr mitleidig als wütend “Hundesöhne” nennt. Doch nun nimmt die Geschichte einen anderen Verlauf als im Märchen: es gibt kein süßes Knusperbrot, sondern harte Arbeit, Entbehrung und wenig gute Worte, wenn auch die Großmutter hier eher einer verhärmten, lebensmüden alten Frau als einer Hexe gleicht, als die man sie im Dorfe bezeichnet. In Zeiten des Krieges und der Revolution lernen die Kinder, sich abzuhärten, schwere Arbeit zu verrichten, dennoch in der Bücherei nach Lesestoff und Schreibzeug zu suchen und sich gegen die verschiedenen Formen des Missbrauchs durch die Erwachsenen emotional und physisch zu wappnen. Dabei entstehen Dialoge, knapp und erschütternd wie folgender: “Grossmutter: Wer war das? Lucas/Claus: Wir selber, Großmutter! Großmutter: Ihr habt euch geprügelt, weswegen? Lucas/Claus: Wegen nichts, Grossmutter. Machen Sie sich keine Sorgen. Es ist nur eine Übung…” Die kühle, karge Sprache ist ein schmerzliches Stilmittel, um jeglicher Sentimentalität vorzubeugen, aber zugleich die Härte und Kälte des menschlichen Misstrauens um des Überlebens willen zu enthüllen. Linda Vaher und Loris Kubeng zeigen als Kinder eine erschütternde Gleichmütigkeit, mit der sie ihre eigene völlig wert- und moralfreie Lebens-und Handlungsstrategie entwerfen.

Permalink to single post

Scherbenpark, HB

In Bremen bestimmt ein großer, weiter lichter Raum mit riesigen farbintensiven surrealistischen Gemälden an den Wänden die Bühne, die eher einer Malerwerkstatt ähnelt, die gesamte Aufführung. Hier spielt sich zumeist auf dem Boden, zwischen Farbtöpfen, Kleidungsknäueln und auf rollbaren Tischen ein wichtiger Lebensabschnitt der 17jährigen Sascha ab, die jäh den gewaltsamenTod ihrer Mutter und deren Freund verarbeiten, ihre jüngeren Geschwister betreuen und eine aus Russland angereiste Tante beaufsichtigen muß. Sascha ist überaus intelligent und couragiert und fühlt sich für alle und alles verantwortlich. Gleich zu Beginn offenbaren sich ihre Ohnmacht und Wut, ihr Hass und ihre unendliche versteckte Trauer mit zwei markanten Träumen: Sie will ihren Stiefvater, der die Mutter und deren Freund erschoss, nach seiner Entlassung aus der Strafanstalt umbringen, und sie will ein Buch über ihr Mutter schreiben, die so schön und gut, doch zu dumm war, um die Warnung ihrer klugen älteren Tochter ernstzunehmen. Eine lebendige Inszenierung, die aber den intensiveren Roman nicht ersetzen kann.

Permalink to single post

Candide oder Der Optimismus, HB

Leonard Bernstein läßt die lange Zeit verfemte Gesellschaftssatire des französischen Schriftstellers und Denkers Voltaire in musikalischer Bildsprache auferstehen und umgibt sie mit einer Virtuosität, die, wie gewohnt, zwischen Musical, Oper, Operette immer einfühlsam, zuweilen zärtlich, dann wieder grell-katastrophal changiert und hohe wütende Wellen auftürmt, wenn es an physische, psychische und moralische Grenzen geht. Die Bremer Inszenierung läßt die Erzählung des Franzosen in der Neufassung von John Caird aus dem Jahr 1999 in großer Orchesterbesetzung der Scottish Opera Version spielen, die den Handlungsablauf strafft und sich auf die philosophische Auseinandersetzung konzentriert. Ein phantasievoller, farbenprächtiger Bilderreigen mit so viel Lebendigkeit, dass man beinahe vergißt, dass es sich hier um eine philosophische Auseinandersetzung von Leben und Tod handelt.

« Older Entries