Category Archives: Neue Inszenierungen

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Ocana, Königin der Ramblas, B

Wie zuvor Denis Fischer entledigt sich nun auch Victor Petitjean des professoralen Straßenanzuges und wird zum Partner, zum Gefährten Nazario, der die verschiedenen Lebensabschnitte des bizarren, lebens- und liebeshungrigen Freundes Ocana mit seinem kraftvollen und großem Stimmvolumen begleitet. Denis Fischer mutiert vom jungen Studenten langsam zur spanischen Ikone der Subkultur mit allen Eigenarten, die diesen Menschen ausgemacht haben: seinen schillernden, schrägen Performences, seiner unbestritten großen malerischen Begabung, aber ungeschönt auch in seiner eigenwilligen Selbstdarstellung, in der er sich ebenso als schräge Tunte als auch als nachdenklicher Intellektueller ausweist. Getarnt ist seine traurige Seele als lautgreller Außenseiter einer Gesellschaft, die verklemmt, verlogen, verspiessert und grausam gegen andere und sich selbst ein langweiliges, enges und engstirniges leben verteidigt, nicht an den festen althergebrachten Traditionen und Riten rütteln lässt. Wie oft landet Ocana, die Königing der Ramblas, die in ihrer Welt heiß geliebt und verehrt wird, weil sie für ihrer aller Freiheit mit eigenen Waffen kämpft, im Gefängnis… Aber mit ungebrochener Nonchalance und taffer Selbstherrlichkeit beginnt sie immer wieder quicklebendig von Neuem für ihre Sache, anders zu leben und zu lieben, den offenen Kampf…

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Siroe, Re Di Persia, OL

Das barocke Lustspiel um Macht, Vater- und Frauenliebe, Familienehre und Selbstdarstellung ist mit einer amüsanten und zugleich nachdenklichen Inszenierung am Staatstheater einmal wieder zu einem großen Ereignis geworden. Farbenprächtig und sangesfreudig mit erwarteten und gewohnten stimmlich ausgeschmückten Höhenflügen und Capriolen, mit darstellerischem Pfiff und musikalischer Galanterie ist es in den rauhen Zeiten nach dem siebenjährigen Krieg im Sachsen August des Starken in neuer Überarbeitung des Komponisten erstmalig wieder aufgeführt worden – ein Spiegelbild nicht nur der höfischen Gesellschaft.

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Maria, Ol

Ursprünglich war es ein Kriminalfall, dann ein Versepos, dann eine Opernfassung mit einer klar gefassten Horrorgeschichte – dennoch ist ein romantisches Werk daraus geworden, zunächst bejubelt, dann vergessen, nun wieder ins Licht des Staatstheaters in Oldenburg gestellt. Unter der musikalischen Leitung von Hendrik Vestmann und der Regie von Andrea Schwalbach ist ein anderthalbstündiges Werk entstanden, das in der Verdichtung des Vater-Sohn-Konflikts, dem das Mädchen Maria -die große Liebe des jungen Waclaw- zum Opfer fällt, alle Höhen und Tiefen von Empathie und Emotio mit einer ungemein farbigen Orchestrierung und größtem sinfonischen Schwung packend auf die Bühne bringt . Innerhalb einer sparsam martialischen grauen Bühnenburg, dies für Romantik eigentlich keinen Raum in seiner ausweglosen Enge bietet, bringt diese Inszenierung alle Facetten einer unstandesgemäßen Liebe im tödlichen Griff der Macht zur Entfaltung – dank einer wie immer vorzüglich agierenden Chorgmeinschaft und einer harmonisch aufeinander ausgerichteten Stimmenführung .

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Geächtet, OL

Ist das Ende vom Lied die bittere Erkenntnis, dass keiner dieser Emigranten – selbst in zweiter oder dritter Generation – seine Tradition, seine Wurzeln einfach so ablegen kann, dass Ungleichheiten bei sich selbst und dem anderen bitter ernst und übersensitiv wahrgenommen und verurteilt werden, und dass die Gesellschaften insgesamt ihre interkulturelle Belastbarkeit überschätzt haben und stets wieder in Klischee-Vorstellungen verfallen, die das Oben und Unten in einer Gemeinschaft unlöschbar markieren und ein gleichwertiges Miteinander unmöglich machen? In diesem Spiel um die Identität des amerikanischen Pakistani Armir und den amerikanisch-jüdischen Isaac werden diese Fragen schmerzhaft lebendig, und die Antworten bleiben offen. Dem Autor dieses und anderer ausgezeichneter Dramen, den 1970 als Sohn pakistanischer Einwanderer in Milwaukee aufgewachsenen Ayad Akhtar, ist eine Antwort gelungen: er beschreibt analytisch exakt die Widersprüche kultureller Identität und läßt uns durch eine subtile Offenbarung der betroffenen Menschen deren Zerrissenheit intensiv miterleben.

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Ein Haus in der Nähe einer Airbase, HB

Wie fern dieser deutschen Kleinfamilie türkischen Ursprungs jegliche südliche, angeblich urwurzelheimische Mentalität liegt, erfahren wir durch einen einheimischen Verwandten, der – wohl als das intellektuelle alter ego des Autors – sehr viel kluge Gedanken äußert, aber nicht begreift, warum ihm die neu zugezogene Familie weder finanziell helfen noch kreativ unterstützen will. Denn einem Theaterschriftsteller mit momentaner Schreibblockade und einem Alkoholproblem sollte die Verwandtschaft doch nach alter Sitte bereitwillig zur Seite stehen. Seine ansatzweise durchaus bedenkenswerte Argumente, die um Klischees, Tradition und Religion, Demokratie, Land und Politik, um Heimat und Zugehörigkeit kreisen, werden im Anschluss an die Aufführung mit dem Autor im Foyer diskutiert.
Vielleicht muß solch eine Gedankenflut, wie sie hier nonstop im erzählten Spiel oder in gespielter Erzählung angerissen wird, noch geordnet und gebündelt werden, um aus den vielen Ansätzen ein dramatisches Gleichnis herauszufiltern (Soldatenschicksale in Religions- und Eroberungskriegen der Neuzeit, Idealisierung des Heimatgedankens in einer globalisierten, vielsprachigen Welt, Generations- und Traditionsfragen ohnehin). Dem Autor möchte man sprachliche Brillianz bescheinigen, und den Schauspielern gebührte verdienter Beifall für eine großartige Charakterisierung der vier Persönlichkeiten, die dieses Spiel nachhaltig bestimmen.

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Lucia di Lammermoor, HB

Weil die Geschichte ja eigentlich bekannt ist, muss natürlich die Szenerie angereichert und ausgeschmückt werden, um den Sängern und dem Publikum neben dem Ohrenschaus auch eine neue Fassung zu bieten. Da dies ja bekanntlich nicht bei allen Inszenierungen glücken kann, ist es diesmal besondern erfrischend, die Vielfalt von Regiekunst und Dramaturgie, exakt ausgeleuchtetem Bühnenambiente und stimmiger Choreografie zu sehen. Und alles passt exakt: ein temperamentvolles Orchester begleitet unter dem Dirigat von Olaf Bomann stimmungsexakt Höhen und Tiefen der Liebenden und der Kontrahenten, läßt Lucia, die Lichtgestalt, von Harfe und Glasharmonioka bereits in hauchzarte, schon nicht mehr fassbare Gefilde des Wahns entfleuchen, treibt Birger Radde als den tyrannischen Lord Enrico in eine furchterregende martialische Exzesse, und läßt seine bleichgesichtigen Getreuen, den Priester Raimondo in der kurzbehosten und tätowierten Horror-Version von Christoph Heinrich tiefgrundig und doppelzüngig sein Spiel treiben wie den Berater Normanno im Kanzlerrock und Januskopf im treuergebenen Gefolge. Und so tricksen die drei von der Macht die arme Kleine mit Lügen über den fernen Verlobten hinterhältig aus und treiben sie in den Abgrund. Dass sie selbst durch Lucias Wahnsinnsmord an dem verhassten Gatten auch ins Verderben stürzen, ist eine befriedigende, dem Publikum gezollte Gerechtigkeitsvariante.

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