Author Archives: A. Cromme

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Michael Kohlhaas, OL

Die beiden Autoren Dahlem und Krampe haben die verschlungene Erzählung stark verschlankt und relativ eingängig und logisch aufgearbeitet, wenn auch – eine Krankheit des modernen Theaters – der Text immer viel zu schnell gesprochen wird. Aber abgesehen davon zeigt das mitreißende Ensemble eine kurzweilige, spannende,ergreifend gespielte Fassung, eher als Performance als im klassischen Sinne. Es wird erzählt und getanzt, das Erzählte wird spielerische umgesetzt und gewinnt dabei an Kraft und Dynamik – was eben noch Geschichte war, wird jetzt zur erlebten Darstellung, wobei die harten Rhythmen der Band zweierlich provozieren: den degenertierten Adel in seiner dümmlichen Erbärmlichkeit vorzuführen. Prächtig vulgär schwoijen und umrappen die beiden Tronka-Vettern – Jan Breustedt und Gajko Geithin als Hinz und Kunz – mit hinterhältiger Abgefeimtheit den zunächst noch völlig verwirrten Roßhändler, der ob der ihm unbekannten Passierscheinverordnung freundlich hilflos um Aufschub der Zahlung bitttet bis er vom Markthandel zurückgekehrt ist. Junker Wenzel von Tronka, der dem ehrenwerten Vater kein gleichwertiger Erbe zu sein scheint, wird von Nientje C. Schwabe mit so viel listiger Härte gespielt, dass man bereit ist, ihr den Feudalherrn ohne weiteres abzunehmen, wie sie später auch in der Video- Großaufnahme als Martin Luther den Kriegsanführer Kohlhass schwer ins Gebet nimmt. Das ist sehr eindrucksvoll, und zeigt das von dieser jugnen Dame noch einiges mehr zu erwarten ist.

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Ödipus/Antigone, HB

Sämtliche Werke Shakespeares in 100 Minuten – Sophokles: zwei Meisterwerke der Antike in 70 Minuten –
wer ist schneller, lustiger, aktueller? Aber wo bleibt die klassische Grundlage? – Alle rufen nach Bildung, wie sieht die aus?
Hier sieht sie so aus: Eine moderne Wohnecke mit großen Fenstern mit Meeresblick, rundum Wasser, Bühnenskizze eines Mythos in der Ägäis, aus 2500jähriger Vergangenheit in die Jetztzeit gebeamt. Talkshow des Familienrats nach Comedy-Art. Abspulung einer Familientragödie mit schwarz-humoristischem Einschlag. Es wird schnell, für das allgemeine Verständnis, zu schnell dahergeplappert, pausenlos, ohne Punkt und Komma – Schmerzempfinden und Mitgefühl in diesem Familienkonflikt sind nicht vorgesehen, werden verdrängt, davongespült vom nicht endenden Redefluss aller Beteiligten. Aber diese Methode hat eine Antwort.

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Rusalka, HB

In der Bremer Inszenierung entfaltet sich mit dieser wundersamen Komposition zwischen Liebe und Verzicht, flirrender Geisterhaftigkeit und grausamer Wirklichkeit, zwischen Ermahnung und Trotz, zwischen Eroberung und Vernichtung eine in allen Klangfarben schwelgende, aufbrausende, blühende orchestrale Vielfalt unter der Leitung von Hartmut Keil. Die Sänger können sich trotz auferlegter Bewegungsarmut stimmlich befreien und eine nymphenhaft kämpfende Patricia Andress als Rusalka, ein tief bewegter und sonorer Claudio Oteli als Wassermann, zärtlich werbend Luis Olivares Sandowal als Prinz, Nadine Lehner als teuflisch schöne, grellspitze Liebhaberin, erdverbunden fest Loren Lang als Förster, abgrundtief röhrend Romina Boscolo als undurchschaubare Hexe und gar lieblich betörend die drei Wassernixen in ihre Welt und ihren Gemütszustand versetzen, was angesichts der wenig inspirierenden Regie und Bühnendekoration nicht so einfach ist.

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La Bettleropera, B

Wer die klassische Version von Bert Brecht und Kurt Weill sucht, wird wenig finden. Sowie der Titel bereits Verwirrung stiftet, gleicht auch dieses Stück einem nur schwer entwirrbaren Knäul voller Einfälle, Abstrusitäten einer sexistischen Gemengelage, alles verquickt in schlichter Textführung, wirbelnden Tänzen und moderner Musik mit Pop und Rock und allerlei schönen Klängen, die zu einem komischen Bordell-Musical eigentlich nicht so recht passen. Für die Anhänger dieser seit …. Jahren beliebten Neuköllner Kulturstätte, die sich heute mitten im Zeitgeist phanatasievoller Darstellungsvariationen behauptet, war dies zweistündige muntere Spiel ein Vergnügen, ungeachtet der ersnthaften Schlusspointe, die dnan doch überraschte.

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Hundesöhne, B

Zuerst erinnert die trübselige Geschichte der ausgestoßenen Zwillinge Lucas und Claus an das häufig analytisch betrachtete Märchen der Gebrüder Grimm von Hänsel und Gretel. Wie dort lernen auch hier in dem ersten Buch der ungarisch-französischen Autorin die Kinder, die hier zwar ein Brüderpaar sind, aber als Mädchen und Jungenrolle besetzt sind, für einander einzustehen, nachdem ihre notleidende Mutter sie an die entfernt lebende Großmutter (an der Grenze) abgegeben hat, die sie mehr mitleidig als wütend “Hundesöhne” nennt. Doch nun nimmt die Geschichte einen anderen Verlauf als im Märchen: es gibt kein süßes Knusperbrot, sondern harte Arbeit, Entbehrung und wenig gute Worte, wenn auch die Großmutter hier eher einer verhärmten, lebensmüden alten Frau als einer Hexe gleicht, als die man sie im Dorfe bezeichnet. In Zeiten des Krieges und der Revolution lernen die Kinder, sich abzuhärten, schwere Arbeit zu verrichten, dennoch in der Bücherei nach Lesestoff und Schreibzeug zu suchen und sich gegen die verschiedenen Formen des Missbrauchs durch die Erwachsenen emotional und physisch zu wappnen. Dabei entstehen Dialoge, knapp und erschütternd wie folgender: “Grossmutter: Wer war das? Lucas/Claus: Wir selber, Großmutter! Großmutter: Ihr habt euch geprügelt, weswegen? Lucas/Claus: Wegen nichts, Grossmutter. Machen Sie sich keine Sorgen. Es ist nur eine Übung…” Die kühle, karge Sprache ist ein schmerzliches Stilmittel, um jeglicher Sentimentalität vorzubeugen, aber zugleich die Härte und Kälte des menschlichen Misstrauens um des Überlebens willen zu enthüllen. Linda Vaher und Loris Kubeng zeigen als Kinder eine erschütternde Gleichmütigkeit, mit der sie ihre eigene völlig wert- und moralfreie Lebens-und Handlungsstrategie entwerfen.

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Scherbenpark, HB

In Bremen bestimmt ein großer, weiter lichter Raum mit riesigen farbintensiven surrealistischen Gemälden an den Wänden die Bühne, die eher einer Malerwerkstatt ähnelt, die gesamte Aufführung. Hier spielt sich zumeist auf dem Boden, zwischen Farbtöpfen, Kleidungsknäueln und auf rollbaren Tischen ein wichtiger Lebensabschnitt der 17jährigen Sascha ab, die jäh den gewaltsamenTod ihrer Mutter und deren Freund verarbeiten, ihre jüngeren Geschwister betreuen und eine aus Russland angereiste Tante beaufsichtigen muß. Sascha ist überaus intelligent und couragiert und fühlt sich für alle und alles verantwortlich. Gleich zu Beginn offenbaren sich ihre Ohnmacht und Wut, ihr Hass und ihre unendliche versteckte Trauer mit zwei markanten Träumen: Sie will ihren Stiefvater, der die Mutter und deren Freund erschoss, nach seiner Entlassung aus der Strafanstalt umbringen, und sie will ein Buch über ihr Mutter schreiben, die so schön und gut, doch zu dumm war, um die Warnung ihrer klugen älteren Tochter ernstzunehmen. Eine lebendige Inszenierung, die aber den intensiveren Roman nicht ersetzen kann.

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