Author Archives: A. Cromme

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Yvonne Princesse de Bourgogne, OL

Das Stück von Witold Gombrowicz, 1904 als Sohn eines Landadeligen im polnischen Malooszyce geboren, richtet sich gegen Klassenvorherrschaft, Eitelkeit der Menschen, die sich für etwas Besonderes halten, und es ist eine wütende Anklage gegen Ungerechtigkeit gegenüber Aussenseitern. 1935 veröffentlichte der Jurist, der sich selbst stets mehr als Künstler empfand und ob seiner vehementen Kritik vom polnischen Staat ausgegrenzt und ins Exil geschickt wurde, dieses Theaterstück, das sein eigenes Schicksal, das Gefühl der Fremdheit und Andersartigkeit in klassischer Form als Sprechtheater auf die Bühne und damit vor ein breites Publikum stellt.

Der Belgische Komponist Philippe Boesman veränderte dieses Stück 2009 zur Oper, zum modernen Musiktheater, das vorwiegend durch und mit seiner Instrumentalisierung eine aufregende Psychologie der Personen schreibt: schrill und aggressiv, polternd und unsensible, wenn die höfische Gesellschaft die stumme, unbeholfende Prinzessin am Hofe grausam verhöhnt und in den Tod treibt – und doch auch zart und poetisch, wenn dieselben Menschen einen Sonnenuntergang bewundern. Doch das ist Natur, der Mensch aber ist schwieriger zu fassen und gar nicht zu begreifen, wenn er sich nicht in die Masse einreiht, fortwährend mit ihr plappert und herumalbert und sich den Mächtigen anbiedert.

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Die Gerechten, OL

Das wäre der historische wie zeitgemäße Ansatz für eine spannende, unter die Haut gehende Inszenierung gewesen: die Regierungsmacht bedient sich auf unglaublich zynische Weise einer Gruppe junger, radikaler sozialkritischer Studenten, die sich mit allen Konsequenzen den Zielen gerecht verteilter Besitzgüter in einer humanen Gesellschaft verschrieben haben. Sie alle sind das Opfer einer infamen Inszenierung, deren mächtige Drahtzieher sie als Handlanger für das Attentat an dem Großfürsten benutzen, einem Onkel des Zaren, der ins Moskauer Abseits geschoben wurde und dessen Inkompetenz und Eigenmächtigkeit der Obrigkeit schon längst ein Stachel im Fleisch ihrer eigenen Vetternwirtschaft ist.

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Die Sprache des Wassers, HB

Der inhaltlich verknappte und präzise zutreffende Text vermittelt zunächst die Hilflosigkeit sprachunkundiger Fremdlinge, die sich unsicher auf spiegelndem Boden bewegen – polnische Einwanderer ins englische Coventry, auf der Suche nach dem flüchtigen Ehemann und Vater, orientierungslos inmitten einer neuen Gesellschaft, deren Sprache und Eigenarten sie nicht verstehen – ein ausweglos scheinender Zustand, der sie fast zur Verzweiflung treibt. Der Text ist poetisch einfühlsam, ohne wehleidig zu sein, und vermittelt dabei doch sehr eindrücklich, welch große Herausforderung das Schicksal an die enttäuschte, verlassene Mutter und ihre gerade in die Unsicherheit der Pubertät gleitende Tochter stellt.

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Simplicius Simplicissimus, HB

Eine glänzende Marysol Schalitt stellt den kleinen Jungen Simplicius Simplicissimus dar, der aus der Welt geworfen wird und nun in den heillosen Wirren des 30jährigen Krieges seinen Weg sucht. In einem runden Bildausschnitt der hölzernen Bühnenwand hockt die kleine Figur, hilflos und fremd zunächst, doch immer zusichtlicher nachdem sie in dem warmherzigen Eremiten einen fürsorglichen Freund und Lebensberater gefunden hat. Nach dessen Tod wird Simplicius in der häßlichen Welt der Mächtigen landen, denen er mit naiver kindlicher Gewissheit, das wahr ist, was er sieht, als Narr den Tätern die furchtbaren Auswirkungen der endlosen Krieges in einer Parabel vor Augen hält.
Eine spannende, sehr variationsreiche musikalische Kurzfassung eines 600 Seiten umfassenden Werkes aus dem 30jährigen Krieg, das 1936 von dem Komponisten Hartmann als Mahnung geschrieben, aber erst1949 uraufgeführt wurde. Die Bremer Inszenierung hat sich mit Witz und Einfallsreichtum und gewohnt ausgezeichneter Besetzung erfolgreich an ein schwieriges Werk gewagt. A.C.

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Unterwerfung, HB

Aus der bösen, ja verzweifelten Kritik an der Unentschlossenheit der Intellektuellen und der alarmierenden Vision eine islamischen Regierungsübernahme im Jahr 20122 in Frankreich hat das Ensemble am Bremer Goetheplatz ein pubertäres Kaspertheater gemacht mit einem windelweichen Hochschullehrer François, der durch Inaktivität und phantasierte erotische Abenteuer ein Bild des wahren Jammers abgibt. Ihm zur Seite die lebenslustige Freundin Miriam, die weder emotional noch sexuell einen Widerpart in ihrem Freund findet. Annemaaike Bakker zeigt trotz aller Spärlichkeit einer undurchsichtigen wie unverständlichen Textbearbeitung und stringenter Dramaturgie eine berührende Darstellung . Sie ist voller Liebesfähigkeit, Zärtlichkeit, Lebendigkeit und – am Ende von erschütternder Traurigkeit. Warum sie an diesen Jammerlappen ihr Herz verloren hat , bleibt das Geheimnis der Liebe. Ansonsten ein kunterbuntes Durcheinander mit vier absonderlichen Typen, die auch klasse Musik machen. Die junge Jana Julia Roth wirbt sehr zärtlich mit einem Wehmutssong von Grönemeyer um François’ Realitätssinn. Widerstandslos läßt er sich von Miriam, die eigentlich längst als Jüdin nach Israel ausgewandert ist, und von seinem neuen und alten Wendehals-Dekan in die neue Männlichkeit des Islam einführen: Gebet, Kleidung, Frauen. Wer das Ganze als Schwank aufnimmt, könnte damit zurechtkommen.

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Quartetto, B, 2016

Diese Version der beliebten Komödie ist ungewöhnlich, weil sie tatsächlich mit vier älteren berühmten Sängern besetzt ist und nicht mit Schauspielern. Ob der Schluss, die Pointe des reizenden Seniorenstory in einem amerikanischen Heim für mittellose Künstler, hätte umgeschrieben werden müssen, bleibt fraglich. Aber die Berliner schätzen “ihre” Künstler so sehr, dass man die Inszenierung wieder in die neue Saison übernommen hat.

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