Author Archives: A. Cromme

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Eisler on the Beach,B

Wer sich bisher nicht mit Eisler beschäftigt hat und nun vor dieser turbulenten Aufführung steht, die sich auf mehreren bühnentechnischen Ebenen sowie im inhaltlichem Wechsel zwischen den Zeiten und Orten bewegt, erfährt nur bruchstückhaft (zuweilen in sehr alberner Posierung) Genaues über Eislers Jahre in Österreich, Amerika und zuletzt Ostberlin, die Umtriebe seiner Geschwister, die Lösung von den familiären Banden und wie er seinen eigenen Weg im Kommunismus sah. Die zahlreichen Videoeinschübe, die seinen Lebensweg aufzeichnen, sind hübsch in ihrer Dreidimensionalität, ein spielerisches bühnenwirksames Beiwerk, setzen auch einige humorvolle Akzente, tragen aber eher zur Verunsicherung in dieser collagenhaften Inszenierung bei. Von den an der Bühnenseite drapierten Musikern in Kampfanzügen ertönt die bissige, schmissige Kampfmusik, die wir von Bert Brechts Theater kennen, und die ein gewaltiges Potiential an revolutionärem Pathos übertragen. Das ist das Beste.

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Ocana, Königin der Ramblas, B

Wie zuvor Denis Fischer entledigt sich nun auch Victor Petitjean des professoralen Straßenanzuges und wird zum Partner, zum Gefährten Nazario, der die verschiedenen Lebensabschnitte des bizarren, lebens- und liebeshungrigen Freundes Ocana mit seinem kraftvollen und großem Stimmvolumen begleitet. Denis Fischer mutiert vom jungen Studenten langsam zur spanischen Ikone der Subkultur mit allen Eigenarten, die diesen Menschen ausgemacht haben: seinen schillernden, schrägen Performences, seiner unbestritten großen malerischen Begabung, aber ungeschönt auch in seiner eigenwilligen Selbstdarstellung, in der er sich ebenso als schräge Tunte als auch als nachdenklicher Intellektueller ausweist. Getarnt ist seine traurige Seele als lautgreller Außenseiter einer Gesellschaft, die verklemmt, verlogen, verspiessert und grausam gegen andere und sich selbst ein langweiliges, enges und engstirniges leben verteidigt, nicht an den festen althergebrachten Traditionen und Riten rütteln lässt. Wie oft landet Ocana, die Königing der Ramblas, die in ihrer Welt heiß geliebt und verehrt wird, weil sie für ihrer aller Freiheit mit eigenen Waffen kämpft, im Gefängnis… Aber mit ungebrochener Nonchalance und taffer Selbstherrlichkeit beginnt sie immer wieder quicklebendig von Neuem für ihre Sache, anders zu leben und zu lieben, den offenen Kampf…

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Wellcome To Hell, B

“Welcome To Hell” – unter diesemTitel demonstrierten im Jahr 2017 rund 12000 Menschen gegen den G20-Gipfel in Hamburg. Der massive Protest gegen Globalisierung, Kapiutalsmus und soziaale Misssätnde auf der Welt eskalierte durch dien brutalen Übergriffe einer Rockerbande und führte zu Straßenschlachten und Verwüstungen in der Hamburger Innenstadt. Peter Lund hat ein Musical für seine Abschlussklasse auf der Hamburger Demogrundlage inszeniert, und dabei eine stringente, turbulente, agressive Talentshow auf die Beine gestellt, die neben den beabsichtigten Schockelementen die ewigen Sehnsüchte und Wünsche junger Menschen nach Gerechtigkeit und Anerkennung sichtbar macht.
Damit positioniert sich die Neuköllner Oper stark gesellschaftspolitisch, wobei Wut und Frust junger Menschen aus vielerei Nationen und Traditionen in mancherlei sozialen und emotionalen Gegensätzlichkeiten hart aufeinanderprallen. Eine musikalisch mitreißende Auführung beachtenswerter Talente.

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Siroe, Re Di Persia, OL

Das barocke Lustspiel um Macht, Vater- und Frauenliebe, Familienehre und Selbstdarstellung ist mit einer amüsanten und zugleich nachdenklichen Inszenierung am Staatstheater einmal wieder zu einem großen Ereignis geworden. Farbenprächtig und sangesfreudig mit erwarteten und gewohnten stimmlich ausgeschmückten Höhenflügen und Capriolen, mit darstellerischem Pfiff und musikalischer Galanterie ist es in den rauhen Zeiten nach dem siebenjährigen Krieg im Sachsen August des Starken in neuer Überarbeitung des Komponisten erstmalig wieder aufgeführt worden – ein Spiegelbild nicht nur der höfischen Gesellschaft.

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Maria, Ol

Ursprünglich war es ein Kriminalfall, dann ein Versepos, dann eine Opernfassung mit einer klar gefassten Horrorgeschichte – dennoch ist ein romantisches Werk daraus geworden, zunächst bejubelt, dann vergessen, nun wieder ins Licht des Staatstheaters in Oldenburg gestellt. Unter der musikalischen Leitung von Hendrik Vestmann und der Regie von Andrea Schwalbach ist ein anderthalbstündiges Werk entstanden, das in der Verdichtung des Vater-Sohn-Konflikts, dem das Mädchen Maria -die große Liebe des jungen Waclaw- zum Opfer fällt, alle Höhen und Tiefen von Empathie und Emotio mit einer ungemein farbigen Orchestrierung und größtem sinfonischen Schwung packend auf die Bühne bringt . Innerhalb einer sparsam martialischen grauen Bühnenburg, dies für Romantik eigentlich keinen Raum in seiner ausweglosen Enge bietet, bringt diese Inszenierung alle Facetten einer unstandesgemäßen Liebe im tödlichen Griff der Macht zur Entfaltung – dank einer wie immer vorzüglich agierenden Chorgmeinschaft und einer harmonisch aufeinander ausgerichteten Stimmenführung .

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Geächtet, OL

Ist das Ende vom Lied die bittere Erkenntnis, dass keiner dieser Emigranten – selbst in zweiter oder dritter Generation – seine Tradition, seine Wurzeln einfach so ablegen kann, dass Ungleichheiten bei sich selbst und dem anderen bitter ernst und übersensitiv wahrgenommen und verurteilt werden, und dass die Gesellschaften insgesamt ihre interkulturelle Belastbarkeit überschätzt haben und stets wieder in Klischee-Vorstellungen verfallen, die das Oben und Unten in einer Gemeinschaft unlöschbar markieren und ein gleichwertiges Miteinander unmöglich machen? In diesem Spiel um die Identität des amerikanischen Pakistani Armir und den amerikanisch-jüdischen Isaac werden diese Fragen schmerzhaft lebendig, und die Antworten bleiben offen. Dem Autor dieses und anderer ausgezeichneter Dramen, den 1970 als Sohn pakistanischer Einwanderer in Milwaukee aufgewachsenen Ayad Akhtar, ist eine Antwort gelungen: er beschreibt analytisch exakt die Widersprüche kultureller Identität und läßt uns durch eine subtile Offenbarung der betroffenen Menschen deren Zerrissenheit intensiv miterleben.

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