Der Barbier von Sevilla – an der Deutschen Oper

von Gioacchino Rossini

Melodramm buffo in zwei Akten – Libretto von Cesare Sterbini
  Musikalische Leitung: Enrique Mazzola, Inszenierung: Katharina Thalbach; Spielleitung: Claudia Gotta, Kostüme: Momme Röhrbein; Dramaturgie: Angelika Maidowski; Chöre: Thomas Richter; Künstlerische Produktionsleitung: Christian Baier

mit:
Lawrence Brownlee (Graf Almaviva); Maurizio (Bartolo), Jana Kurucová (Rosina); Markus Brück (Figaro); Natha De’Shon Myers (Fiorello); Hulkar Sabirova (Berta); Ben Wagner (ein Offizier), Antje Brameyer (ein Notar)  Douglas Brown (Fortepiano), Juan Pastor (Solo-Gitarre)


Ein Vergnügen für alle Sinne

 Da stielt doch das Bühnengeschehen der schönen Overtüre zu Rossinis “Barbier” tatsächlich die Show. Solch üppigen, burlesken Bilderbogen sah man selten, es sei denn bei Robert Wilsons Maskenzaubereien oder vor ein paar Jahren in Katharina Thalbachs Inszenierung zu Janaceks “Das schlaue Füchslein”. Man wusste aber eigentlich, was geschehen würde. Nur Ignoranten konnten sich wundern. Dennoch: dass ein alter Mann mit lebendigem Eselchen über die Bühne vor einer prächtigen Villenkulisse hin- und herwandert, ein prächtiger roter Sportwagen von einem bulligen Traktor, der einen riesigen Anhänger zieht, gezwungen wird, den Rückwärtsgang einzulegen, dass Radfahrer die Straße kreuzen, Nonnen im eiligen Spazierschritt durch die frühmorgendlichen Straßen huschen – das alles ist hübsch anzusehen, dürfte aber die Musik eigentlich nicht ausstechen. Denn in der Oper geht es nicht um Regie gegen Dirigat, Inszenierung gegen Musik, sondern zumindest um Kongruenz, wenn nicht gar dem Orchester der Vorrang gebührt.
Es ist aber andrerseits Thalbachs überschäumender und kaum zu zügelnder Phantasie zu verdanken, dass sich hier ein so farbenprächtiges, wuselndes, sinnenbetäubendes Spektakel entfaltet. Dass sich die Stimmen der Sänger nicht in der gewünschten Intensität bis in den 1. Rang erheben, mag aber vielleicht auch andere Gründe haben. Insgesamt wird hier ein fulminanter Spielspaß mit einem bade-, flanier- und flirtfreudigen Touristenpublikum entfaltet, das die Mole und die kleinen Espressobars in einem hübschen spanischen Badeort belegt hat. Rund um den großen Wagen, der sich dunkel und geheimnisvoll vor der Fassadenkulisse auftürmt und sich jäh als von Stadt zu Stadt ziehender Thespiskarren entpuppt. In diesem hält der alte Doktor Bartolo sein liebreizendes junges Mündel gefangen, damit kein anderer es ihm stiehlt und seinem Plan, die ebenso reiche wie reizende Rosina selbst zur Ehefrau zu nehmen, durchkreuzen kann. Doch der Mensch denkt und der Dichter lenkt, junges Blut ist heiß und diese Rosina eigenwillig, und bevor der Dottore sich versieht, hat sich schon der mächtige Graf Almaviva, der der Schönen gefolgt ist, vor dem Wohnwagen aufgebaut, um Rosina ein Ständchen darzubieten, begleitet sogar von einer eigenen Band. Doch die Dame meldet und zeigt sich nicht. Und dann, unversehens ineinander übergreifend, wird Almaviva in das Spiel hineingezogen, und das Theater auf dem Theater im Theater entfaltet sich zu einem bezauberndem Luftschlösschen, mit leichten schwirrenden Klängen, die keinen Wert auf theatralische Dramatik legen, sondern einfach nur so daherflattern, trillernd und tirilierend wie Vogelzwitschern im Frühling, in unbeschreiblichen Pizzicati. Das ist virtuos, und wer Rossini seiner Leichtigkeit wegen aus dem anspruchsvollen Operngenre ausgrenzen möchte, der hat vielleicht nicht begriffen, das der Mensch sich von Zeit zu Zeit von seiner Verantwortung für die Menschheit lösen und sich einem schwerelosen Vergnügen hingeben möchte, sich einfach nur treiben lassen durch eine amüsante Geschichte, die ihn nicht betrifft. Die Spielfreude der Sänger soll ihn in eben die gleiche hoch fliegende Stimmung versetzen – so hoch und so fliegend wie die Gestalten, die da als große Hummel oder als hammerschwingender Spaßvogel über dem Karren an Bühnenseilen schweben.

Damit das Geschehen seinen Lauf nehmen, der Graf seine Schöne am Ende heimführen kann und der alte Bartolo sich beschämt ob seines Egoismus’ zurückzieht, muss Figaro als Spielmacher, als Meisterfrisör und gewiefter Kuppler mit allen möglichen Eigenschaften und Aufgaben dem Freund Almaviva in Sachen Brautwerbung erste Hilfe leisten. Markus Brück ist ein tüchtiger Figaro, nicht übertrieben listig, mehr aufrecht, beinahe seriös und stets zur Stelle, wenn Not am Mann oder an der Frau ist. Man könnte ihn sich noch gewitzter, gewandter und brillanter nach Art eines Buffo vorstellen. Jana Kurokova als umworbene Rosina ist als Püppchen nach Harlekinart mit buntem Rautengewand geschmückt und nach Art der Comedia dell’Arte fein und zierlich herausgeputzt, doch hinter dem naiven Äußeren verbirgt sich eine eigenwillige und durchsetzungsstarke junge Frau. Kein kapriziöses Weib, das mit feinsten Tirili und Tirila die Männer um die Finger wickelt, sondern die klar und knapp dem Vormund ihre Abneigung kundtut und dem in vielfacher Verkleidung sich ins Haus einschleichenden Almaviva ihre Liebe rasch und handfest zu verstehen gibt. Dass dieser sich inkognito hält und sich als einfachen Studenten ausgibt, um die Liebe von Rosina zu prüfen, entzückt auch das Publikum, das hier lernen soll, worauf es ankommt: nämlich nicht auf Titel und Vermögen, sondern zunächst auf das Herz.

Und somit ist und bleibt auch alles recht herzig: selbst der große grummelige Freund und Helfer Bartolos, der Musiklehrer Don Basilio, kann sich weder als Intrigant mit der immerhin berühmtesten Moralarie “Die Verleumdung, sie ist ein Lüftchen” noch als Lehrmeister bei der Kleinen durchsetzen. Jede Menge Kantilenen und  Arien, die einst auf der Gasse gesungen wurden und heute gern in Sonntag-Nachmittag-Wunschkonzerten gewählt werden, und die vor allem natürlich den Sängern Gelegenheit geben, sich beim Publikum ins Herz zu schmeicheln. Denn betörend ist diese Musik schon, komisch und turbulent die Situationskomik, voller Grazie und Verve die Begleitung des voll eingestimmten Orchesters.

Der für die Rolle des verliebten Grafen etwas zu biedere Lawrence Brownlee begeistert das Publikum mit schlankem Tenor und angedachter Originalität als heiterer Springinsfeld, Hulkar Sbrinova kann ihren frischen Sopran als Dienerin Berta einbringen und Ben Wagner verteidigt energisch seine Ehre als Offizier. Rosina aber bleibt jeglicher Keckheit und allem geschnörkeltem Übermut auch in ihrer großen Arie fern. Sie ist bereits zu emanzipiert, als dass sie sich auf Koketterie einließe. Dass sie später dem Grafen wieder in alter Unterwürfigkeit begegnet, kann ja wohl nur eine optische Täuschung sein, denn sie wird sich im Teil 2 dieser Farce, die Mozart mit der “Hochzeit des Figaro” fortschrieb, durchaus gegen die Vorrechte ihres Mannes und seines Standes durchsetzen…

Ein Inszenierungsvergnügen für Kinder allen Alters und ein orchestraler Schmaus für Rossini- und Mazzola- Liebhaber.  A.C.

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