Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran

von Éric-Emmanuel Schmitt  – aus dem Französischen von Annette und Paul Bäcker; Regie: Paul Bäcker;
Schlosspark Theater Steglitz
mit: Irina Wronka als Vater, Mutter, 1. und 2. Nutte, Bardot, Polizist, Autoverkäufer
und Ilja Richter als Monsieur Ibrahim und Momo


Lehrstück über Güte und Menschlichkeit

Es bleibt zu hoffen, dass Werte wie etwa Mitmenschlichkeit, Freundschaft und Liebe nicht von einer zunehmend politisch ausgerichteten, kühlen Intendantengeneration zu den Akten gelegt werden. Denn Ilja Richter, der sich mit seiner famosen Kollegin Irina Wronka dies entzückende kleine Lehrstück über Menschlichkeit und Güte über alles Schreckliche hinweg, das Menschen einander antun, im Juni dieses Jahres (2010) im Steglitzer Schlosspark Theater vorstellte, eroberte das Publikum aus gutem Grund. Als berührende. Novelle und nicht minder ergreifende Verfilmung“,  von Francois Dupeyrons  mit Omar Sharif als der lächelnde „Araber“, der in einer kleinen Pariser Straße einen Kolonialwarenladen mit Gleichmut und doch gediegenem Überblick betreibt sowie Pierre Boulanger als der 11jährige Moses, der sich Momo nennt, offenbarte sich nicht nur eine wünschenswerte, sondern auch eine durchaus mögliche Saite der Menschlichkeit in unserem Dasein. Jene harsche Kritik, die diese ungewöhnliche  Freundschaft zwischen einem Erwachsenen und einem Kind als sentimental und irrational abtat, wurde durch die Intensität der Wirkung beiseite gefegt.
Ilja Richter versucht in einem atemberaubenden Tempo den Drahtseilakt zu vollziehen, beide Rollen – die des weisen „Arabers“ und die des sträflich vernachlässigten unglücklichen kleinen Jungen  – mit aller Herzensgüte und Chuzpe  einer in sich ruhenden Persönlichkeit und im Wechsel mit der unruhigen Wachheit des frühreifen Momo zu spielen. Assistiert von der vielseitig verwandlungsfähigen Irina Wronka baut und schiebt Richter sich seine Kulissen blitzschnell zurecht – mal steht er, liebevoll und klug anteilnehmend an den Sorgen und Nöten des Kleinen hinter seinem glänzenden Ladenpult, dann wieder erscheint vor wechselnden, sparsam und klug ausgesuchten Vorhangkulissen die düstere Bibliothek von Momos depressivem Vater oder die grellen Kostüme der Prostiuierten, bei denen Momo mütterliche Wärme sucht.
Das Geheimnis von Monsieur Ibrahim ist: er weiß alles, was um ihn herum geschieht; und er kennt auch die traurige Lebensgeschichte von Momos geschiedenen Eltern, Er weiß, dass die Eltern von Momos Vater .im KZ starben, dass Momos Mutter sich früh von ihrem Mann trennte und das Kind zurücklassen musste, und das Momo allein den ganzen Haushalt bewältigen muß. Er weiß auch von  Momos kleinen Gaunereien, die er so lange duldet bis sich ein Moment zeigt, dem Jungen einen besseren Weg zu zeigen. Die Gespräche zwischen den Beiden sind kurz und prägnant und enden stets mit einer kleinen subtilen Lebensweisheit, mit einer psychologischen oder philosophischen Erkenntnis, die sich – wie sich später zeigen wird – aus der Lehre der Sufismus ergibt, der Monsieur Ibrahim seit jeher anhängt, einer weitgreifenden, mystisch verkleideten Auslegungsart des Koran. Und der junge Momo lernt, ohne um tiefere Konflikte oder politisch-religiöse Auseinandersetzungen zu wissen, was die wesentliche Dinge in unserem menschlichen Dasein sein sollten, wie Menschen einander vorurteilsfrei und freundschaftlich begegnen können. Als Momos Vater Selbstmord begeht und der Kleine nun völlig allein, tapfer die große Einsamkeit und Verlassenheit leugnend, vom Jugendamt in Gewahrsam genommen werden soll, nimmt Ibrahim ihn an Sohnes Statt an. Er kauft ein Auto, nimmt Fahrstunden und reist mit dem Jungen in seine Heimat –„den goldenen Halbmond“– ins östliche Anatolien und lehrt ihn auf dem langen, geruhsamen Weg die Schönheiten der Landschaften und die Eigenarten der unterschiedlichen Kulturen.
Das Geheimnis, Menschen zu gewinnen, hat der weise „Araber“, wie er in seinem Viertel genannt wird, dem Jungen schon lange verraten; wie ein freundliches (echtes) Lächeln den anderen zuweilen ebenfalls zur Freundlichkeit bekehrt, wie man einer Dame Komplimente macht (und in Frankreich ist jede Frau eine Dame und eines Kompliments wert!), dass man nur wirklich das behalten kann, was man verschenkt, dass Liebe einem nicht genommen werden kann, weil man sie selbst besitzt , dass aber auch Verlust zur Liebe gehört, und dass man das Glück nicht für sich alleine gepachtet hat und so weiter und so weiter…

Viele der Lebensweisheiten werden dankbar vernommen, manche im Gedächtnis festgehalten und das lebhafte Spiel von Ilja Richter, die Rollen von Großvater/Vater und Kind/Sohn nebeneinander und miteinander in Szene zu setzen, wird mit großem Beifall honoriert. Dass er sich zu Beginn durch sein rasantes Sprechen gerade um das bringt, was das Stück auszeichnet: nämlich der weisen Gelassenheit des lebensklugen Monsieur Ibrahim breiten Raum zu geben, die drohende Verwahrlosung des frühreifen Kindes aufzufangen und Momo nach und nach ein stabiles Selbstwertgefühl und Vertrauen in seine Umwelt einzugeben. Vielleicht könnte das kleine Ensemble ja später noch einmal am Schlosspark Theater gastieren. Denn jetzt im Juni 2010 war jede der vier Vorstellungen ausverkauft. A.C. 

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