Der feurige Engel

von Sergej S. Prokofjew (1891-1953)

Komische Oper 2014

Musikalische Leitung: Henrik Nánási; Inszenierung: Benedict Andrews; Bühnenbild: Johannes Schütz; Kostüme: Victoria Behr; Dramaturgie: Pavel B. Jiracek; Chöre: David Cavelius; Licht: Diego Leetz
mit: Swetlana Sozdateleva (Renate); Evez Abdulla (Ruprecht); Jens Larsen (Graf Heinrich/Inquisitor); Christiane Oertel (Wirtin); Hans-Peter Scheidegger ( Knecht/Wirt); Xenia Vyaznikova (Wahrsagerin/Äbtissin); Christoph Späth (Jakob Glock, Buchhändler Agrippa von Nettesheim); Dmitry Golovnin (Mephistopheles); Alexey Antonov (Faust); Máté Gál (Arzt); Bernhard Hansky (Matthias Wissmann, Universitätsfreund Ruprechts)

Engel und Ungeheuer

Die szenische Uraufführung des “Feurigen Engel” fand am 29. Spetember 1955 im Teatro La venice in Venedig statt, und sie muß einen wahren Wirbelsturm an Begeisterung hervorgerufen haben; denn das hochdramtische Sujet, das um die Visionen einer Wahnsinnigen kreist, um einen hingebungsvoll liebenden Mann, der ihr durch alle Seelenwirrnisse tapfer und treu zur Seite steht sowie um rundherum schnöde, habgierige und eogistische Menschen, vor denen die arme Renate auf ihrer Suche nach dem  Geliebten verzweifelt Schutz sucht bis sie in einem Kloster gelandet, dort alle Novizen einschließlich der Abtissin in den gleichen furiosen erotischen Wahn stürzt, in dessen Folge sie Bilder von feurigen Engeln und vor allem ihren Geliebten Heinrich mit flammenden Fügeln sieht – das alles entspringt der russischen Seele und Mystik, durchströmt aber mit seinen hämmernden Pulsschlag und einer hochdramatischen Musik die italienische Lebensader gleichermaßen.

Nach 40 Jahren wieder in Berlin angekommen, reißt das Stück das Publikum zwar nicht von seinen Sitzen, aber am Ende doch zu frenetischem Applaus hin – Gott und dem flammenden Engel sei’s gedankt, man hat das Gefühl, Romantik und Surrealismus sind spannend in eine schwer von Dissonanzen durchkomponierte Seelenlandschaft verpackt, die der Bühnensprache entspricht : verwirrend, sehnsüchtig, zupackend, aufschreiend, exessiv-bedrohlich, und dann wieder zärtlich-irreal verträumt. Eine ganz große physische und gesangliche Leistung der jungen Svetlana Sozdateleva, die zudem mit einer aussdrucksstarken Gebärden-und Körpersprache ihre innere Zerrissenheit in Töne verwandeln und uns anderthalb Stunden lang fesseln und bezaubern kann.
Ein wunderbarer Ruprecht ist mit Evez Abdulla gefunden, dessen Geduld und Nachsicht einer jähen tiefen Liebe entsprungen ist, die er in einer verwahrlosten Pension blitzartig für die verlassene Renata empfindet. Gefangen in schrecklichen Visionen – Doppergängerinnen, roten Flügelwesen, die auch kleine Teufel sein können, in roséfarbene Kleidchen gewickelte Kinder – suchen Albträume  Renata in regelmäßigen Abständen wieder ein,  die rastlos auf der Suche nach dem Mann ist, der sie verlassen hat und ihrem imaginären Bild so ähnlich ist. Als ihre Sehnsucht jäh in Wut und Hass umschlägt, zwingt sie den ihr ergebenen Ruprecht, Heinrich zu töten, den sie endlich in einer Stadt (dem mittelalterlich katholischen Köln) gefunden haben. Ein Feuer tötet nun beinahe Ruprecht im Kampf der beiden Männer, und nun begegnet er im Fieberwahn Renatas Visionen. An Fulminanz ist dies Orchester kaum zu überbieten, dass wie ein Feuersturm die Musik Prokowjefs in allen Facetten seiner avandgardistischen Klangschöpfungen ausbreitet.

Die Einsamkeit der kleinen Renata, die sich einen imaginären engelsgleichen Freund fortan in ihrer Phantasie sucht, der in der Pubertät auch zu ihrem Geliebten werden soll – das alles bleibt ohne psychologisierende Erklärungen. Was gilt und sticht, musikalisch und dramatisch, ist die Theatralik der wahnhaften Visionen, der Sehnsüchte und Schrecknisse, die Renatas Phantasie ebenso bedrohlich wie lebensnotwendig nähren. Einer Realität wäre sie nicht mehr gewachsen.

Die fortschreitende Handlung verläuft zwischen sieben verstellbaren quadratischen kalkgrauen Wänden, die mal Zimmer, Türen, Hallen oder auch nur imaginäre Räume zwischen Wirklichkeit und Wahn sind, und am Ende das Kloster darstellen, in dem die Novizinnen durch das Erscheinen eines fiesen Mephisto samt Faust und Ruprecht ein Höllenspektakel entfachen, das der beinharte Inquisitor – wie gewohnt Jens Larsen als tief tönendes Urgestein mit diabolisch aufblitzendem erotischen Verlangen nach dem hilflosen Mädchen – , beendet, indem er Renata erbarmungslos auf den Scheiterhaufen schickt. Ein paar glitzernde Nebenfiguren, die choregrafisch exakt eingepaßt sind wie ein geldgieriges Wirthauspaar, eine verschlagene Wahrsagerin, ein Gelehrter, der die Hysterie um die Magie seiner Zeit mit dem Verstand erfassen möchte, ein vorwiegend stummer schwarzer großer Engel mit leuchtend gelb-roten Flügeln  – alles dient der Ausdeutung, der Freude an surrealer Szenenführung und somit insgesamt der bildnerischen Begleitung einer sprühenden Musik voller Rhythmen, auf- und abstürzenden Oktaven, reinen Kantilenen und extremer Stimmtechnik.   A.C.

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