Die Geschichte vom Soldaten,B

  von Igor Strawinsky
und Wynton Marsalis

Berliner Ensemble 2008
Leitung: Hermann Beil,
Mit: Manfred Karge und dem Merlin Ensemble Wien
Martin WalchMartin Walch: Violine, Haruhi Tanaka , Klarinette, Lutz Schumacher, Kontrabass, Otmar Gaiswinkler, Posaune, Stefan Ennemoser, Trompete, Allen Smith, Fagott, Klaus Reda, Schlagzeug

Des Teufels Geiger

 Zum 70. Geburtstag des vielseitigen Schauspielers Manfred Karge lud das Berliner Ensemble zu einem ganz besonderen Theaterereignis ein: Als Einmann-Schauspieler begleitete Karge das Wiener Orchester mit einer temperamentvollen Lesung der Geschichte des Soldaten, eine Erzählung, die auf einem russischen Volksmärchen beruht und als Parabel gilt: Die Irrfahrt des fahnenflüchtigen Soldaten, der seine Geige dem Teufel verkauft, ist die Geschichte eines Menschen, der seinen eigenen Weg geht, und, um leichter und schneller ans Ziel zu kommen, unbedacht dabei seine Seele verkauft. Beinahe findet er sie wieder in der Liebe, nachdem er den Teufel beim Kartenspiel scheinbar überlistet und besiegt hat – aber der hat noch einen letzten Trumpf in der Hinterhand…
Das ist die erste Version, die Karge emphatisch vorträgt und die das kleine Orchester, genau im Sinne des Komponisten, mit scheinbar leichter Hand so wunderbar in Bilder verzaubert. Denn die Rollen der Mitspieler übernehmen die Instrumente; die Geige führt zärtlich, aufbrausend, gewaltig, verzweifelt – sie begleiten den Soldaten auf seiner Wanderschaft, in sein Heimatdorf, in dem ihn niemand mehr erkennt, weil der Teufel ihm bereits die Zeit gestohlen hat. Und weiter zieht er durch die Welt, die ins ferne Königreich führt, wo der Teufel die schöne Prinzessin scheint’s unheilbar verzaubert hat. Nur das Spiel der Geige könnte sie retten…
Auf der freien Bühne sind die Musiker um den Erzähler im Halbrund gesetzt, und an der Rückwand erscheinen farbige Lichtreflexe entsprechend der sich ändernden Stimmungslage in der Handlung.  Neben der führenden Violine gehören Kontrabass, Klarinette, Fagott, Trompete, Posaune und Schlagzeug dazu; sie intonieren den Marsch, die Pastorale, den Tango, den Walzer und Ragtime mal rhythmisch, mal tänzerisch, dann wieder volkstümlich wie ein herrlich abstruses Jahrmarktsorchester, das so schräg, so fidel aufspielt, als ob sich jeder hier sein eigenes Musikstück braute!

Der zweite Teil des Abends gehört zum einen dem amerikanischen Jazzmusiker und Komponisten Wynton Marsalsi, der Ende der 90iger Jahre “The Fiddler’s Tale” als Paraphrase auf Strawinskys musikalisches Märchen komponierte. Zum anderen Manfred Karge, der dazu einen neuen Text reimte, der das Märchen in modernes Zeitgeschehen mit ausgesprochen kritisch- politischen Akzenten versetzt. Die schrägen Kontrapunkte des modern Jazz eignen sich dabei vorzüglich für Angriff und Aggression, denn Karge läßt den Geiger wie Faust, allerdings realistischer, unter Mephisto’s Führung durch die Welt jetten. Der verspricht ihm eitel Wonnen, schöne Mädchen und besten Zeitvertreib; sollte er dessen jedoch überdrüssig werden, gehöre ihm, dem Teufel, Geige, Seele, und was am wertvollsten zu sein scheint: der Mietvertrag für seine Berliner Wohnung! Doch was der Teufel als höllisches Vergnügen ansieht, das sind die schlimmsten Flecken des Erdentals, wo Kriege, Not, Leid und Elend herrschen.
Angesichts dieser unentrinnbaren, nicht zu ertragenden Pein zerschmettert der Geiger sein Instrument, gibt dem Teufel freiwillig sein Herz und verzichtet auf ein weiteres Dasein in dieser verlorenen Welt. Allerdings – ein Schelm, wer sich etwas dabei denkt – bleibt der wertvolle Mietvertrag in den Händen seiner Musikerfreunde. Man kann es nehmen, wie man will, der Humor kommt hier durch die Hintertür und macht sich einen bitterbösen Reim auf unsere Zeit. Ob hier nur der pessimistische Beobachter aus dem 70jährigen Karge spricht oder noch immer der gläubige Brechtianer und getreue Sozialist, der zwar die alte DDR verließ, um sich im Westen – in vielen Inszenierungen mit Matthias Langhoff – neu zu orientieren, und der sich an vielen Häusern einen Namen machte, um dann dem Trommler Peymann von Bochum nach Wien zu folgen und von dort wiederum nach Berlin. Karge, der seine Erfahrungen auch zehn Jahre lang als Professor an der Hochschule Ernst Busch an eine neue Generation weitergab, scheint zwar allgemeinhin reg- und beugsam genug – wenn auch unbestechlich in seiner kritischen Weltbetrachtung und seinem künstlerischen Selbstverständnis -, um sich noch nicht von der Bühne zu verabschieden. A.C.

 

 

 

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