Die Zehn Gebote, HB

 Theater am Goetheplatz, Bremen

nach den Fernsehfilmen Dekalog 1-10 von Krzysztof Kieslowski und Krzysztof Piesiewicz

 Das Leben der Anderen

Wieder einmal narratives Theater. Allerdings werden die Schicksale dieser Menschen mit solch einer Eindringlichkeit gespielt, das heißt, ganzheitlich – mit Sprache, Mimik,Körperausdruck- dargestellt, dass sich alles vor unseren Augen, in unserer Vorstellungskraft zu Bildern formt. Bilder, die man so schnell nicth vergißt.  Es ist ein Katalog von Schuld und Sühne, von schicksalshaften und selbst herbeigeführten Tragödien, die nur schwer mit den biblischen zehn Geboten, die Gott Mose zur Disziplinierung und zur Orientierung seines Volkes auf dem Berg Sinai übergab, in Eionklang zu bringen sind.

Wir werden Zeugen und Mitwissende, aber auch Mitverantwortliche für jene Konflikte, die grenz- und Länder übergreifend die Menschen seit Jahrtausenden bewegt, in den Abgrund stürzt oder sie auch- wie Phönix aus der Asche – wieder zu neuer Hoffnung führen kann. Leidenschaft, Versuchung und Gier gehören zu den elementaren “Heimsuchungen”, die – wäre es möglich, sie alle stets und strikt zu bewältigen – bereits eine paradiesische Gesellschaft auf Erden verspräche. Aber immer wieder scheitern wir an Schicksalsschlägen, die uns auf eine Probe stellen, der in der biblischen Geschichte nur Hiob gewachsen war. Und auch das erst als ihn Boten Gottes zum Handeln, zur eigenen Entscheidung, zum Widerstand aufriefen (s. auch Kritik:” Adams Äpfel”).

Es gehe nicht um Moral, sagten die polnischen Filmemacher, sondern um eine ethische Frage, nämlich die, wie wir mit den Geboten, die unser Leben letztendlich bestimmen, auch wenn wir nicht an Gott glauben, umgehen können. Das Leben der anderen blieb bislang im Verborgenen, nur Priestern und Therapeuten anvertraut, die die Last der ihnen erzählten Schicksale aufnehmen, vertiefen und zur Erleichterung der Bürde beitragen. Auch und vermehrt nun vermag der Schauspieler auf der Bühne, in Film und Fernsehinszenierungen Erlebtes und Erlittenes transparent zu machen, Fragen zu stellen und eine Antwort zu finden, die wir allein nicht finden oder auszusprechen wagen.
Somit kann Theater in diesem Sinne auch eine aufklärerische und therapeutische Wirkung haben, die darüber hinaus auch die schwierigen Fragen nach Schicksalsgläubigkeit und den Mut, nicht mehr hinzunehmen, was unveränderbar erscheint, in den Raum stellen.

In zehn Monologen, einige auch sind zu Dialogen erweitert, werden die zehn einstündigen Filme auf drei Stunden Bühnenfassung verdichtet, ohne Kulisse, auf leerer, nur mit Licht gestylter Bühne, die sich jedoch imaginär mit tragischen Lebensanschnitten der Anderen füllt. Wir sehen den technikgläubigen Vater (erbarmungswürdig in seinem nun immerwährenden Leid: Johannes Kühn), der in der Nacht zuvor noch prüft, ob das Eis auf dem See wirklich hält und am nächsten Tag vor der Unbegreiflichkeit steht, dass sein Sohn und der Freund ertrunken sind – weil das Wasserwerk über Nacht Warmwasser in den See abpumpte. Alle seine technischen Vorausberechnungen, alle Sorgfalt und Überprüfung konnten das Schicksal nicht aufhalten. Und im Ort wird eine neue Kirche gebaut…

Auch die sachlich-strenge Ärztin, die schließlich doch für die hilflose Ehefrau des sterbenskranken Patienten vorzeitig ein Urteil über Leben und Tod fällt, wird zur bittersten Sühne verurteilt, die sich man sich denken kann. Hat sie, gottgleich, ein Urteil gefällt? (Gabriele Müller-Lukasz in sichtbarem inneren Kampf zwischen medizinischer Unvorhersehbarkeit und Mitleid mit noch ungeborenem Leben)

Es geht weiter so, vielfältig, ergreifend: da ist der haltlose untreue Ehemann ( Robin Sondermann tarnt die Hilflosigkeit dieses Mannes als sarkastischer Sonnyboy), der seine Frau und die beiden Kinder nicht nur am Heiligen Abend betrügt;  da sind Vater und Tochter, die sich zu eineinander hingezogen fühlen und vor den verbotenen Gefühlen flüchten. Da ist der Rechtsanwalt (Alexander Swoboda), der einen Mörder verteidigen soll und nicht verhindern kann, dass dieser zum Tode verurteilt wird, wenngleich viele Hintergründe aus dem erbärmlichen Leben dieses Mannes eine andere Beurteilung gerechtfertigt hätten.(Die Tat ist zu verurteilen, nicht der Täter!) Da ist die frustrierte Arztfrau (Irene Kleinschmidt    erkaltet durch die Lieblosigkeit ihres Mannes) und der verzweifelte Ehemann (Frank Seppeler in blinder Ohnmacht und unkontrollierter Verzweiflung), die ihre Ehe nicht vollziehen können, aneinander hängen und sich viel Leid zufügen, bis sie zusammenfinden können. Und es gibt die flippige Tochter, die ihrer Mutter ihr uneheliches Kind zur “Inobhutnahme” gab und nicht verhindern konnte, dass die Mutter es ihr für immer nahm, gesetzlich sanktioniert. Du sollst nicht stehlen?  Und da gibt es die Barsängerin (Betty Freudenberg überzeichnet ziemlich hippig) , die einmal in ihrem Leben wirkliche Liebe erfährt und diese brutal vernichtet, weil sie alle Gefühle in sich bereits getötet hat. Und da ist, last noch least, ein skurriler Abschluß mit dem spleenigen Philatelisten (Martin Baum zeichnet ein umwerfend komisches und treffsicheres Charakterporträt), der, vom Geld und Wert der kostbaren Briefmarken verführt, sich selbst um ein normales Leben bringt, das ihm ohne das teuflische Erbe seines Vaters hätte zuteil werden können.

Irgendwie sind alle Gebote auf alle anwendbar, aber wie anders hätten diese Menschen sich in ihrer Schwachheit entscheiden können? A.C.

 

 

 

 

 

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