La Bohème, HB

von Giacomo Puccini (1896)
Text Guiseppe Giacosa und Luigi Illica nach dem gleichnamigen Roman von Henri Murger
Theater am Goetheplatz, Bremen, 2014

Musikalische Leitung: Markus Poschner /Clemens Heil, Inszenierung: Benedikt von Peter,Bühne: Katrin Wittig; Kostüme: Geraldine Arnold,Chor: Daniel Mayr,Licht: Christopher Moos,  Klangestaltung: Max Bauer; Dramaturgie: Sylvia Roth, Regieassistenz: Caroline Blanck, Musikalische Assistenz: Karen Schulze-Koops, Inspizienz: Angelika Schirmer, Peter Mischke, Soufflage: Ellen Hofmann; Chor und Kinderchor des Theater Bremen; Es spielen die Bremer Philharmoniker

mit: Christoph Heinrich (der seinem Philosophen Colline neben allem Übermut eine tiefere Dimension zu geben vermag, wobei sein biegsamer Bass leider zu wenig Partien erhält), Martin Kronthaler (hält als Marcello die Balance zwischen Übermut und Ernsthaftigkeit, die ihm aber keinen Mut verleiht, sich gegen die Lethargie des Nichtstuns aufzulehnen) , Nadine Lehner ( als eine Mimi, deren schmerzende Sehnsucht von Anfang an aus dem HImmelreich zu uns herniederschwebt), Luis Olivares Sandoval       (zeigt den Rudolpho als differenzierten, empfindsamen Poeten, der seine Liebe mit kraftvoll-zärtlicher Stimmführung über das Künsterchaos und seine Eifersucht hinaus verteidigt). Marysol Schalit/Alexandra Scherrmann ( geben ihrer Musetta die erforderliche beeindruckende Koloraturdynamik), Zoltan Stefko/Sangmin Jeon (wechseln sich ab in der clownesken Jahrmarktsfigur Parpignol), Patrick Zielke (als Schaunard mit einem charaktervoll Gute-Laune-simulierenden Bariton) .

Nichts als ein Hungerleiderleben

Wer die “Traviata”-Inszenierung von Benedikt von Peter sah und hörte, wird sich nicht lange wundern über die nun folgende und folgerichtig ähnlich konzipierte Inszenierung  von “La Bohème”, jenem herz- und schmerzvoll vor Liebe und Armut vibrierenden Seelendrama aus der Künstlerbohème des 19. Jahrhunderts. Nur, dass sich dieses Mal die Damen und die Chöre hinter den mit schwarzer Gaze verhängten vorderen Seitenwänden der Bühne, beziehungsweise von den hohen Gängen der rückwärtigen Wände verbergen; dementsprechend zurückhaltend und zart gestalten die Chöre, intensiv Mimi und Musetta, zwei Frauen aus unterschiedlichen Seelenlandschaften, aus einer beabsichtigten Realitätsferne den Handlungsablauf.

Und dieser, so scheint es zunächst, findet bis auf die übermütigen Farbschlachten der vier Freunde in ihrem kalten Stübchen nur in der Phantasie von Rudolpho statt, dem Poeten, der gerade einige Manuskriptblätter verbrannte, um ein bißchen Wärme in die klamme Bude zu bringen. Es ist zu allem Erbarmen auch noch der Heilige Abend, der so gar nicht fromm und beglückend verläuft, sondern für die Freunde aus leeren Mägen und einer vitaler Vorstellungskraft von allerlei Köstlichkeiten einschließlich koketter bereitwilliger Damen besteht.

Schließlich brechen sie auf, ins Quartier Latin, mitten hinein in den Jahrmarkttrubel rund um ihre Kneipe Momus, wo man sich einen Hauch von Verwirklichung dieser Visionen erhofft. Nur Rudolpho bleibt im dem wilden Tohowaboho des kargen Zimmer zurück und erfindet nun bei spärlichem Kerzenlicht seine romantisch-tragische Liebesgeschichte mit der schönen, zarten und todkranken Mimi.
An der rückwäritgen Bühnenwand weisen große Schriftzeichen auf den jeweiligen Akt und die Szenen. Oberhalb der Bühne steht in deutscher Sprache die Übersetzung der italienischen Texte, die dann doch zumindest wegweisend sind für den sonst schwer zu ermittelnden Stand der Entwicklung zwischen Rudolpho und Mimi, die ihn seiner Eifersucht wegen verlasssen wird und zwischen Marcello und seiner robusteren Geliebten Musetta, von der er sich wiederholt und erfolglos zu trennen versucht.

Leidenschaft und Eifersucht halten einander die Waage bei diesen lebenshungrigen Künstlern, die mit dem Übermut der Verzweiflung raufen und balgen, sich bespritzen und beschmieren. Dazu tanzen die Geigen ausgelassen und vermischen sich mit den kräftigen Bläsern wie die Künstler unter das derbe Volkchen am kalten Winterabend. Teilweise gefällt dem Publikum an diesem Abend das Gemansche und Geraufe, das Zotige und Überdrehte, unterbrochen immer wieder wundersam zart von der sprachlich wie musikalisch kunstvoll auskomponierten Romanze zwischen Rudolpho und Mimi, deren Gefühle aber zeitweilig ihrer überschnellen Verletzbarkeit zum Opfer fallen müssen; denn wo Körper und Seele hungern, kann sie allein die Liebe weder lange sättigen noch besänftigen. Wunderbarerweise kann das Orchester den stetigen Wechsel der Gefühle und Ereignisse trotz fehlenden Handlungsablaufs stimmig führen.

Man kann natürlich diese Oper auf das Wesentliche der Geschichte – nämlich Liebe und Tod im scheinbaren Künsterlparadies der Freiheit – so reduzieren, wie auch bei “La Traviata”. Aber dann sind drei pausenlose Stunden arg lang und strapaziös, denn der unentwegte Anblick auf nunmehr total tätowierte halbnackte Körper, dazu der unentschuldbar geschmacklose Regieeinfall, sie noch schlampig mit einer roten Abendrobe zu behängen, kann auf die Dauer weder Spannung noch Mitgefühl erzeugen. Trotz allen guten Willens, herauszufinden, was sich hinter dieser Inszenierung an authentischen, brillianten Einfällen des Komponisten und seines Librettisten verbirgt, will sich dann doch nicht so recht erschließen, warum die schönen Damen nur Traumfiguren bleiben und erst angesichts des sich lang hinziehenden Todes von Mimi schwarz und bleich langsam die Bühne beschreiten, aber immer noch aus dem Spiel herausgelassen sind. Rudolpho schmiegt sich realitätsfern an Muff und leblose Kleiderhülle, die Kumpane wenden sich hilflos ab. Sie werden, so viel ist sicher, aus diesem sinnlosen Hungerleiderleben aussteigen müssen, wenn sie nicht endgültig scheitern wollen.

Es gibt natürlich auch opernhaft anrührende Momente, die sich aber nur aus der Musik, aus den Stimmen heraus ins Lebendige verwandeln und uns mitziehen in diese Welt der bunten, wirren Träume, in der Mimi ein lang ersehntes Häubchen zum Geschenk erhält, Rudolpho dafür eine hingebungsvolle Geliebte, wo sich grober Firlefanz in feine Kostbarkeit verwandelt, weil das Herz sie verschenkt, und aller Unfug nur eine Verdrängung ist, deren Wiederholung als Ersatzbefriedigung keinerlei Bedeutung zukommt. A.C.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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