Maria Stuart, HB

von Friedrich Schiller
Theater am Goethplatz, Bremen, 2014
Regie: Anne Sophie Domenz, Bühne: Franziska Waldemer, Kostüme: Elke von Sivers, Musik: Luoise Vind Nielsen, Dramaturgie: Tarun Kade, Licht: Frédéric Dautier
mit: Nadine Geyersbach(Elisabeth), Betty Freudenberg (Maria, Lisa Guth (Hanna, Amme der Maria), Robin Sondermann (Graf Leicester), Justus Ritter (Mortimer), Matthieu Svetchine  Baron von Burleigh)

Opfer und Schuldner der Macht

Dass diese textlich sehr reduzierte und in der Aussstattung sparsame Inszenierung dennoch zu fesseln vermag, entspricht dem konzentrierten dramaturgischen Konzept: Auf einer dunklen Bühne, die lediglich mit einer großen düsteren Kugel dekoriert ist, agieren Nadine Geyersbach als bleiche, lumpenartig ausstaffierte Elisabeth, die mit bemitleidenswerter Verletzbarkeit um Fassung, Achtung, Liebe und vor allem den Erhalt ihrer Macht ringt –  und ihre Gegenspielerin Maria Stuart, Königin von Schottland, die mit Betty Freudenberg eine überraschend facettenreiche Persönlichkeit vorstellt. Sie wird zu Beginn – unter den Klängen eines sehr wohl dem Typus dieser Maria angepassten Lieds der Popikone Madonna – lasziv, verführerisch, wehleidig aus dem Gefängnisloch des schwarzen Verlieses heraus kokettieren, ihre schlangengelockte blonde Mähne streicheln und schwingen, den langen Rapunzelzopf aus dem Fenster werfen, um vielleicht noch einen letzten verbliebenen Retter einzufangen – und tatsächlich findet sich ja noch einer…  Später, nach ihrer Hinrichtung, wird sie als Geist mit dem Zopf-Schweif im dunklen Hintergrund Elisabeths Gewissen weiterhin quälen und die getreuen Schotten posthum zur Revolution aufpeitschen. Eine späte Ikone, wie Madonna, wie auch Elisabeth, die als ihre Gegenspielerin ihrem Verstand zu folgen meint und die Staatsfeindin der Staatsraison opfert. Jedoch ist sie  – bei Schiller – am Ende eine gedemütigte, bloßgestellte Frau, diedoch auch ihren Gefühlen folgt und wider allen Argumenten und besseren Wissens dem Machtkalkül und Charme Lord Leicesters erliegt.

Noch aber kann Maria ihren letzten Kampf um ihre Freiheit mit aller Verführungskunst ausspielen, mit allen weiblichen Finessen die treue Gefolgschaft ihrer Günstlinge sichern, die sie bereits in ihren Aufstand gegen die englische Krone eingebunden und – geopfert hat, wie ihren letzten Ehemann. Noch immer ist ihre Wirkung  – auch auf das Publikum – von suggestiver Macht. Fürstlich glitzern silberne Steine auf nachtblauem Gewand, leuchten Augen und Haarpracht verführerisch, und ihr Gestus ist ein fesselnder Bannstrahl. Mortimer, der jünglingshafte Fanatiker (Justus Ritter als schüchtern-unbeholfener Verehrer, obwohl er doch bereits über Erfahrung der politischen Intrige verfügt!) ist schon in Frankreich den geschickten Argumenten des Kardinals und dem Bildnis der schottischen Nichte verfallen und wird versuchen, die Verehrte mit einem Schwarm weiterer Anbeter – dann doch erfolglos – aus dem Gefängnis zu befreien. (Leider ist auch die Begegnung mit Leicester, der ihn mit diabolischer Redekunst hereinlegt, in der Aufführung gestrichen).

Doch die Schottin, eher raffiniert als klug, setzt ihre einzige Chance auf eine Aug-in-Aug-Begegnung mit der “Schwester”, nicht ahnend, dass ihr aufbrausendes, unkontrolliertes Temperament ihr Henkersbeil sein wird. Des Grafen Leicesters Liebe sicher, setzt sie auf ihn als ihre beste Waffe, obschon sie weiß, dass er Ratgeber und auch Liebhaber Elisabeths ist. Für Robin Sondermann wieder eine Rolle auf den Leib geschneidert: charmant, ein bißchen verlegen und hilflos seine Unwiderstehlichkeit ausreizend, tändelt er wie ein Jung-Verliebter mit der beglückten Elisabeth, spielt den Zuversichtlichen gegenüber Maria, obschon er genau weiß, auf wessen Seite er sich schlagen wird. Maria, ihrer entwaffenden Weiblichkeit gewiss, vertraut ihm, der die Königin zu überzeugen versteht. Und wirklich, indem er Elisabeth versichert, dass sie bei dieser Begegnung alle Trümpfe in der Hand halte, auch die des physischen Vorteils, gelingt ihm diese unmögliche Coup. Welch ein schamloser Bluff, welch eine Torheit!  Beide Frauen tappen geschlechtspezifisch in die Falle des heuchlerisch besorgten Meisters der zweizüngigen Redekunst.

Die Begegnung der beiden Königinnen gleitet grandios durch alle Höhen und Tiefen menschlicher Charaktereigenschaften: Elisabeth bleibt kühl und distanziert, läßt sich sogar zu der noch demütig gebeugen Maria herab, kniet an ihrer Seite, bewundert die zarten Hände der Feindin, die so gar nicht unschuldig sind, streichelt sie sanft und fährt über ihr blondes Haar. Denn all ihre Eifersucht und jeder Hass weichen in diesem Augenblick der Gewissheit, dass die Schönheit der Feindin vergänglich sein, ihre Herrschaft aber bleiben wird. Es ist nicht Güte, es ist der machtgesicherte königliche Hochmut, der in dieser Geste der Zuwendung liegt. Und Maria, die bis dahin mit allerletzter Kraft ihre Wut, ihre Schmach noch zu zügeln vermochte, wird zur rasenden Furie als Elisabeth sie voller Hohn der dirnenhaften Buhlerei bezichtigt. Auch sie weiß, wo Elisabeths wundester Punkt ist: ihre nicht legitimierte Herkunft als “Bastard” der königlichen Mätresse Anne Boleign. Und während Maria in einer nicht zu bremsenden Raserei ihren Kopf verliert, schlägt sie die stumme, geschlagene Feindin in die Flucht, deren Urteil in eben diesem Moment gefällt ist. Diese Szene hat viele große Schauspielerinnen herausgefordert, und sie haben diese groß angelegten Charakterrollen vorbildhaft geprägt. Den beiden jungen Darstellerinnen des Bremer Ensembles ist zu bescheinigen, dass sie ihre Aufgabe gemeistert haben.

A.C.

Dem Dramaturgen Tarun Kade geht es um die Verdeutlichung, dass die verantwortliche Handhabung jedweder Machtbefugnisse Freiheit für das eigene Handeln voraussetzt; Elisabeth, Maria und Leicster stehen ohne Zweifel als Vertreter-innen eines zwar historisch inkorrekten, aber zeitlos gültigen politisch-menschlichen Konflikts im Zentrum dieses Dramas und auch in dieser Bremer Inszenierung.
Mit der Erfahrung der französischen Revolution keimte ja auch im deutschen Volk, das unter der fürstlichen Willkür in autarker Kleinstaaterei litt, die Saat des Widerstands. Fragen nach dem Maß, nach dem Ausmaß des Opfers, das für die Freiheit zu erbringen sei, stellte Friedrich Schiller die Überlegung gegenüber, wie Ehrgeiz und Eigennutz mit dem Anspruch des Allgemeinwohls zu vereinbaren seien. Der Idealtypus des Herrschers, der durchToleranz und Mäßigung zugleich seine Herrschaft als auch die Freiheit der Beherrschten sichern kann, ist nicht nur bei Schiller eine schöne Utopie, da sich letztlich niemand der späteren Konsequenzen seiner Entscheidungen sicher sein kann, weil es keinen absoluten Anspruch auf immerwährende Gültigkeit gibt.

 

 

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


9 − sechs =