Die Zauberflöte, HB

Große Oper in zwei Aufzügen von Wolfgang Amadeus Mozart – Text von Emanuel Schikaneder
Theater am Goetheplatz, Wiederaufnahme 2014
Musikalische Leitung und Chor: Daniel Mayr; Regie: Chris Alexander, Bühnenbild: Marina Hellmann, Kostüme: Marie-Theres Cramer, Choreographie: Jacqueline Davenport

Mach´s doch mit Gemütlichkeit – keine Aufregung mehr um Prüfungen

Dieser Drache ist der Beste von allen –  mit rotglühenden Augen und weit aufgerissenem Rachen windet er sich über die Mauer des Märchenreichs und bedroht gar fürchterlich den verirrten und verwirrten Prinzen Tamino, und auch alle anderen skurrilen Tiere, die in diesem sehr gespaltenen Spiel zwischen Tugend, Turbulenz und Toleranz auftauchen, sind reinweg entzückend. Ein Spiel mit Licht und Schatten, leuchtend eleganten Kleidern und Masken; An Verdiopern erinnern ägyptische Kostüme und Kopfputz, die dem Zauberspiel den glanzvollen Charme einer großen Oper verleihen.

Aber das ist dann auch beinahe schon alles, was man über die Inszenierung Erfreuliches sagen kann. Sie läßt bereits in der Overtüre keinen Zweifel daran, dass es sich hier um eine besinnlich-betuliche Interpretation einer alten Moral- und Geschlechterordnung handelt, die gar gemächlich im Orchester voranschreitet, das gleichsam aus langem Dornröschenschlaf erwachend, auf der geschmackvoll ausgestatteten Bühne sein Pendent eher verhalten und zurückhaltend sucht, was wiederum für die Sänger kraftsparend ist und zumindest bis zur Pause bei der dreieinhalbstündigen Aufführung Schwung und Esprit vermissen lässt. Die Sänger, man weiß glücklicherweise um ihre darstellerische und gesangliche Geschmeidigkeit und Variationsfähigkeit, sind in die alte behäbige Standfestigkeit traditioneller Opernaufführungen zurückgefallen. Allein der einzig Indisponierte an diesem Abend, nämlich der prächtig lebendige Papageno, zuckt und zockt und wirbelt behende durch die verschiedenen Welten zwischen HImmel und Erde, und bleibt, allen angedrohten Strafen und der großartigen Helden- und Mannhaftigkeit zum Trotz, seinem Charakter treu: nämlich ein Naturbursche, ein Vogel- und Menschenfänger, ein Individualist, ein Künstler, der sich den strengen Regeln der Bruderschaft niemals wird fügen können. Und letztlich erhält er doch sein entzückendes Weibchen, das ihm an Witz ebenbürtig ist. Für Christoph Heinrich und Iryna Dziashko natürlich die besten Rollen, und dass Papageno so vortrefflich aus der Seitenloge heraus stimmlich unterstützt wird, ist ein weiterer Genuss.

Auch die Pamina von Marysol Schalit an diesem Abend, zauberflötenhaft gesungen, schwingt sich nach und nach zu großer stimmmlicher Kontur auf und bricht mit ihrer strahlenden Präsenz einer fügsamen und schmiegsamen künftigen Königin im Reich Taminos die Bahn für die alte Gesellschaftsordnung: sanft und schön folgt sie dem Gatten in die Tiefen des Daseins und in die Höhen der uneigennützigen Liebe.

Luis Olivares Sadoval läßt als Tamino seine Gefühlsskala schön eingebettet in den vorschriftsmäßig zu singenden Noten und bleibt auch darstellerisch dem Herrscher Sarastro angepaßt in würdevoller Ergebenheit. Schließlich sind ja alle hier unglaublich tugendhaft, vergeben dem Feind, suchen das Heil in der Überwindung der eigenen und anderen Unzulänglichkeit, bezwingen das Böse kraft ihres Geschlechts und weisen die überaus selbstherrliche Königin der Nacht in ihre Schranken, die in dieser Inszenierung die moralische Negativrolle erhält.

Es ist längst keine Neuigkeit mehr, das der mutterlose Wolfgang Amadeus sowohl unter der strengen Regie seines Vaters litt als auch unter der Knute der geldgierigen Schwiegermutter stand, die ihn arg  ausnutzte. Dass sein Frauenbild sich damit weniger auf die Charakterstärke der Frauen als viemehr auf die Nutzung deren Reize begrenzte, mag auch hierauf zurückzuführen sein. Ganz sicher aber auf die Zeit, in der er lebte, und in der die großmächtige Kaiserin Maria Theresia (1717-1780) über Familie, Länder und andere Oberhäupter kraftvoll herrschte. Auch ihr Sohn Joseph II., ab 1756 Mitregent, versuchte wohl vergeblich, seine eigene Politik gegen die der Mutter durchzusetzen, was Mozart durch den Hofklatsch wie alle anderen Bürger damals auch nur zu gut wußte. Und Leopold war sein, Mozarts Mäzen! Starke mächtige Frauen also um ihn herum, die den Männern gefährlich werden konnten.

Die Ambivalenz dieser heute ziemlich abgearbeiteten Oper läßt sich mannigfach ausleuchten, und sollte daher vielleicht nicht gar so ernst genommen werden. Aber hier ist sie nun mal zu einer oper seria mit gesellschaftlicher Noblesse mutiert, und der frühere Bösewicht, der Mohr Monostatos, spricht ganz erbarmungswürdige Sätze, die man ähnlich schon bei Shakespeares Shylock mit Erschütterung vernahm: Ist mir denn kein Herz gegeben?
Ich bin auch den Mädchen gut? Immer ohne Weibchen leben, Wäre wahrlich Höllenglut.
Drum so will ich, weil ich lebe, Schnäbeln, küssen, zärtlich seyn! –Lieber, guter Mond — vergebe Eine Weiße nahm mich ein! –Weiß ist schön! — ich muß sie küssen;
Mond! verstecke dich dazu! Sollt es dich zu seh’n verdrießen,
O so mach’ die Augen zu Hab ich denn kein Herz wie Ihr, bin ich nicht aus eben diesem Fleisch und Blut…” usw.

Und so ist er hier auch eigentlich gar nicht so böse (sammelt in der Pause für Terre des Hommes), und seine Sklavenbrüder verwandeln sich dann auch schon mal in Diener des göttlichen Horus, tragen die Fackeln der Erleuchtung in das Heiligtum der Tempel, wo Isis und Osiris den Glanz ihrer altägyptischen Macht ausschütten. Dass hier Sarastro nur aus ehrlichem Herzen und tiefster Brust zu singen und überhaupt nicht zu handeln braucht, ist schmerzvoll genug. Denn Patrick Zielke ist ein begnadeter Schauspieler, und hier wird er zum todernsten Oberpriester verdonnert, der die Liebenden prüft – was ja eigentlich nur zu gut ist, zumal sie sich ja etwas hastig schon beim Hörensagen und Bildbetrachten ineinander verguckt haben, was sicher nicht so ganz beständig sein dürfte. So wirbt Sarastro erst einmal für Werte wie Treue, Beständigkeit, Ordnung, Tugend und Mannhaftigkeit und trifft bei Tamino auf offene Ohren.

Wie um alles in der Welt ist das lebens-, liebes- und trinkfreudige Gespann Mozart und Schickaneder nur auf so eine Scharade gekommen? Waren sie derart von den Logenbrüdern beeinflußt und haben sich dann mit dem kleinen Vogelfänger und drei allerliebst zwitschernden Knabenstimmen sowie vollbusig flirtenden Hofdamen schnell wieder dem Volks – (und ihrem eigenen) Geschmack genähert?

Die Wiederaufnahme dieser “Zauberflöte” in Bremen soll wohl über frühere Regieeskapaden hinwegtrösten. Aber dann doch bitte lieber wieder einfallsreiche und umstrittene Inszenierungen, über die man sich aufregen und diskutieren kann (wie zum Beispiel “La Traivata”… )!A.C.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


vier × = 24