The Forbidden Zone,B

von Duncan Macmillan
Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin, 2014/15
Eine Koproduktion mit den Salzburger Festspielen
in Kooperation mit dem europäischen Theaternetzwerk PROSPERO

Regie: Katie Mitchell, Videoregie:Leo Warner, Bühne: Lizzie Clachan, Kostüme, Video: Finn Ross, Dramaturgie: Nils Haarmann, David Tushingham, Produktion: John Higgins, Pippa Meyer
mit: Ruth Marie Kröger: Clara Haber; Felix Römer: Fritz Haber; Jenny König: Claire Haber; Cathlen Gawlich/Kate Duchêne: Wissenschaftlerin/Krankenschwester; Andreas Schröders: Wissenschafler; Laurenz Laufenberg/Giorgio Spiegelfeld: Soldat; Sebastian Pircher: Amerikanischer Soldat; Kamera: Andreas Hartmann/Jesse Mazuch, Stefan Kessissoglou/Maurice Wilkering, Sebastain Pircher

 

Ein Requiem für alle, die das Leid der Welt tragen

– so könnte man diese eindrucksvolle Film-Bühnendarstellung titulieren, die Kate Mitchel feinfühlig und dramatisch effektvoll inszeniert hat. Kunstvoll verwebt sie in live auf der Bühne entstehenden Filmausschnitten – vor allem in Großaufnahmen – die Schicksale von drei Frauen zu einer historischen Collage. Ruth Marie Kröger zeigt als Clara Immerwahr, erste deutsche promovierte Chemikerin und verheiratet mit dem genialen Wissenschaftler Fritz Haber, stummfilmartig die Zerrissenheit und Qualen, mit denen sie sich dem unbeirrbaren Vorgehen ihres Mannes, den Einsatz von Giftgasen im 1.Weltkrieg voranzutreiben, entgegenstellt.
Der nostalgische Fotorealismus der Filmkameras gleitet in das brüchige Halbdunkel einer verschwommenen Vergangenheit, in der Clara als zerbrechliche Lichtgestalt an dem Leid zerbricht, dass sie mit jedem Brief erträgt, den ihr Mann ihr in seinem ideologischen und wissenschaftlichen Fanatismus aufbürdet. Sie wird sich das Leben nehmen mit der Dienstpistole Fritz Habers, der den Nationalismus über alle Moral stellte, mit der Verbissenheit des ehrgeizigen Wissenschaftlers, dem jedes Mittel recht ist, den Krieg für Deutschland zu gewinnen. Felix Römer spielt szenisch nur peripher eine Rolle, als er Claras Entsetzen als Beleidgung seiner Arbeit empfindet und ihr brutal den Rücken kehrt. Seinte Zeit wird ihn sogar als Nobelpreisträger und  Erfinder ertragreicher Düngesubstanzen für die Landwirtschaft ehren. Clara ist erst in neuer Zeit aus dem Dunkel der Frauenbewegung des vorigen Jahrhunderts wieder hervorgetreten.

Parallel und im Bildwechsel halten die Kameras Szenen fest, in denen Claras Enkelin Claire 1949 in  einem amerikanischen Labor an der friedfertigen Nutzung wissenschaftlicher Erkenntnisse arbeitet. Jenny König verbirgt ihre Empfindungen in der erstarrten Maske einer jungen Frau, die um die Vergangenheit und die Schuld ihrer Familie weiß. Aus dem Off spricht eine weibliche Stimme Texte aus Gedichten von Mary Borden, die 1929 unter der Titel dieses Stückes “The Forbidden Zone” veröffentlicht wurden und das Grauen an der Front aus dem Einsatz dieser unerschrocken gegen den Tod kämpfenden DKR-Schwester in der einzig möglichen Form des Poems wiedergeben sowie Essays berühmter Schriftstellerinnen wie Emma Goldmann und Virginia Woolf, die in kunstvoll eindringlicher Sprache unbeantwortet mit den Fragen nach dem “Warum” eines Krieges ringen.
Sichtbar schwer lastet  der neue emotionale Schlag der Einstellung ihres Forschungsprojektes auf Claires Gemüt. Während einer späten Heimfahrt in der Straßenbahn, die im Original die dunkle vordere Bühne einnimmt und damit auch die Verschiebung von Zeit und Raum sinnbildlich widerspiegelt, während die übrigen Szenen im Hintergrund in verschiedenen Räume vorbereitet werden – wird Claire von einem amerikanischen Sodlaten grob beleidigt und belästigt. Sein Hass gegen die Deutschen, zu denen sie sich bekennt, ist unermeßlich und brutal. Seelisch aufgerüttelt und ohne Alternative fasst Claire einen Entschluss…
Parallel laufen jetzt die Bilder, die die Gedanken und die Konsequenzen, die einst auch ihre Großmutter nicht mehr losließen, nun auch die familiäre und nationale Schuld der Enkeltochter ins Unausweichliche steigern. Wobei diese Art der technischen Verschmelzung auf verschiedenen Zeitebenen eine beinahe unerträgliche Spannung erzeugt. Der Zuschauer wird langsam und unerbittlich in die Seelenqual der Frauen hineingeblendet. Gleich ist allen das Ensetzen in ihren Gesichtern, in ihre scheinbar ins Unendliche gerichteten Blicke,leer  und hoffnungslos. Die Kameraleute arbeiten schnell und geräuschlos wie Schatten, leuchten die ebenso perfekt wie sparsam ausgestatteten Szenen aus, bahnen in Zeitlupe die fatalen Entscheidungen von Clara und Claire an – deren Motivation für ihre Umwelt zwar sichtbar, aber schwer erkennbar ist, und die sich erst der Nachwelt entschlüsseln wird.

Hinzu kommt eine dritte Ebene mit Claires wissenschaftlicher Kollegin (Cathlen Garwich), deren Mann im 1.Weltkrieg in Frankreich einem qualvollen Phosgen-Gastod erlag, und deren Erinnerungen als Krankenschwester in rudimentären graugetönten Bildern mit stummer Tristesse und Trauer gespiegelt werden. Da stellt der Soldat in seiner spartanischen Kammer einen kleinen weißen Blütenzweig in eine Vase, rückt sein Foto dagegen und verläßt leise, beinahe schon unsichtbar geworden, den Raum. Später wird ein Soldat mit schlimmsten Gesichtsverletzungen, von einer Krankenschwester stumm bewacht, noch einmal die unermeßlichen Qualen andeuten, die 800 000 Männer durch die mörderische Erfindung Fritz Habers erleiden mussten.

Aber sind die Sühneopfer dieser Frauen gerechtfertigt, sind sie die Antwort auf die Verbrechen von Wissenschaft und Politik? Was bleibt, sind neben der tiefen Berührung diese aufrüttelnden schrecklichen Fragen, auf die es wohl niemals eine Antwort geben wird. Aber sie müssen, angesicht der nie endenden Gewalt auf unserer Erde, immer und immer wieder gestellt werden.
Diese Inszenierung ist eine technisch außerordentliche und emotional tief unter die Haut gehende Retrospektive, die Schuld und Schicksal, Fortschritt und Ethik, Verantwortung und Ausweglosigkeit in die Gegenwart trägt. A.C.

 

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