Agrippina, OL

von Georg Friedrich Händel (1685-1759)
Dramma per musicain drei Akten – Dichtung von Vincenzo Grimani

Oldenburgisches Staatstheater, 2016/2017

Oldenburgisches Staatsorchester; Musikalische Leitung: Jörg Halubek, Inszenierung: Laurence Dale, Dramaturgie: Annabelle Köhler, Steffi Turre, Bühne: Tom Schenk, Kostüme: nach einem Entwurf von Robby Duiveman, Licht: Sofie Thyssen
mit: Joâo Fernandes/Julian Popken als Claudio, Kaiser von Rom; Nina Bernsteiner als Agrippina,seine Gattin; Hagar Sharvit als Nerone, Agrippinas Sohn, Martyna Cymerman als Poppea;  Leandro Marziotte als Ottone; Aarne Pelkonen als Pallante, Yulas Sokolik als Narciso; Ill-Hoon Choung als Lesbo, Claudios Diener

   “Agrippina” erobert Oldenburgs Opernfreunde

Der Sturm vor der Küste Italiens bewegt nicht nur den silbernen Bühnenvorhang, sondern läßt auch den schwarzen Umhang, den Agrippina wie weitreichende Flügel schützend um ihren sadistischen Buben schlägt, wie eine Voraussage erscheinen: Hier schlagen die Wogen der Intrigen meterhoch, und sie vernichten nicht den Herrscher Claudio samt Schiff, sondern schlagen der bereits frohlockenden Agrippina ein böses Schnippchen. Alles war vorbereitet für die Kaiserproklamation des verzogenen Halbstarken Nerone, und da kehrt der Gatte doch zurück und bleibt auf dem Kaiserthron sitzen. Mehr als ärgerlich. Aber es wäre nicht die eiserne Lady Agrippina, die so schnell aufgeben könnte! Und wirklich, was diese Frau an Finessen parat hält, ist unbeschreiblich. Mit Nina Bernsteiner eine glänzende Besetzung, die nach den ersten MInuten glasklar signalisiert, wer hier die Peitsche schwingt: in einem ihre Figur weit umrauschenden schwarzen Gewand, violett unterfüttert, mit spitzem Stehkragen und kardinalsartiger Kappe (weil der hochkarätige Librettist Kardinal war?), natürlich dem barocken verführerischem Dekolleté, weist sie stolz und majestärisch ihren Vasallen die entsprechenden Rollen zu. Schlangenhaft schmeichelnd umgart sie die machtversessenen Werber, den schmucken, selbstsicheren Pallante (betörend der Finne Aarne Pelkonen), den eitlen Dandy Narciso (die eindrucksvolle große Russin Yulia Sokolik charaktervoll besetzt), die ihr zu Füßen liegen, jedoch auch schnell den Thronsessel hinter ihr erklimmen, als sie sich der Gunst ihrer Kaiserin gewiss sind. Und diese verkündet mit leidenschaftlichem Feuer, mit federndem schwingenden Schritt hohheitsvoll und unmißverständlich, was den Männern wirklich beschieden sein wird, wenn sie das Zepter – zunächst offiziell noch für ihren Sohn – einmal in ihren Händen hält. Diese Frau ist brennend gefährlich, intelligent, geschickt, blitzschnell in ihrer Reaktion – und, sie beherrscht variationsreich alle Register der klangschönen Kunst des Ränkeschmeidens.

Natürlich, der Star ist neben der einnehmenden Präsenz von Nina Bernsteiner der englische Bass und Buffo João Fernandes als klappriger, seniler, lüsterner Kaiser Claudio, (der gut ein Geist Riff Raffs sein könnte, was wiederum an den Inszenierungskünstler Robert Wilson erinnert, der wiederum ein Kollege des jetzigen Regisseurs war)  – ein Spielball in den Händen der beiden Frauen Agrippina und ihrer Nebenbuhlerin Poppea. Dass der Römer Claudio das höfische Intrigenspiel zuweilen auch wohl durchschaute, bleibt ihm auch in Händels reizender Farce unbenommen. So meint er, gewitzt das Rad zu seinen Gunsten umdrehen zu können und weiß doch nicht, dass alles sich so entwickeln wird, wie das Schicksal entscheidet: Denn weder der zunächst fehlgeschlagene Plan Agrippinas noch die klug eingefädelte Racheaktion Poppeas, keine der Drehungen und Wendungen konnte Neros Aufstieg zum Kaiser (54 bis 68 n.C.) verhindern. In der Geschichte aber war dies Desaster vorbestimmt durch eine machtbessene Frau, die, einer Parze gleich, die die Fäden zog in einem jahrzehnte alten Schachspiel im römischen Senat, in einem Spiel auf Leben und Tod.

Der Künstler hatte freie Hand. Er konnte dem Publikum mit einem Liebespaar schmeicheln, das zunächst der Intrige Agrippinas zum Opfer fällt, sich dann aber – mit List vetraut – retten kann:  Poppea, die mit der polnischen Sopranistin Martyna Cyberman über den jugendlichen Schmelz als kluge und verführerische Liebhaberin verfügt, kann immerhin drei Männer gleichzeitig in Schach halten und dabei auch eine ziemlich anstrengende stimmliche Hinhaltetaktik für den buhlenden Claudio, den spleenigen Jungen Nerone und den bös verleumdeten Geliebten Ottone mit vielfältigen Variationen aushalten, eine gar nicht so einfache Partie. Ottone, der mit dem uruguayischen Countertenor Leandro Marziotte auch dem barocken Besetzungsideal entgegenkommt, ist allerdings eher ein zart besaiteter, dem Schicksal ergebener Romeo denn ein sturmtrotzender Seemann und die einzige tragische Figur in diesem Spiel, bis ihm die ebenfalls in der Kunst der Palastintrige nicht unerfahrene Geliebte den Weg aus dem Dilemma bahnt. Dass ihr Ottone dann doch, ihr zuliebe, auf den Kaiserthron verzichtet, zeigt einerseits, dass Männer nicht immer wissen, was Frauen wirklich wollen, und Frauen oft gute Miene zum schlechten Deal machen müssen!

Aber die Begeisterung, mit der diese Aufführung bereits zur Premiere bedacht wurde, galt nicht nur der selbstverständlichen Dominanz von Nina Bernsteiner und ihres herrlich tief röhrenden und vergeblich die Damen umbuhlenden Gatten Claudio, sondern sie umfasste Ensemble wie Orchester, Bühnenbildner und Kostümdesign, Lichteffekte und natürlich die glückliche, choreografisch absolut mit der Harmonik der Klangbilder übereinstimmende Regie. Das ist, bei näherem Hinsehen, kein so großes Wunder, denn mit Jörg Halubek steht ein exzellenter Kenner und Wahrer der Barockmusik am Pult des Staatsorchesters, nach originaler Kammermusikvorgabe auf 28 Musiker ausgerichtet, mit einer authentischen Tonsprache, die eine personale Charakterisierung in ausschmückenden Nuancen und vielfarbigen Facetten garantierte, schnell vorantreibend, zuspitzend in Spannungsmomenten, klagend und mitfühlend, berührend in den poetischen Passagen des jungen Liebespaares Poppea und Ottone, dramatisch exzessiv im furiosen Machtkampf der Geschlechter.
Und so leuchten nicht nur die Farben der prachtvollen Kostüme und die Säbel der Palastwache, nicht nur die intelligent arrangierten Spiegelkulissen, in denen abwechselnd die Sänger und der Theatersaal erscheinen, die einzige Säule in der Mitte der Bühne sich vervielfacht, sondern vor allem das Genie des 24jährigen Komponisten und seines Librettisten, der dieses Stück, das sich künstlerisch freischwingend wie ein selbstgewisser Artist in die Höhe der feinironischen Ausformung einer eigentlich doch schrecklich blutrünstigen Historie emporhebt. Ein dramaturgisch reizvolles Thema, das seinerzeit publikumswirksam im Glanz der höfischen Festgesellschaft effektvoll glänzte, einen Kastraten einspeiste, ansonsten alle Rollen genderübergreifend besetzte, den emotionalen Hintergrund der Rolle auszuleuchten verstand, indem er die Sänger und Sängerinnen frei in ihren Rezitativen und Arien mit aller Kunstfertigkeit artifizieller Ausformungen brillieren läßt, ohne sie in auf bestimmte Affekte festzulegen – das war und bleibt das Geheimnis der Barockoper. A.C.

 

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