Ein Haus in der Nähe einer Airbase, HB

von Akin Emanuel Sipal, Uraufführung
Theater am Goetheplatz, Bremen, 2018
Regie: Frank Abt, Dramaturgie: Voktorie Knotková, Ausstattung: Susanne Schuboth, Musik: Nihan Devecioglu, Video: Rebecca Riede, Elisa Gómez Alvarez
mit: Faniel Sorel als Tochter, Irene Kleinschmidt als Mutter, Siegfried W. Maschek als Vater, Marco Massafra als John

Wo ist der moderne Mensch zuhause?

Eine nostalgische Idee endet, wie und wo sie enden muss: mit Ernüchterung und wieder am Anfang. Zuweilen auch mit Einsicht, aber hier leider nicht, denn das eigentlich beruflich erfolgreiche und etablierte deutsche Ehepaar mit ihrer flüggen Teenietochter hat beschlossen, sich seiner türkischen Herkunft wieder vollständig anzugleichen und das bisher nur als Feriendomizil genutzte Haus in Adana am Rande der syrischen Grenze – in der Nähe einer amerikanischen Airbase – nun bis zum Ende seines Lebens zu bewohnen. Der Grund für die Aussteiger: nirgendwo wirklich zuhause,  “unwahrscheinlich”, kein als gleichwertig beachteter Bürger in Deutschland zu sein, und wie sich sehr bald herausstellen wird, auch Außenseiter in dem türkischen Umfeld zu bleiben.

Inmitten einer großen Kartonagenlandschaft erzählt Fania Sorel als deren Tochter zunächst ihrer Zuhörerschaft in reizvollem Akzent, doch etwas schwer verständlich die Geschichte ihrer neuen Festansiedlung inclusive Collegeerfahrung im türkischen Wohnghetto der upper class – aber da steht sie bereits vor ihrem abgebrannten Ferienhaus – einem Scheiterhaufen gleich. Das äußere Gerüst, die ohnehin auf wenig haltbarem Material zusammengefügte Heimstatt, ist ausgelöscht. Wie es weitergeht, bleibt auch am Schluß der einigermaßen spannungsreich aufgebauten Rückkehr in die Vergangenheit nicht erkennbar. Nur eine kleine Hoffnung glimmt noch in der Asche einer grässlichen kriegerischen Welt, die der junge Soldat John verkörpert, der in der Stadt einem Anschlag zum Opfer fällt und lädiert an Leib und Seele von der Mutter aufgefunden, ins Haus gebracht und körperlich und seelisch wieder aufgebaut werden soll. Doch an Heiliung ist nicht zu denken. Auch der Wunsch der in einer mystischen Welt verhafteten Mutter, von Irene Kleinschmidt mit esoterischem Touch ausgeleuchtet, hier ihren Mitmenschen therapeutisch zur Seite zu stehen, zerbricht an deren Unverständnis, dass man für eine Therapie bezahlen soll. Das ist eine bemerkenswerte Sicht des Autors: denn warum in aller Welt, so mögen die an enge familiäre Gemeinschaften gebundenen Völker jenseits der durchtherapierten westlichen Welt denken, muß man für ein verständnisvolles Gespräch unter Nachbarn bezahlen?

Auch der Vater, den Siegfried W. Maschek gemütvoll als einen gestandenen, aber, wie sich herausstellen wird, völlig unlebenstüchtigen Mann zeichnet, hat mit seiner Idee, den von Sonnenglut verdörrten einheimischen Bauern Solarzellen zu verkaufen, kein Glück. Und wie fern Mann und Frau jegliche südliche, angeblich urwurzelheimische Mentalität liegt, erfahren wir durch einen einheimischen Verwandten, der – wohl als das intellektuelle alter ego des Autors – sehr viel kluge Gedanken äußert, aber nicht begreift, warum ihm die neu zugezogene Familie weder finanziell helfen noch kreativ  unterstützen will. Denn als Theaterschriftsteller mit momentaner Schreibblockade und einem Alkoholproblem sollte die Verwandtschaft ihm doch nach alter Sitte bereitwillig zur Seite stehen. Seine ansatzweise durchaus bedenkenswerte Argumente, die um Klischees, Tradition und Religion, Demokratie, Land und Politik, um Heimat und Zugehörigkeit kreisen, werden im Anschluss an die Aufführung mit dem Autor im Foyer diskutiert.

Zunächst aber verhallen sie ungehört im Raum, der von schwarzen Halbrund der Wände umrahmt wird, über die zuweilen Videos mit schwarzem Rauch flimmern, der Krieg und Not und Brand und   Vernichtung zurückläßt. Denn das ist das eigentlich Beklemmende, Bestürzende in diesem Stück: die psychische Zerstörung des jungen amerikanischen Soldaten John, der – als Kriegshistoriker – aus dem akademischen Kokon jäh in die furchtbare Wirklichkeit gerufen wurde und an den Gräueltaten, durch die er selbst nach und nach zum seelenlosen Handwerkszeug der Kriegsmaschiernie mutiert. In seinen verworrenen Erinnerungen vermischen sich die alten Eroberungsfeldzüge zwischen Assyrern und Babyloniern im Zweistromland mit den aktuellen Kämpfen der Marines im Irak des Saddam Hussein. Vom türkischen Machthaber Erdogan ist noch nicht so viel die Rede. Offensichtlich mag der Autor die gegenwärtige Situation nur in der Überlegung des “Onkels” beschreiben, der sich und anderen hintergründig die Frage stellt, ob denn Demokratie und religiöse Intoleranz einander ausschließen…  Marco Massafra überzeugt in beiden Rollen – als Marine und als Onkel –  temperamentvoll mit bewegender Emotionalität.

Da sich die charmante Tochter dieser Kleinfamilie altersgemäß cool gibt und somit einige visionäre Gedankentürme der Eltern zum Einsturz bringen könnte, sich trotz aller Gräuelltaten von John in diesen verliebt und am Ende allein, aber nicht unfroh zurückbleibt, als die Eltern weiterhin sonnenverblendet in eine romantisierte Scheinwelt flüchten, ist für anschließenden Gesprächsstoff gesorgt. Sonst wie gewohnt  “der Vorhang zu und viele Fragen offen”. Vielleicht muß solch eine Gedankenflut, wie sie hier nonstop mit erzählten Spiel oder gespielter Erzählung angerissen wird, noch geordnet und gebündelt werden, um aus den vielen Ansätzen ein dramatisches Gleichnis herauszufiltern (Soldatenschicksale in Religions- und Eroberungskriegen der Neuzeit, Idealisierung des Heimatgedankens in einer globalisierten, vielsprachigen Welt). Dem Autor möchte man sprachliche Brillianz bescheinigen, und den Schauspielern gebührte verdienter Beifall für eine großartige Charakterisierung  der vier Persönlichkeiten, die dieses Spiel nachhaltig bestimmen. Über ihre “Kostüme” allerdings breiten wir das Tuch des Schweigens. A.C.

Dennoch: sehens- und erlebenswert!

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