Ein Maskenball, HB

Oper in drei Akten von Guiseppe Verdi
Text von Antonio Somma nach dem Drama “Gustave III. ou Le Bal Masqué” von Eugène Scribe
Theater am Goetheplatz, Bremen, 2018
Musiklische Leitung Marco Comin/Israel Gursky; Regie:Michael Talke; Dramaturgie: Brigitte Heusinger; Bühne: Barbara Steiner; Kostüme: Regine Standfuss; Chor Alice Meegaglia
mit: Patricia Andress, Romina Boscolo, Sungkuk Chang, Stephen Clark, Iryna Dziashko/KaEun Kim, Birger Radde, Daniel Ratchev, Luis Olivares Sandoval, Zoltran Stefko, Dongfang Xie. Mit den Bremer Philharmonikern, Chor und Extrachor des Theaters Bremen 

Monster allerorten warten auf die Krone

Monster  – alles Monster, die einen, die Höflinge in weiß, die anderen, die Attentäter in schwarz, bilderbuchgetreu, in Zeitlupe greifen sie nach der Krone, zu Beginn und am Ende, als der alte König tot ist. Es lebe der König, solange er eben lebt! Und mittendrin die schwarze Braut des Horrors, eine Wahrsagerin, aus der Adams-Family, ähnlich Angelica Huston wie sie diese Rolle als unheimliche Hexe und Märchenerzählerin schuf, die den schwarzen Rosen die Köpfe abschneidet und so verteufelt schön ist. Und somit spielt Romina Boscolo als unheimliche Wahrsagerin Ulrica die Haupt-Nebenrolle in diesem Schicksalsdrama, das im Plot sogar historisch verankert ist.Verdi bediente sich des Attentats auf den Schwedenkönig  Gustav III., der tatsächlich während eines Maskenballes von seinen Mördern für alle Untaten, die Herrscher zu begehen pflegten, gerichtet wird.

Nur hat der Komponist die Geschichte natürlich schöngeistig verändert –  mit sehr viel Liebe und Eifersucht und Schuld und Vergebung natürlich. Beste Freunde, des einen schöne Ehefrau, der andere ein liebeshungriger König, der sich selbst gottähnlich und für unverwundbar hält, dann letzten Endes doch vor den Verfolgern flieht und skrupellos die Angebetete während des heimlichen und nun doch aufgedeckten Rendevous schnöde ihrem weiteren Schicksal überläßt. Und da muss Patricia Andress als leidtragende Amelia klug vor des Ehegatten tödlicher Eifersucht handeln, denn wenig hilft ihr  Schluchzen und Zagen, eher dann doch Klugheit und Mutterliebe und – das Schicksal, das Komponist und Autor ganz in der Hand halten. Sie führen die Marionetten ihrer Phantasie in ein dramatisches Fiasko. Amelias Ehemann Renato, zugleich Vertrauter des Königs, wird von Birger Radde, groß und gewaltig an Figur und Stimmeinsatz, von Anfang an mißtrauisch und unnachgiebig gespielt. In  seinem arg verwundeten Ego stellt er sich nun auf die Seite der Verschwörer, die in der seelischen Düsternis der empfangenen Kränkungen ihre dunklen Rachegelüste nähren.

In Bremen hat man, so tönt es von nah und fern, sich der guten alten klassischen Inszenierung bedient, mit ein paar Seitenarragements, doch im Prinzip nicht viel Neues an Phantasie hinzugefügt. Vor allem fehlte die Überraschung, die Begeisterung auslöst sowie die Hingabe an die immer wieder neu zu entdeckenden genialen musikalischen Charakteristica des großen Musiktheaters an diesem Abend, wobei dieses machtvolle Orchester wie der großartige Chor so virtuos, so selbstverständlich durch Raum und Zeit fließen und dabei den Sängern Raum und Ausformung ihrer Themen übertragen. Auch die Regie von Michael Talke stellt seine Inszenierung vor allem auf die gesangliche Übertragung aller seelischen und psychologischen Tiefen und Untiefen ein. Allein Ulrica schwebt dämonisch im weißen Nachtgewand durch den Raum, verschlingt die Gaffer mit scharfen Blicken und windet ihre körperlange schwarze Mähne wie eine Schlange um ihre Opfer, während sie ihnen Tod und Trauer oder auch Geld und Glück verspricht, wohl wissend, dass der versteckte königliche Gönner ihre Voraussage erfüllen wird. Denn alle Mauern haben Ohren, und von den dicken Säulen der Stadtschlosses hört man die Gerüchte weithin; man  weiß, was Ulrica ihren Kunden verspricht und vorhersagt. So kennen auch die dunklen Verschwörer den geheimen nächtlichen Treffpunkt des Liebespaares…

Selten hörte man einen so dunklen, beinahe unheimlichen Alt, ließ sich von einer Stimme augenblicklich in eine Märchenwelt entführen. Faszinierend ist Romina Boscolo, und es wäre wunderbar, sie noch öfter zu hören – und anzuschauen! Ihr Pendant, ein weiterer Glückfall in der Besetzung, ist die quirlige Irina Dziashko, die sich als koboldhafter Page, ängstlich und mutig zugleich, verwegen in die Höhle der Löwen wagt und doch der Brutalität der Attentäter unterlegen ist. Eine tolle Stimme, die  glasklar, schnell und spielerisch ein überraschendes Erlebnis bietet. Des Königs mutige Närrin inmitten der schleimenden Chargen, die einen Sopran schmettert, der tausendmal größer ist als ihre Rolle. Und die dritte prachtvolle Frau, Amelia, hält Stimme und Moral höher als der Herrscher, wenngleich ihr Gatte ihren Unschuldsbeteuerungen keinen Glauben schenkt. Patricia Andress spielt ein ängstliches treues Weib, das an der verbotenen Liebe ohnmächtig leidet, während der Liebhaber, der doch noch keiner wirklich ist, auf sein egozentrisches Verlangen nicht zu verzichten bereit ist. Luis Olivares Sandoval als Gustavo wüßte mit seinem ebenso ausdrucksstarken wie zärtlich behutsamen Tenor schon einen Weg zu finden, der ihm das ersehnte Türchen öffnet. Doch da stöbern die Attentäter das zwischen Verzicht und Hingabe ringende Paar auf, kurz nachdem auch der Ehemann erstaunlicherweise an dem verschwiegenen Ort eingetroffen ist. Noch ist  Amelia verschleiert und bangt um die Aufdeckung ihres gefährlichen Tète à tète. Und beinahe wäre es ja auch gut gegangen. Aber dann wäre es natürlich keine dramatische Oper mehr, kein großes Theater, keine gewaltige Musikkanonade, die vom Orchester mit einer derart  leidenschaftlichen Klangfülle ausgebreitet ist, dass eine Lazarus-Band dagegen beruhigend wirkte.

Das ist also ist der gute alte Maskenball wie man ihn sich wünscht, mit großen Gefühlen, politischer Intrige, prachtvollen gold-glitzernden Kostümen, Bösewichtern und einem zweifelhaften Herrscher, unerfüllter Liebe und beinahe grausamer Rache, und dann doch Verzeihen und Tod des Tyrannen. A.C.

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