Der fliegende Holländer, HB

von Richard Wagner (1813-1883) Text:  R. Wagner

Romantische Oper in der 3 Aufzügen nach einer dramatischen Ballade von Heinrich Heine (Uraufführung 1843)
Theater am Goetheplatz, Bremen, 2019 Wiederaufnahme
Musikalische Leitung: Hartmut Keil, Regie: Sebastian Baumgartner, Dramaturgie: Ingo Gerlach, Bühne: Thilo Reuther, Kostüme/Video: Jana Findeklee/Joki Tewes, Leitung der Wiederaufnahme: Lennart Hantke, Chor: Alice Meregaglia, Licht: Christian Kemmetmüller
mit: Claudio Otelli als Holländer für den erkrankten Loren Lang, Patricia Andress als Senta, Christian- Andreas Engelhardt als Erik, Manni Laudenbach,heizer,  Nathalie Mittelbach als Sentas Amme, Sunwoong Park als Steuermann, Patrick Zielke als Kapitän Daland

Des Teufels Kapitän

Traumatische Erlebnisse können auf verschiedene Weise verarbeitet werden – in Worten, in Texten oder in Noten – Richard Wagner verwandelte seine Erfahrungen in einem schweren Sturm auf der Überfahrt von Riga nach London in ein phantastisches und romantisches Drama mit meeresbrausender Dynamik, Realtität und Geisterspuk miteinander genial vermischt zu einer Symbiose nordischer Volksmythen und  der mitleidigen Verklärung eines “Naturkindes”. In der Geschichte des “Fliegenden Holländer”, vom Kapitän, der Gott lästerte und den Teufel beschwor im Kampf gegen die Gewalten, die um Kap Horn tobten und sein Schiff nicht freigeben wollten. Die Strafe folgte gnadenlos: denn seither sind Schiff und Mannschaft dazu verdammt, ruhelos auf den Meeren umherzuirren – bis sich alle sieben Jahre die Chance offenbart, das eine treue Frau den fliehenden oder auch fliegenden Holländer durch ihre Liebe erlösen könnte.

Auf der Bremer Bühne haben Regisseur und Dirigent das abenteuerliche Meisterstück mit Windstärle 12 wieder aufleben lassen. Allerdings – (so frech-froh wie im “Fluch der Caribik”, wo sich ein flapsig-fröhlicher Untoter à la Johnny Depp sowohl im Kampf gegen die höllischen Ungeheuer der Meere heldenhaft hervortut als auch bei den Menschen, die er klabautergewitzt an der Nase herumführt und ihnen dabei noch des Gouverneurs Töchterlein für ewig abspenstig macht, der es ohnehin im unerträglichen britischen Benimm-Terror-Millieu nach Abwechslung gelüstet )-  ist des Teufels Kapitän bei Wagner nun allemal nicht, obwohl sein Konterfei an der Wand – der Phantasie des Mädchens entsprungen –  recht respektabel, wenn auch ziemlich blass, daherkommt. Als der Geist in Gestalt eines fremden Freiers von Sentas Vater nach dem erfolgreichem Handel zwischen den beiden Kaptitänen – Piratengold gegen Tochter – dem Mädchen gegenübersieht, ist dieser mehr geschockt als das Mädchen, das ihn erwartet hat. Und er fühlt, das dies die Frau ist, die ihn erlösen könnte. Und Claudio Otelli, für Loren Lang an diesem Abend eringesprungen, beklagt, von der Seitenbühne, sein Los und Elend mit so großer Leidenschaft, dass es Sentas Mitgefühl zu einem wahnwitzigen Liebesgeständnis steigert. Patricia Andress versetzt ihre Senta in einen Zustand völliger Wahrnehmungsverblendung, in eine jungmädchenhafte, weltfremde Verzücktheit, himmelhochjauchzend in der Gewissheit, die Schicksalsfesseln dieses Mannes mit ihrer Liebe zu lösen. Was zunächst noch wie ein Spiel mit einer gruseligen Fiktion aussah, verdichtet sich in ihrer tiefsten Überzeugung zur Wirklichkeit.

Verdammnis und Erlösung, vom Schicksal getrieben (Holländer) und geleitet  (Senta), zwei Menschen, die im Orkan ihrer Gefühle und Sehnsüchte aufeinander zusteuern, ausweglos, endgültig, wahnsinnsgetrieben und zu Tode erschrocken über die emotionale Heftigkeit ihrer beider Verlangen;   nach Erlösung der Mann, in ferngesteuerter Opferbereitschaft das Mädchen. Zwei sich ergänzende Idealbilder. Dass hier die Gefühle ständig über die Ufer des Vorstellbaren fluten, sich in einem seelischen Inferno austoben und bis zur Erfüllung der schicksalhaften Verbindung zwischen Reinheit und Verdammnis wüten  – wie einst bei Theodor Storm das Meer den Schimmelreiter Hauke Hayen, seinen Deich und sein ganzes Dorf vernichtete -, verlangt von Orchester und Sängern übereinstimmend stürmische Ganzheit. Die symphonisch auskomponierte und mit sämtlichen Momenten des Bühnenspiels koordinierte  instrumentale Expressivität, die Wagner in seinen Werken durchsetzt, hat hier ihren Anfang, ist der Auftakt zu einer genialen kompositorischen neuen Orientierung. Sowohl das Rezitativ des Holländers als auch seine pantomische Hilflosigkeit bei der ersten Begegnung mit Senta, sprechen eine ebenso moderne wie seelenvolle Sprache.

Das skelettbauchige Bühnenbild und der in diffuses Licht getauchte Auftritt der Geister, der der Fischerchöre und ihrer Frauen, von Daland, dem kräftig-standfesten Kapitän der Lebenden und dem durchdringenden, das Tosen der Mächte überwindenden Holländers, die gegen die Eigendynamik der aufgewühlten Elemente anstürmen, fesseln durch die kongruente Spannungsübertragung zwischen  Musik und Bühnengeschehen. Die Naturgewalt gibt den Ton an: sie inspirierte den Komponisten zu  wogenden, auf- und abschwellenden Tonskalen der Streicher, beschwörte das Orchester zu orkanartigen Tutti, trieb die dunklen Instrumente zu Kaskaden heulender Sturmangriffe und schwelgte in gewalttätiger Wellenwut, aber auch in zärtlichen crescendi menschlicher Tiefen der Trauer und Sehnsucht, des Mitleids und der Seligkeit – bis die gegenseitige Opfergabe der Irrfahrt des Holländers und dem Liebeswahn Sentas – wie ein erlösender Donnerschlag – aller Pein ein Ende setzt.

Die ausgestopften unförmigen Puppenkostüme der Untoten verurteilen die Geister-Mannschaft zur fast tolpatschigen Bewegungsunfähigkeit; sie schrecken zwar noch die Männer Dalands, bleiben aber, wie auf irren Videos angedeutet wird, nur noch um sich selbst windende bedeutungslose Larven.  Bemitleidenswert ist ebenso die Figur des zur Unmenschlichkeit verurteilten Geister-Kapitäns, zwar an Größe alle überragend, doch letztlich hilflos in sein ewiges Korsett der Untätigkeit gezwängt. Vor allem auch, weil an diesem Abend der stimmmächtige Corelli nur vom Bühnenrand aus im Off die Partie des Holländers singt, während Regisseur Baumgarten der Hauptfigur lediglich ein stumm- und bewegungsloses Dasein zu geben vermag, ohne ihm wirkliche Präsenz zu verleihen.

Mit gewohnter Dynamik und Vitalität dagegen dröhnt und poltert Patrick Zielke als geschäftstüchtiger Kapitän Daland über die Planken des Geisterschiffes, wo er dem bleichen Fremden die gold- und geldgefüllten Truhen nur gar zu gerne abhandelt, und der Preis, nichts Geringeres als sein geliebtes Kind, stürzt ihn keineswegs in moralische Bedenken. Denn ein solch sturmerprobter Fahrensmann, wie der fremde Kapitän, kann nur eine gute Partie sein  – für beide – Vater und Tochter. Daland vollzieht unbeschwert und gleichermaßen unsensibel die Rolle, die ihm als Schicksalsvollzieher auferlegt ist, ohne auch nur annähernd die unheilvolle, gefährliche Aura des fremden Freiers und die überraschende Reaktion seiner Tochter zu hinterfragen. Totale Tragik also, vorbestimmtes Schicksal. Und auch der vergeblich auf Senta hoffende Jäger Erik wird verschmäht und verletzt zurück bleiben, nachdem sich sein düsterer Traum bewahrheitet hat: Die erhoffte Braut wird ihn für ein Phantom verlassen und für ewig verloren sein. Das wettererpobte Publikum feierte die Aufführung mit angemessener Windstärke. A.C.

 

 

 

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