L` Ètoile oder “Das Horoskop des Königs”, HB

Komische Oper in drei Akten
von Emmanuel Chabrier (1841-1894)
Text von Eugène Leterrier und Albert Vanloo

Theater am Goetheplazt, Bremen, 2019

Bremer Philharmoniker: Musikalische Leitung Yoel Gamzou
Opernchor des Theaters, Regie Tom Ryser, Dramaturgie Brigitte Heusinger, Ausstattung Stefan Rieckhoff, Chor Alice Meregaglia, Licht Christian Kemmetmüller,
Mit: König Ouf I. Luis: Olivares Sandoval ,Lazuli, Hausierer: Ulrike May, Aloès: Iryna Dziashko, Laoula, Prinzessin: Nerita Pokvytyte; Siroco, Hofastrologe: Christoph Heinrich;Tapioca: Joel Scot; Fürst Hérisson de Porc-Epic: Christian-Andreas Engelhardt; Erzähler: Martin Baum; Patacha, Bürger: Yosuke Kodama; Zalzal, Bürger:Wolfgang von Borries; Hofdamen: KaEun Kim, Lusine Ghazaryan, Maria Martin Gonzalez, Astrid Kunert, Mariam Murgulia, Cordula Fritz-Karsten.,

Tödliches Geschenk für die Untertanen

Zu Lebzeiten war er kaum bekannt, minder geliebt oder verstanden. Die Pariser Gesellschaft ordnete sein Oevre Richard Wagner zu, obwohl der ja kaum Charme und Frivolität versprüht. Wobei auch Chabrier durchaus nicht so lustig ist, wie er zu sein scheint, steckt doch hinter seinen operettenhaften Burlesken durchaus eine düstere Warnung: Seht, was die Herscher und Fürsten mit ihrem Volk machen, wenn es nicht acht gibt und ihnen nur buckelnd blinden Untertanengeist bezeugt – dann werdet Ihr, wie bei diesem scheinbar so harmlosen König Ouf gewaltig irren und weiterhin in totalitäter Abhängigkeit sein, und ihm zujubeln, wenn er alljährlich zu seinem Geburtstag einen von Euch foltert und tötet! Und das noch als Event für seine Untertanen versteht!

Doch diesmal ist es anders. Und davon singt und spielt diese Komödie, die sich zur Zeit in Bremen großer Beliebtheit erfreut. Tatsächlich ist es die quirrlige, subtile, in vielen Facetten leuchtende Musik, die sich zuweilen wohl auch mit eleganten Einschüben an Jaques Offenbach anlehnt, doch vielmehr auch mit eigenem kompositorischen Witz von dem jungen Maestro und den Philharmonikern emporgetrieben wird. Höchste Aufmerksamkeit ist dabei dabei von den Sängern gefordert, denn sie müssen schnell reagieren und agieren, Texte spielerisch rasch und gewitzt einstreuen, Tändeleien, Versteck- und intrigantes Spiel mit fröhlicher Leichtigkeit celebrieren. Sicher mag es den Darstellern zu Orignalzeiten, nämlich um 1877, ein noch tiefer gehendes, hämisches Vergnügen bereitet haben, die Arroganz der Potentaten und Abartigkeiten der Aristorkaten vor aller Augen und Ohren scheinbar so unschuldsvoll und harmlos zu karikieren.

Um des Königs perverser Folterlust endlich ein Ende zu setzen, hat sein Hofastrologe Siroco glücklicherweise eine Vision gesehen oder sich ausgedacht. Das bleibt fraglich. Jedenfalls sagen “seine” Sterne, siehe Titel, dass der König in diesem Jahr einen Tag nach dem Tode des ausgesuchten Delinquenten selbst das Zeitliche segnen werde. Das Gejammer des debilen Herrschers ist natürlich groß, doch durchtrieben nach Despotenart, hat er sich rasch eine böse Finte ausgedacht und seinen Astrologen im Falle seines Ablebens in seinem Testament bedacht: dessen Freude aber währet nur Sekunden, soll er doch seinem Herrn ins Grab folgen. Nun ist die Not doppelt groß. Denn der auserwählte Kandidat, ein harmloser Hausierer und einstiger Artist, der, fremd im Lande und mit den Gepflogenheiten der Heuchelei nicht vertraut,  schleudert dem König, äußerst handgreiflich, entgegen, was er von ihm und seiner Regierung hält. Doch statt der Todesstrafe erwartet ihn nun eine beinahe ebenso unerträgliche Umsorgung, die sein langes Leben am Hofe garantieren soll. Gefangen also auf unbestimmte Zeit.

Nun gibt es in der Geschichte noch den Gesandten eines anderen, kriegslüsternen Staates, der das Reich König Oufs mit HIlfe der Prinzessin Laoula und ihrer Zofe Aloès inkognito aussspionieren soll. Zudem will er Ouf die Prinzessin als Braut anbieten. Nun hat sich diese allerdings schon in den hübschen Hausierer verguckt, der sie so wunderbar anzusingen versteht. Für Ulrike Meyer als Hausierer Lazuli, Nerita Pokvytyte als Prinzessin Laoula und die quirlige Iryna Dziashko als Zofe gibt es komödiantisch hinreißend ausgespielte Partien, glockenrein und jubilierend, mit Zwischentönen aller Art, bewältigen sie, was Komponisten ihren Sängerinnen zuzumuten pflegen, mit Grandezza. Es gibt Verwicklungen pur, köstliche Verwechslungen, irgendwo auch den Kampf ums Überleben für den armen Hausierer, die Bläser blasen dunkeltönig, die Geigen schmelzen liebessschmachtend dahin, die musikalische Dramatik wirbelt erfahrungsgewitzt alle Gefühle und verzwickte Situationen gründlich durcheinander.

Den Begleiter ihres vom Vater entsandten Gesandten mit dem lächerlichen Namen  “Fürst Hèrisson de Porc-Epic” parodiert Christian Andreas Engelhardt als höfischer Beamter wichtigtuerisch und aufgeplustert. Wie immer kann Christoph Heinrich als Sterndeuter alle Register seiner Stimm- und Spielkunst celebrieren, wobei er nicht nur angstvoll schlotternd sein schreckliches Schicksal verarbeiten muss –  nämlich dem König auf Gedeih und Verderb nun sein Leben lang verbunden – und, im   alkoholmächtigen Abgesang ihrer beider Leben in die tiefste Verzweiflung flüchtet, doch stets wieder aus dem Delirium dieses Wahnsinns auftaucht und den Spaß an der großen Show in den Vordergrund stellt. Als Erzähler führt Martin Baum durch diese Farce, die mit Luis Olivares Sandoval nicht nur einen absonderlichen, sondern auch eigentlich recht gutartigen, ja sogar liebenswerten Herrscher vorstellt, wäre da nicht die kleine, unangenehme Eigenart, in jedem Jahr zu seinem Geburstag…

Dann gibt es noch reizende Hofdamen, die den vom Sternengefunkel am Bühnenhimmel geretteten Lazuli heftigst umgarnen sowie den flexiblen, schönstimmigen Chor, dessen Gesichter am Anfang wie geisterhafte weiße Fratzen aus dem Dunkel des Hintergrundes herausscheinen und ganz devot des Volkes Stimme ertönen lassen, das Freude zeigen muß, wenn es trauern möchte, trauern muß, wenn es jubeln möchte.

Ein zufriedes Publikum und strahlende Gesichter auf der Bühne, mit dankbaren Applaus bedacht. A.C.

 

 

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


zwei + = 5