Unterleuten, B/Potsdam

von Juli Zeh, eine Produktion des Hans Otto Theaters, Potsdam
Gastspiel im Berliner Schillertheater/Komödie am Kurfürstendamm, 2019
Bearbeitung: Ute Scharfenberg, Regie: Tobias Wellemeyer, Bühne: Alexander Wolf, Kostüm: Ines Burisch, Musik/Sounddesign: Mare Eisenschink
mit: Dirk Schoedon, Christoph Hohmann, Juliane Götz, Katrin Hauptmann, Johannes Heinrichs, Rita Feldmeier, Sabine Scholze, Marianna Linden, Roland Kuchenbuch, Esther Agricola, Matthias Zahlbaum, Josip Culjak, Julian Mehne, Jan Kersjes, Arne Lenk, Elisabeth Bellé, Charlotte Hübner, Maria Gohl, Matilda Lindbergh

Ein Windpark und seine Folgen

Die Potsdamer Inszenierung des “Unterleuten” von Juli Zeh ist in einer zunächst nicht leicht zu entwirrenden, zunehmend aber durchschaubaren und beeindruckenden Inszenierung zu erleben. Die Zeit der durch die Vereinigung beider Deutschland vor allem für die ostdeutschen Bürger bedingten Neuorientierung und Umstrukturierung langjähriger Gewohnheiten ist das Thema der  Autorin, die für ihre politisch- und gesellschaftskritischen Romane und Novellen vielfach ausgezeichnet wurde. In “Unterleuten” beschreibt sie eine Dorfgemeinschaft, die schon lange miteinander hadert, es aber mit verdeckter Wut und unterdrücktem Hass leidlich miteinander aushält. Die Wunden sind durch politische, wirtschaftliche und mancherlei private Veränderungen geschlagen und brechen erneut auf als Investoren aus Bayern die Absicht verkünden, in der Gemeinde einen Windpark errichten zu wollen. Da geraten vielerei Interessen aneinander, treten schwelende Konflikte zutage, werden offene Rechnungen eingeklagt.

Es geht um Macht, Prestige, Rache und um Geld, um sehr viel Geld. Denn der Windpark bedeutet  für den Verkäufer der benötigten Grundfläche eine lebenslange gute Einkommenssicherung, für die Gemeinde die Möglichkeit sozialer und infrastruktureller Investitionen, andrerseits die Zerstörung der freien Landschaft, der ländlichen Erholungsidylle, die Neubürger und Touristen anzieht.

Es wird geschachert, intrigiert, gewonnen und verloren. Eine aparte Reiterin und Pferdetrainerin besitzt das nötige Grundstück für die Zusammenlegung des erforderlichen Ländereien und Katrin Hauptmann versteht es, mit ebenso viel Geschäftssinn wie erotischem Charme die anfälligen Anbieter gegen einander auszuspielen, wobei es ihr vornehmlich um die Baugenehmigung ihrer Reithalle im Naturschutzgebiet geht.

In ihrem Visier steht sowohl der Bürgermeister, ein integrer Mann, der vor allem die Entwicklung   Gemeinde sieht, aber auch der ehemalige LPG-Chef, der nun auch der modernen landwirtschaftlichen Genosssenschaft Ökologica vorsteht, könnte der Pferdefrau genau so nützlich sein sowie die auswärtigen Investoren, sich sich mit erheblichen Summen am Wettbewerb um das Land für ihre Windräder einsetzen. Der Kapitalismus ist endgültig angekommen.

Pfahl im Fleische der Dörfler ist jedoch ein alter Kommunist, verbiestert, hasserfüllt gegen alle und jeden, vor allem gegen den neuen Ökologia-Chef. Dieser “Feind aller” ist ein ehemaliger LPG-Brigadier, der dem Fluss der neuen Zeit nicht folgen kann und will. Christoph Homann wütet und schreit, zuweilen in beinahe unerträglicher Art, so dass man ihm den sorgenden Vater nur schwer abzunehmen bereit ist; welch Wunder, dass seine Tochter als hartgesottene Ärztin viel von seinem Blut hat und nur ganz allmählich ihre Feindseligkeit gegen den Mann, der sie liebt, aufgeben kann. Gleichermaßen außer Kontrolle ist der intellektuelle Vogelkundler, der Frau und Kind und natürlich alle Vogelarten der Welt hier vor Ort heimisch machen und schützen und vor Neuerungen bewahren will, die ihr und sein idyllisches Forschungs-Revier stören würde. Hinter dem beträchtlichen Gezerre um den zwar umweltzerstörenden, aber gewinnbringenden Windpark flackert dann noch eine altes Feuer aus der Vergangenheit, die es endlich zu löschen gilt: ein tödliches Verbrechen an einem Mann aus dem Dorfe – wer und warum, das bleibt allerdings im tiefen Dunkel.

Da es 19 Darsteller gibt für beinahe 30 Rollen, herrscht schon einmal Verwirrung, zumal sich die Handlung nur bruchstückhaft entfaltet und die gegenseitigen Animositäten und persönlichen Schicksale sich nicht so leicht durchschauen lassen. Die Darsteller, ungewohnt wohl ob der Größe der neuen Spielstätte, versuchen, sich mit enormer Stimmkraft durchzusetzen, was der Grobschlächtigkeit der Dorfbewohner wohl angemessen scheint, der Feinheit der charakterlichen Auslotung der Protagonsten allerdings eher hinderlich ist. Zwar können sich auf der Negativseite der hypernervöse, zur Gewalt neigende Naturschützer (Julian Mehne als Prof. Fließ) und auch der brüllende Kapitalistenhasser und scheinbare Verlierer der “Wende” (Christoph Hohmann als Brigadier Kron) als unsympathische Zeitgenossen austoben, wie auf der anderen Seite der nachdenklich-souverän um Ruhe und Ordnung bemühte Bürgermeister Arne Seidel (Matthias Zahlbaum) und Dirk Schoendon als um Verständnis sich abrackernde Ökologica-Chef Rudolf Gombrowski versuchen, das Knäuel der Intrigen zu entwirren. Das dieser eine jahrelange lieblose Ehe durchgestanden hat, doch damit die andere, geliebte Frau (sehr berührt sahen wir Rita Feldmeier in dieser Rolle) in eine schreckliche Geistesverwirrung gestürzt hat, läßt seine Schwermut über die politischen Zwistigkeiten und dickköpfigen Unverstand der Dorfbewohner hinaus mit Sympathie begreifbar werden.

Doch alles in allem wüten hier die bösen Gerüchte unerbittlich, sodass nirgendwo auch nur der Anschein einer vernünftigen und toleranten gemeinschaftlichen Lösung erkennbar wäre. Vielleicht ist das Regisseur zu hart mit der an und für sich sehr amüsanten und tiefgründige Kritik enthaltenen Romanvorlage ins Gericht gegangen. Das Verbrechen von einst wird nämlich in seiner Ursächlichkeit nicht wirklich deutlich, wahrscheinlich handelt es sich um den debilen  Autoreifenverbrenner Luftverschmutzer, dessen Schicksal in dem Gerangel um den Windpark zu drastisch gelöst. Mit der dörflichen Idylle ist es jedenfalls vorbei, es sei denn, diese Monster-Windräder sind unsere neuen Umweltgötter. A.C.

 

 

 

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