Mephisto, B

nach dem Roman von Klaus Mann in einer Fassung von Till und Chris Weinheimer
am Berliner Ensemble, 2021
Produktion Kooperation miz der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch

Regie:Till Weinheimer, Bühne und Kostüme Sibylle Gädeke, Musik Chris Weinheimer, Dramaturgie Karolin Trachte, Licht Steffen Heinke;
mit Dominik Hartz als Hendrik Höfken; Lennart Preining als Otto Ulrichs, Hans Miklas, Conferencier, Hermann Göring; Jakob Schmidt als Theophil Marder; Wassilissa List als Lotte Lindenthal, Johanna Asch als Juilette und Barbara Bruckner

 Vergifteter Kranz für den eigenen Glanz…

“Männe ist durch und durch liberal und gar nicht nachträgerisch”, original Klaus Mann und grauslich im Mund des blauäugigen Blondchens Lotte Lindenthal, Görings Flamme und Höfgens Protegé. Die junge Wasilissa List bietet diese in ihrer Schlichtheit beinahe umheimliche deutsche Kindfrau ebenso überzeugend dar, wie der zur Kleinheit in der luftaufgeblasenen Größe geschrumpfte Gatte und Vasall Hitlers seine lauernde Mordlust kaum verbergen kann – die Lennart Preining leise und hinterhältig entlarvt. Alles an diesem napoleonischen General, der unter weitwallendem Mantel neben seiner großen Braut daherschreitet, ist so unheilschwanger, wie alles an Lotte unfassbar kindlich-naiv; fast unhörbar schwillt in Görings leiser Drohung bereits das Todesurteil für Höfgens einstigen Förderer und politischen Gefährten Otto Ulrichs. Das sind Momente, die unter die Haut gehen.

Ansonsten ist diese Bearbeitung des grandiosen, in seiner Doppeldeutigkeit erschreckend durchsichtig gemalten und und geradezu filmisch transparent formulierten Romans über die Wendefähigkeit eines großen Schauspielers zur Nazizeit, der es auch im Nachherein zu großer Bedeutung und unangefochtenen Ehren brachte, eher oberflächlich. Die Szenenreihung ist gut arrangiert, die wesentlichen Aussagen des mephistophelischen Credos, das, was der Reichsmarschall süffisant kommentiert, doch auch einen Teil der deutschen Seele umreißt, sind in dem schnell durchgespulten dramaturgischen Potpurri gut erfaßt, und wer den Roman kennt, kann sich auch schnell orientieren.

Schon sind die Rollen des Theatermannes Otto Ulrichs, des Kommunisten Miklas, des wahnsinnigen, gleichsam prophetischen Dichters Theophil Marder wie an einer Schnur bei Lennat Preinig an einer Person aufgereiht, purzeln aber dennoch etwas verwirrend durcheinander.-  Dominik Hartz ist ein eleganter, sprachlich exakter und, in der Beweglichkeit sich dem tänzerischen Höfgen annähernd, auch eine adäquate Besetzung. Aber die bereits abgefeimte Egomanie, der perfekt zu eigenem Vorteil eingesetzte Charme blitzen nur andeutungsweise durch diese Figur. (Zu extrem auch wäre das Vorbild von R.M.Brandauer in dem gleichnamigen Film)- Wie bei allen diesen jungen Hoffnungsträgern auf den Berliner Bühnen, merkt man deutlich, dass diese Schauspieler bereits auf dem Weg zu ihrer schauspielerischen Identität sind; wer gehört in die komische, wer in die tragische Kategorie, wer wird den Liebhaber mimen, wer die nachdenkliche Heroin, wer die sentimentale Liebhaberin.

Die tragenden Aussagen blitzen hin und wieder erschütternd in Sätzen durch wie “Theater wird die Leute immer interessieren – egal, was in Deutschland geschieht…”  – und da sind bereits die schwarzen Todeskommandos der Nazis unterwegs, alle Mißliebigen und Unvorsichtigen aufzulesen. Dieser Hendrik Höfgen, der sich für Kunst und Ruhm gekrümmt und verbogen hat und bei den Mördern um  Ehre und Macht buhlt, steht – wie Klaus Mann gegen die Anfeindungen seiner Zeit, er habe Gustaf Gründgens posthum geschädigt und verleumdet, erklärte –  nicht für die Charakterschwäche eines bestimmten Menschen, sondern als pars pro toto für Jene in allen Zeiten, die vielleicht um der Kunst willen, aber im Urteil der Nachwelt nur dem eigenen Glanz einen Kranz flechten wollen.

Das Schwergewicht der Inszenierung scheint sicher darauf ausgerichtet, die Grausamkeit, die  , teuflischen Mechanismen der nationalsozialistischen Herrschaft mit der plastischen Rhetorik der Literatur in bitterer Schärfe und mahnender Konsequenz zu zeichnen. Weniger scharf bleiben die Profile der Protagonisten, auch die Frauen, die Höfgen hier auf der zweckmäßig knapp eingerichteten Bühne umschwirren, erhalten nicht den Raum zur Entfaltung eigenen Leids, eigener Ziele und eigener Tragik.

A.C.

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