Friedman im Gespräch, B

Veranstaltungsreihe im Berliner Ensemble im September, Oktober, November 2021
mit Gästen aus Politik, Kunst und Wissenschaft mit Michael Friedman, Publizist und Philosoph.
Mitschnitte der bisherigen Gespräche unter:  www.berliner-ensemble.de/friedmann

Mehr Fortschritt wagen?!

Mit einem Feuerwerk an Gedanken zum Thema „Fortschritt“ stellten sich im Berliner Ensemble drei Koryphäen der Berliner Geisteswissenschaft einem großen Publikum vor. Die Historikerin Hedwig Richter und der Soziologe Andreas Reckwitz durchleuchteten unter der ebenso eleoquenten wie stringenten Gesprächsführung des Philosophen und Publizisten Michael Friedman verschiedene Lebensbereiche unserer Gesellschaft und zogen aus dem Fundus ihres akademischen Wissens soziale, soziologische, geschichtliche wie ethische Rückschlüsse, indem sie von einem zunächst  abstrakten allgemeinen Begriff zu einer engeren, konkrete Bereiche umfassenden Analyse gelangten.

 Und was bedeutet Fortschritt, wird es besser, wird es schlechter? In jedem Falle: anders. Darin war man sich sehr schnell einig, und um das Fazit von einer 90 minütigen Vorführung zu ziehen, die sowohl historisch als auch gesellschaftlich einen weitaus größeren Radius  als nur den europäischen Raum umfasste: Fortschritt sollte daher nur in der Mehrzahl benutzt werden, also Fortschritte, und diese gingen stets sowohl mit Einbußen als auch Gewinnen einher, wie dem Verlust von Altem, Gewohnten – für die einen ein bitteres Los  – für die anderen ein Gewinn an Freiheit, Selbständigkeit, Anerkennung und Rechtssicherheit. Historisch gedacht waren es Revolutionen und/oder gewerkschaftlich erkämpfte Rechte und die Verbesserung der Lebensverhältnisse von Arbeitern und Bauern, also den Menschen der niedrigeren Stände, die somit auch gesellschaftlich eine Aufwertung und Gleichstellung erlangten. Stets folgte eine Umkehr von Machtverhältnissen nach sozio-politischen Paradigmenwechseln. Auch objektiv fassbare und für alle Menschen gleichermaßen geltende Verbesserungen brachten Fortschritte in den Bereichen von Medizin, Bildung und Technik mit sich. (Für die Gleichberechtigung von Frauen und Minderheiten in von männlichen Machtansprüchen dominierten Kulturen bedarf es sehr wohl eines positiven Glaubens an den Fortschritt. Anm.d.Verf.). 
In der emotionalen, individuellen Analyse waren die Konsequenzen je nach Zustand und Zuständigkeiten unterschiedlich. Fortschrittsglaube gehe, so die einstimmige Meinung der Gesprächspartner, mit positivem Wunschdenken einher, oder einer absoluten Verneinung mit der Vorstellung einer Apokalypse. Beides sei gefährlich: populistische Auswüchse können die Stabilität der Demokratie ins Wanken bringen; Skeptiker nach beiden Seiten seien den Gewissheitsfanatikern vorzuziehen. Nach Antworten suchen, sei die eigentliche Antwort, fragen, weil nichts gewiss ist, auch und gerade gelte dies auch in der Wissenschaft, weil sich Erkenntnisse wie auch Verhältnismäßigkeiten ständig ändern, erneuern und erweitern. Zukunft bedeute ein Fortschreiben und Fortschreiten des gegenwärtigen Zustandes auf neuen, anderen Wegen, die eben auch eine neue Orientierung verlangen. Unsere Aufgabe sei es jetzt, das Maß zu finden, nach dem wir uns richten und die Vorgaben, die wir haben, wie beispielsweise die Digitalisierung, für unsere Zukunft zum Positiven zu nutzen.

Verschiedene Denkansätze, die von Friedman als Anker ins Gespräch gebracht und von allen Dreien grundlegend betrachtet und weitergeführt wurden: dass etwa der Glaube an Fortschritt(e) zugleich impliziere, dass es weiter aufwärts gehe? Verlief auch die Geschichte der Menschheit immer vertikal, so müsse das nicht zwangsläufig weiterhin so sein. Sei das Gegenteil von Fortschritt, frage Friedmann – Rückschritt? Damit wollte sich keiner einverstanden erklären, schloss den Gedanken aber nicht aus im Hinblick auf eine neue Bewertung sich verändernder Lebensverhältnisse.

Das Beispiel war hoch aktuell: Der Fortschritt, nämlich die Impfstoffe gegen Covid 19, ist zwar ein Gewinn in der Bekämpfung der Pandemie – aber nur partiell und nur begrenzt, wie sich jetzt wieder zeigt. Die Rechte des Einzelnen stehen gegen das Wohl der Mehrheit, die Sondierung und Verhältnismäßigkeit von Individualität und Gemeinschaft werden zum Beispiel als eine schwierige Aufgabe in die Zukunft übergehen.  

In Krisenzeiten bedürfe es des Glaubens an eine Lösung – hier spielte zeitweilig auch der Gedanke an die Mitwirkung der Religionen eine Rolle!  Aber nur peripher.

Angelika Cromme

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