Falstaff, HB

Lyrische Komödie in drei Akten von Guiseppe Verdi, Dichtung von Arrigo Boito nach William Shakespeare:
The Merry Wives of Windsor und Auszügen aus King Henry IV; 1893 Uraufführung in Mailand
Theater am Goetheplatz, Bremen, 2022
Musikalische Leitung der Bremer Philharmoniker: Marko Letonja; Regie: Paul-Georg Dittrich; Dramaturgie: Caroline Scheidegger;Bühne: Pia Dederichs, Lena Schmid; Kostüme: Andy Besuch; Chor: Alice Merefaglia, Video: Kai Vido Meyer; Chor des Theaters am Goetheplatz.

... der werfe den ersten Stein!

Viele Künstler möchten eine alte Idee in eine neue Form gießen.Das ist richtig und gut und zeitgemäß. Aber Shakespeare, der kluge Dichter und Menschenkenner, hatte seinen Fallstaff inmitten der Lustigen Weiber von Windsor schon richtig konzipiert: und Guiseppe Verdi, ohnehin kein sehr humorvoller Menschenfreund, sondern eher realistischer Kritiker seiner Zeitgenossen, wußte sehr wohl, wie mit verkommenden Weiberhelden aus  heruntergewirtschaftetem, genußsüchtigen, moralfernen Adelsgeschlechtern umzugehen sei. Die schlimmste Abrechnung hat er wohl mit dem widerlichen Monster des Herzogs von Mantua und dessen ehrgeizigen, körperlich und seelisch verkümmerten Hofnarren Rigoletto, Vater des geopferten Mädchens Gilda, mit den ergreifensten Arien vor Augen geführt.

Aber dieser Sir Falstaff ist nicht weniger jämmerlich als jene Antihelden der schönsten musikalischen Schöpfungen des großen Italieners. In der Bremer Aufführung kommt er daher, stimmgewaltig mit Johannes Schwärsky als glänzender, ausdrucksstarker und wandlungsfähiger Darsteller dieser Un-Person, die so erbarmungslos ins Lächerliche,Grotekse und ins Absurde von den Klatschweibern und ihren tollpatschigen, rachelüsternden und eifersüchtigen Mannern in die Lächerlichkeit getrieben wird.  Die Damen sind hier superböse in grellste Geschmacklosigkeit eingerüscht, und die Herren halten sich bemüht steif in absurden Richterroben, schlimmstenfalls im Manageranzug wie auch die edleren Damen sich ins enge Graukostüm haben kleiden lassen, um auf hohen Absätzen über die Bühne zu stöckeln. Erstaunlich, dass die ebenso in glitzernden wie in abgrundtief bösartigen Tönen schwelgenden Damen Nannetta von Marysol Schalit, Mrs. Alice Ford von Meike Hartmann, Mrs. Quickly von Marianna Pentcheva und Mrs. Page von Mathalie Mittelbach ohne Schwächen so hinreißend beweglich bleiben. Denn die lange, körperlich wie musikalisch höchst fordernde Aufführung verlangt, auf verschiedenen Ebenen zu balancieren: die Bühne ist aufgeteilt zwischen einem kleinen Amphitheater, einer schmalen Vorfläche und einem Laufsteg, der in die ersten fünf Reihen des Zuschauerraumes mit seitlichen Brettern hineinführt, wo auf schmalem symbolischen wie realen Grad der Frauenjäger Fallstaff agiert, umgeben von zwei Videofilmern und einem jungen Mädchen, das eine Legoburg aufbaut, an der so recht nichts passen will – so ist es denn auch mit Fallstaffs “Schloß”, das nun seinem üppigen Lebensstil geopert werden muß. Seine beiden Vasallen, Bettler der vornehmen Sorte Manager, sollen nach Art der Comedia Lyrica eigentlich komisch sein, wirken aber eher großspurig, tolpatschig und so hilflos wie ihr Herr und Meister, dem bekanntlich ja gehörig die Leviten gelesen werden sollen. Aber stimmlich agieren sie prächtig.
Die Damen reagieren auf Falstaffs plumpe Annäherung mit bösen Streichen und führen ihn gleich mehrere Male aufs galante Glatteis, wobei er letztendlich im Wäschekorb landet und mit der Wäsche, die wohl hier für alle gleichermaßen schmutzig ist und gereinigt werden muß, in den trübe Themse geschüttet wird.

Das ist alles kein wirklicher Spaß, sondern ein gezerrtes Spiegelbild einer Gesellschaft, die einen blaublütgen Schand- Fleck in ihren Reihen tilgen möchte, zumal schon zu vielen Ehemännern Hörner aufgesetzt wurden und weiterhin drohen, aufgesetzt zu werden. Denn die listigen Damen liebbäugeln doch gar zu gern mit dem Status einer Schloßherrin, auch wenn es nur vorrübergehend sein würde…
Kostümbildner und Regisseur haben ihnen daher auch gar üppige Kleider und Frisuren, Tand und Pailetten und künstliche Pelze verpaßt, ihrer Eitelkeit frönend und sie zugleich karikierend, mit Krönchen auf dem toupierten Lockenhaupt und sehr viel Farbe allerwärts. Wie Erynnien malen sie sich in schäumendem Übermut und hämischer Vorfreude den herben Schabernack aus, umtanzen das goldene Kalb hinter dem Paravent mit graziösem 6/8 Takt gegen das polternde Staccato des aufgebrachten Männerquintetts.
Nach einem furiosen Auftakt spult sich der herbe Rachefeldzug gegen den noch an den Pranger zu stellenden Sir Falstaff mit Schnelligkeit und Schwung und derbem Charme ab, geführt und gefolgt von einem blitzwachen Orchester, das Verdis Musik so treu bleibt, wie es Ohren und Sinne lieben – im flüssigen Parlando, ausgeglichener Harmonik, schillernden Arien,, blühenden, lyrischen Kantilenen, mitreißenden Duetten und polyphonen Gesangsgebilden des Ensembles mit einer grnadiosen Schlußfuge – rundum ein großer Genuß, zuweilen vom fröhlich verdrehten Spektakel auf den verschiedenen Spielflächen irritiert, teilweise aber auch verwirrt von der auf eine medallionförmige Leinwand über der Bühne übertragenen großformatigen Präsenz der Sänger und Sängerinnen. Das verlangte sicherlich auch von den Darstellern eine doppelte Konzentration auf die musikalische Übereinstimmung mit der szenischen Interaktion. Doch insgesamt ein schmuckvolles Band, das sich hier um eine Gesellschaft windet, die sich erhaben über einen gescheiterten Menschen wähnt und doch selbst so voller Widersprüche und Doppelmoral ist. Dass der bloßgestellte Ritter von der mächtigen Gestalt nicht gar so traurig am Rande stehen bleibt, dafür sorgen köstliche textliche Bonmots (und instrumentale Spiegelungen), die ihm letztlich doch noch jene Würde verleihen, wenn Einsicht in Maßen und Überlebenskunst im Kampf gegen die eigenen Schwächen überwiegen. A.C.

 

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