Rusalka, OL

in tschechischer Sprache – von Antonin Dvorák
Lyrisches Märchen in drei Akten, Uraufführung 31,März 1901 in Prag
Libretto von Jaroslav Kvapil nach “Undine” von Friedrich de la Motte Fouqué, “Die kleine Seejungfrau” von H.C.Anderesen und “Die versunkene Glocke” von G. Hauptmann
Wiederaufnahme am Oldenburgischen Staatstheater, 2022
Musikalische Leitung Vito Cristofaro; Inszenierung, Bühne und Kostüme: Hinrich Horstkotte, Szenische Leitung und Wiederaufnahme: Mathilda Kochan; Chor: Thomas Bönisch und Piotr Fidelus, Dramaturgie: Annabelle Köhler/ Saskia Kruse, Licht: Regina Kirsch; Statisterie, Opernchor und Staatsorchester des Oldenburgischen Staatstheaters.
Mit: Rusalka: Lada Kyssy, Prinz: Jason Kim; Wassermann: Philipp Alexander Mehr; Fremde Fürstin: Ann-Beth Solvang; Hexe: Melanie Lang, 1.Elfe: Martha Eason, 2.Elfe: Martyna Cymerman 3. Elfe: Bogna Bernagiewicz, Heger und Stimme eines Jägers: KS Paul Brady, Küchenjunge: Erica Back

Ein tumber Prinz und eine verlorene Braut

Vier Stunden, zwei Pausen und keine Note -Minute- zuviel! Ob es an der harmonischen Kongruenz von Sprache und Musik, von Orchester und Darstellung liegt, am lang entbehrten Operngenuss, der endlich, wenn auch nur im gezielt besetzten Theater die hervorragende Inszenierung kennzeichnet, läßt sich vermuten – aber, dass hier das Oldenburger Staatstheater einmal wieder punktgenau beweist, wo seine herausragenden Qualtiäten liegen, ist eindeutig. Hinzu kommt eine  romantische Dramatik, eine pointierte, in verschiedene Erzählebenen klar aufgeteilte, zwischen Mystik und realer Wahrnehmung wechselnde theatralisch charakteristische Melodik und Rhythmik. Ein spannungsreiches Spiel voller Effekte, ob im weißblendenden Mond, der sich in der wellenbewegten Welt der Nymphen und Geister spiegelt, ob im gleißenden Sonnenlicht der irdischen Paläste – alles wird durchdrungen von der einzigartigen, sich durch ihr trauriges Schicksal kämpfenden liebenden Nymphe Rusalka. Und was für eine Nixe läßt Lada Kyssy aus einem vorzeitlichen Schlaf erwachen, in ihrer unabdingbaren Liebe erblühen und dem unaussprechlichen Leid vergehen. Körper und Stimme gleiten durch Wasserwelt und Lebenswirklichkeit, verglühen in Sehnsucht und sich entziehender Angstlichkeit, fühlen in jeder Minute das unausweichliche Schicksal, das körperlich und musikalisch seine  Äquivalenz findet. Für Lada Kyssy ist diese Rolle quasi per Verwandlung auf den nixenhaft sich windenden Körper gschneidert, kaum, dass sie die falschen Füße schmerzhaft bewegen kann, zeigen doch ihre inneren Qualen im leidverkrampfen Gestus auf alles, was sie nicht mehr zu sagen vermag. Ein Hornochse von Prinz, der dies nicht sehen und fühlen kann. Dessen tiefere Liebe erst aufbricht als sich das fremde Wesen seiner längst entzogen hat und beide – Mensch und Nymphe – dem Untergang geweiht sind. Was aber vermag dieser liebeshungrige Mann mit der großen Stimmgewalt von Jason Kim, den wir hier sahen und hörten, alles bezwingen, als Jäger die Natur der Tiere, als Prínz seine Untertanen und eine buhlende Schöne, doch nicht die stumme Verzweiflung der faszinierenden und beängstigenden fremden Frau. So läßt er sich nur allzugern von der lebenssstrotzenden Fürstin einbinden, die ihm an versengender Leidenschaft bietet, was in Rusalka nur als zartes Liebespflänzchen ruht. Für Ann-Beth Solvang ein glänzender Part, in dem sie mit dramatischer Lust in vollen Tönen brilliert. Unheimlich und mühsam zu erobern ist dem Prinzen letztlich das dunkle Verlockende aus einer fernen fremden Welt,  nach der sich die Menchen allezeit sehnen.
Ein schönes, in vielen Facetten immer wieder neu komponiertes und poetisch erzähltes Märchen.Und die Gestalten, die ihr Wesen und Unwesen treiben, sind doch auch gar wundervoll: der dunkle gutmütige Wassermann  Ill Hoon Choung
überragt  alle anderen als karnevalesk geschminkter freundlicher und gütiger Vater aller Nympfen, die ihm entzückend um den Bart schlängeln. Die tolle, garstige, Unheil verkündende Hexe, die wirkliche fiese Dinge miteinander zum Verwandlungstrank mischt – bedrängt die ängstlich bebende Mehrjungfrau mit harten Drohungen ihrer Wahrsagung. Eine solche Figur, mit fulminanter Klangdramatik von Melanie Lang gespielt, braucht das Theater, um seine Wirkung jenseits aller bedrückenden Tagessrealität  in einer anderen Welt zu entfalten.
Neben den reizenden Nymphen und Nixen, den vielen hübsch kostümierten Mädchen der Unterwelt spielt der  Chor als üppig ausstaffiertes Ensemble der Palastgarde, wobei Paul Brady, wie gewohnt, stilsicher eine Humoreske aus seiner Rolle als Jäger schneidet, der die Küche mit frischem Wild (hier sind es riesige Fische) versorgt. Ihm assistiert mit hellem frischen Sopran 
Nian Wang als drolliger Küchenjunge.
Dass ein großes, ziemlich marodes Hausgebilde unter der Bühne verschwinden kann und, wieder aus der Versenkung erhoben,
oben drauf sich ein Dachgarten mit Blick auf die Türme der Stadt präsentieren kann, verdient große Anerkennung für die Bühnentechnik und die Lichtchoreografie, die das Heimlich-Unheimliche der Musik mit den Irrealen und Realen perfekt verbinden. Wie auch mystischen, allerletzten Bild, der großen schmerzlich-schönen Abschiedszene, in der Rusalka den Prinzen wohl erlösen kann, selbst aber als Fabelwesen zwischen den Welten weiterhin durch die Nebel unserer Phantasie geistern wird. A.C.

  

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