Die Blechtrommel, OL

Devid Streisow liest aus der Blechtrommel von Günter Grass (1959)
mit einer Schlagwerkperformance  von Stefan Weinzierl
Gastspiel im Staatstheater Oldenburg, Ostern 2022

Die Waffen von Oscar Matzerath

Jedes Ding hat seine eigene Musik, Töne, die sich zu einer Melodie fügen können, zu einer Phantasie- so wie der kleinwüchsige Oscar Matzerath den Todestanz eines Falter mit zwei 60 Watt-Birnen Glühbirnen verfolgt, in der gnadenlosen Sprachversessenheit eines Günter Grass.  Stefan Weinzierl weiß, wie sich das anhört und zaubert mit seinem Instrumentarium ein Potpourri von wirr variierendem Surren und Zischen. Ansonsten weiß man, das Oscar mit seinem dritten Lebensjahr an beschließt, nur noch mit dem Geburtstagsgeschenk seiner Mutter einer bunten Blechtrommel, ein weiteres Leben lang den Erwachsenen den Marsch trommeln wird und ihnen keine Ruhe gönnen wird.  Devid Striesow, Schauspieler von Format, in Film und auf der Bühne, ist mit Weinzierl zusammen auf Tournee gegangen und zaubert seinerseits aus der schaurigen Lebensgeschichte der ewigen Nervensäge Oscar von 1924 bis zum Ende des 2. Weltkriegs, die in Danzig spielt, eine bühnenreife Vorstellung. Striesow und Weinzierl benutzen die mit großen Preisen ausgezeichente erzählerische Kraft von Günter Grass‘ Jahrhundertroman für einen sprachlich wie musikalisch genüsslich ausgemalten psychologischen und historischen  Bilderbogen, voller Freude Witz, Lust und Schrecken.

Und, der böse Zwerg Oscar trommelt ja nicht nur, was Fäuste und Trommelfell hergeben, er schreit kindgerecht, wenn er seinen Willen durchsetzen will, so heftig, dass seine Töne Glas zersägen, zerschneiden, und der Befehl reist mit Schallgeschwingkeit durch die Luft, dass die Fenster, Brillen, Spiegel, Gläser aller Art bersten, bevor man noch einen Laut vernommen hat, nur noch das Klirren der Scherben bleibt, vom rasenden Trommelwirbel begleitet. Mit solchen Qualitäten beziehungsweise selbst zugefügten körperlichem Defizit versehen, reist Oscar, nur an Jahren alternd, durch die Geschichte und Geschichten der Nazizeit bis zumbitteren Ende und erzählt sien Leben rückschauend aus der Irrenantalt. Striesow lässt im ersten Teil seiner lesenden Darstellung die Welt der Kindheit in armen Verhältnissen lebendig werden, und wer Grass gelesen hat, weiß, dass der Autor nicht an dem fiesen Einfallsreichtum hartgesottener Straßenkinder vorbeischreibt, und dass Oscar als Schwächling zumeist das Opfer der anderen Knirpse ist. Dass in derartigen Quälereien sich bereits ein Regime ankündigt, dass an Härte und Grausamkeit mit eingehender Volksverblendung sich noch in vielen Kapiteln eingehender Oscar’scher Betrachtung und trommelnder wie zersägender Begleitung erfreut, ist der dichterische Gundgedanke. Und dass in solchen Passagen die Percussion sich mit Blech und Holz, mit einem ausgefeilten Instrumentarium auch psychologisch, sinngemäß und tongerecht untermalend und gestaltend einblendet, ist ebenfalls klar. Und dass dabei so variationsreiche  Klangformen dabei herausspringen, hätte Oscar vielleicht veranlasst, doch außerhalb seiner Trommelei noch ein anderes Instrument zu benutzen.

Und als Striesow sich mit dem geschundenen und entwürdigten Oscar nach dem erzwungener Verzehr einer Hexensuppe gedemütigt auf den hohen Stockturm verzieht und auf Rache sinnt, sieht man seinen Blick aufleuchten, sein Ziel im Visier: Liebe und Lust zum Theater allerdings erschöpfen sich in der vorläufigen Zerstörung der Fenster und Flurtüren. aber immerhin.  Oscar hat die Schmach mit diesem Coup überwunden, und die Trommel wirbelt dazu. Und da das wach beobachtende, frühreife Kind in wütendem Wort und bösem Witz immer mehr die Welt der Erwachsenen durchschaut und mit seinen Mitteln geißelt, behält dieser Roman als Mahnmal für die Vergangenheit einer Nation, die für Krieg und Völkermord immerwährend die Schuld abzutragen hat – nach des Autors Meinung – seit seiner Veröffentlichung 1959 das Etikett der ersten großen Aufarbeitung einer politischen Epoche.
Mehrere Szenen stehen uns fortan dank der sprachlichen und musikalischen Ausmalung in der kritischen Distanz des Autrors, der einmal den Knaben Oscar aus der Erinnerung erzählen läßt, zum anderen sich selbst als Betrachter einbringt, vor Augen: die  Zeremonie der Machtdemonstration von Militär und Politik, und Oscar weiß, wie er einen unerträglichen Parteiaufmarsch in ein gefälliges Volksvergnügen umwandeln kann. Als heimlicher Beobachter unter der Tribüne kauernd, gibt er fortan den Ton an: aus dem martialischem Trommeldröhnen  entspringt die Schöne Blaue Donau samt Walzerseligkeit bis hin zum flotten Charleston. Schön  erzählt, und für das Publikum ist es beinahe wie im Kino.

Und dann eine Szene, kindlich und kritisch, sarkastisch und berührend, in der Grass mit der Kirche, obwohl selbst Katholik, abrechnet: Denn der marmorne Jesusknabe greift nicht zur Trommel, die Oscar ihm umgehängt hat und verweigert dem wütenden Jungen jedes Wunder. Da muß Oscar ihm schon selber vortrommeln und wird prompt erwicht und bestraft. Und auch hier wird deutlich, dass der Mensch und nicht nur das Kind zwei Seelen in seiner Brust hat, und die Freude am Demaskieren von Schein-Heiligkeit und reiner Willkür scheint bei dem kleinen Matzerath ziemlich ausgeprägt… der Vorleser selbst wird zum satanischen  Einflüsterer – eine bühnenreife Passage!

Natürlich kann solcher Hohn nicht andauern. Nazi-Horrorgeschichten in mehreren Variationen folgt die Brandschatzung der Synagoge und Terrorisierung der jüdischen Einwohner. In der Geschichte bleibt es auch nach der Pause bittererst, und Striesow hat bei seiner zeitlich begrenzten Lesung auch das Leid ausgesucht, dass die russisschen Soldaten bei der Besetzung Danzigs Männern und Frauen angetan haben – gefoltert, vergewaltigt und hingerichtet. Und Oscar, böse und elend, wird sich an seinem Vater für alles rächen, was die Vätergeneration verursacht hat, da ist nur noch ein langes heftiges Trommelfeuer möglich. Insgesamt scheint es ein sehr schweres Unterfangen, solch einen Roman, unsere, die deutsche Geschichte in Kleinstform vorzustellen. Also mehr eine Anregung, noch einmal selbst zur Lektüre zu greifen. Dann ist der Abend sinnvoll gewesen. A.C.

 

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


× fünf = 10