Erbarmen, HB

nach Johann Sebastian Bach: Matthäus-Passion, Uraufführung 1727
Theater am Goetheplatz, Bremen, 2022
Musikalische Leitung: Julia Strechenko, Musikalisches Konzept: Maartje Teussink,, Regie: Alize Zandwijk, Bühne: Thomas Rupert, Kostüme: Sophie Klenk-Wulff, Choreografie: Andy Zondag, Dramaturgie: Stefan Blake, Brigitte Heusinger, Licht: Norman Plathe-Narr
mit: Annemaaike Bakker, Martin Baum, Emil Borgeest, Manuela Fischer, Christian Freund, Guido Gallmann, Nadine Geyersbach, Christoph Heinrich, Lieke Hoppe, Ulrike Mayer, Susanne Schrader, Marie Smolka, Fania Sorel, Paul Sutton, Sarah Weinberg

Tränen und Trauer
Die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach, gespielt, gesungen und in Szenen erarbeitet und dargestellt von Schauspielern und Sängern des Bremer Theaters. Das kann keine leichte Aufgabe gewesen sein, und wie man nach der intensiven Aufführung empfand, auch kein vergnügliches Unterfangen. Denn die Texte des Dichters wie die Umsetzung Bachs in ein pathetisch adäquates Oratorium der Vergegenwärtigung von Christi Leiden und der Verzweiflung der Menschen geht nicht nahtlos eins zu eins auf, indem man die damaligen Lebensbedingungen in die heutige Zeit übertragen möchte, weder im Individuellen noch im Allgemeinen; Sicher, überall gab und gibt es immer wieder und immer noch Schrecken, Krieg und wenig Erbarmen für die Außenseiter, die Looser einer jeden Gesellschaft. Die Vorstellung, eine zeitgemäß analysierte Passionsdichtung eines ausgefeilten Zusammenspiels von Chorälen und Arien gestalterisch auf die Bühne zu bringen, bleibt schwierig, eben auch, weil dem Komponisten einst untersagt war, eine Steilvorlage für Opern zu kreieren. Doch wie soll man solch eine Aufgabe lösen, wenn sie so viele Aspekte hat? Man könnte natürlich Videos von Kriegen, Hungersnöten, Feuersbrünsten und Flutgewalten, von Armut und Krankheit in der ganzen Welt zeigen.
Doch die Bremer haben sich für sehr sparsame Auszüge aus der Alltäglichkeit entschieden, lassen in erster Linie die schwarzen, abgestorbenen bizarren Baumreste eines abgebrannten Waldstückes wirken und tauchen die Bühne in ewige Dunkelheit, nur dann und wann flackert irgendwo im düsteren Hintergrund noch ein Licht und verheißt zum Schluss mit bunter Weihnachtsbeleuchtung die Geburt des Heilands. Auch die toten Bäume beleben sich mit einem zarten grünen Sprößling als Hoffnungsschimmer für die Klimaschützer.

Ein Streichquartett mit erster und zweiter Violine, einer Viola, drei Violen und zwei Violoncelli sowie eine kleine Band mit Kontrabass, Klarinette und Klavier spielen teils im Hintergrund, mit diffus auf die Notenpulte strahlendem LIcht, sowie im schmalen Orchestergraben, von wo aus Julia Strelchenko auch den emphatischen Sängern ihren Einsatz gibt, die
eigene Vorstellungen des Themas in übergreifenden Szenen entwickelt haben: Da erscheinen die Armut und der Obdachlose, da sind die unermüdlichen Pfleger mit immer denselben Handgriffen für die alten,  kranken und dementen Menschen, da sind die alleingelassenen Mütter, Väter, Jungen, die vergeblich um Liebe und Hilfe Flehenden, die Abgewiesenen, die Entwurzelten. Jeder für sich, manchmal auch zu zweit im Kampf um ein würdiges Leben – sie alle brauchten unser Mitgefühl – geführt und verwoben mit den Partien für Chor und Solisten (Jesus, Judas)  in protestantischer Realistik und freier Dichtung.
Es wäre fehl und ungerecht, zu sagen, es gäbe kein Erbarmen. Vielleicht gibt es nicht genug; Wer kann die Not anderer Menschen als sein eigenes Leid empfinden? Plakativ scheint da ein Bild einer jungen chicen Frau, die den Bettler um Wechselgeld fragt, weil ihr ein Schein dann doch zu viel des Guten ist. Und wer entledigt sich des hilflos Klammernden mit immer neuer Gewalt? Bilder, die seltsam flach und schal wirken. Und wer bedauert auch die Kranken wie die Pflegenden?
Auf dem Bühnenboden sind jede Menge Bohnen verstreut – warum? Vielleicht weil sie den neuen Nährboden für eine verkümmerte Natur, eine verbrannte Erde sein könnten, denn sie wären Nahrung für Tausende. Man müsste natürlich dafür die für den Naturschutz oder zur reinen Tiernahrung freigehaltenen landwirtschaftlichen Flächen den Landwirten zur Bestellung zurückgeben – also tun sich hier auch durchaus politische Fragen im Kontext auf. Damit greift dieses Spiel so manches Problem an, das übergreifend auf eine verantwortungsvolle Antwort und Lösung wartet.
Es sind 68 Gesänge, die sich in dem Leiden Jesus Christus und der menschlichen Not in Anklage und Verbitterung schmerzlich zusammenfügen.”Kommt Ihr Töchter helft mir klagen” – so klingt das erste Lied, und die Musik wird nicht leichter oder erleichternd. Der tieftraurige Choral “Oh Haupt voll Blut und Wunden” von Paul Gerhard zieht sich in allen Strophen durch die gesamte Aufführung. Es hätte sich vielleicht ein Lied von John Lennon angeboten, dessen Leben und Kompositionen in der lebendigen Inszenierung “Imagine”  aktuell auf die von ihm und Yoko Ono angeführte Friedensbewegung erinnern.
Es ist ein Abend der Tränen und des Trauerns mit einer tief ergreifenden, allen Kummer der Menschheit umfassenden Passionsmusik, die von den Schauspielern mit intensiver Präsenz dargeboten wird, und die der große Leipziger Kantor vor 400 Jahren den Zweiflern in einer grandiosen Uraufführung mit zwei Chören und zwei Orchestern all denen entgegensetzte, die befürchteten, seine Oratorien seien gar zu weltlich, zu oberflächlich.

Nur – in den meisten Kirchen geben Passionsmusiken wie diese irgendwie Mut und Hoffnung angesichts der Sonnenstrahlen, die zuweilen durch die bunten Fenster dringen, angesichts der kunstvollen Ausstattung vieler Altäre und Orgeln und angesichts einer erwartungsfrohen Stimmung in Gedanken und im Glauben an eine Beständigkeit des Guten, an eine immer wieder sich erneuernde gerechte, sich erbarmende Menschheit. A.C.

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