Die zwei Päpste, B

 Franziskus und Benedikt
…und die Entscheidung, die alles veränderte.
Von Anthony McCarten, Deutsch von Sonja Valentin

Renaissance Theater, Berlin, 2022
Mit Walter Kreye, Walter Sittler, Imogen Kogge, Ivy Lißack
Regie: Guntbert Warns, Bühne: Manfred Grubert, Kostüme: Ariane Warns

 

Disput im Saal der Tränen                                                                                                                                                               Das ist der Saal der Tränen, hier haben Päpste nach ihrer Wahl Tränen vergossen, viele Päpste, auch Papst Benedikt, man glaubt es ihm, wenn es so klingt wie Walter Kreye den einstigen Kardinal Josef Ratzinger in diesem Kammerspiel darstellt, wie er die Persönlichkeit dieses Mannes vorantreibt, offenbart und abwechselnd fremd, doch verständlich näherbringt, zeigt, wie er sich selbst celebriert und doch in seiner Einsamkeit  menschlich und verletzbar erscheint. Das ist beinahe ein schauspielerisches Wunder inmitten einer sagenhaften Kulisse: schwarzgoldenen hohen sakralen Bögen, die die kirchliche Räume und Zimmer im Vatikan andeuten, verschiebbar und veränderbar für wechselnde Szenen, immer weihevoll, würdig, dazwischen glüht das päpstliche Rot.-

Nur das kleine bescheidene Zimmer der Schwester Brigitte, in dem uns Benedikt in dieser grandiosen Inszenierung erstmals begegnet, zeigt die tatsächliche Bescheidenheit des „Personals“. Die einstige Haushälterin Kardinal Ratzingers  ist privat Freundin und Beraterin gebleiben, sorgt bei dem wöchentlichen Gastauftritt auf kleiner Kochplatte und  mit der wöchentlichen TV Serie von Kommissar Rex  für Ablenkung und Erholung des Papstes, der ihr stolz seine neuesten Aufsätze zur Begutachtung vorlegt. Imogen Kogge dienert wundervoll untertänig rund um ihn herum und kann doch auch Tacheles mit dem mächtigsten Mann der Kirche reden, als er ihr seine  Rückzugsabsicht eröffnet. Entsetzt und beinahe furios widerspricht sie diesem unvorstellbaren  Ansinnen, und damit ist auch ihr jämmerlich-kindliches Nonnengehabe verschwunden. Die Schwester warnt in heftigster Aufregung vor diesem unerhörten Schritt – was soll aus der Christenheit werden, so wie sie sich vor ihnen auftut? Verlassen von einem scheinbar unfehlbaren Anführer der katholischen Kirche, von allen Richtlinien entfernt, ohne Orientierung in einer „beliebigen Welt“, die großte Sorge Benedikts. Dieser antwortet wie stets, mit einem Gebet, mit einem Nachschlag der köstlichen Suppe und dem Rückzug vor den endlich funktionierenden antiken Fernseher.

Dem schlichten Präludium folgt vor prachtvollem Ambiente das unglaubliche Gespräch zweier Widersacher, die einst gemeinsam zur Papstwahl in der Konklave ausgewählt waren, beide widerwillig. Denn niemals, so wurde beiden klar, hat sich ein wirklich ernstzunehmender Theologe um dieses Amt gedrängt. Und überzeugend in ihrer unterschiedlichen Weltansicht sind Beide, zutiefst fromm und doch so gegensätzlich in ihrer menschlichen und theologischen Sichtweise, dass ihr Disput zu einem unglaublich spannenden, mitreißenden Spiel wird, das Walter Sittler als argentinischer Kardinal Jorge Mario Bergoglio mit Charme und Offenheit punktgleich bestreitet. Sein unglaublich facettenreiches, schweres Leben hat die Dramaturgie geschickt im rhetorischen Duell der beiden Männer offengelegt, wenn auch nur ansatzweise. (Es ist in jedem Fall ein Gewinn, sich mit dem jetzigen Papst Franziskus intensiver zu beschäftigen, um auch seine weltliche Haltung, die vielen unbegreiflich ist, zu verstehen).  In  jungen Jahren zeitweilig Hausmeister und Chemiker, dann Erzbischof von Buenos Aires, Fußballfan und Tangoliebhaber, zweimal in seinem Leben sogar wirklich verliebt, um sich immer wieder für die Arbeit mit den Ärmsten seines Landes zu entscheiden, dem Marxismus einige Zeit als erlösende gesellschaftliche Perspektive nahestehend, durch die erschütternden Revolutionen seines Landes schmerzhaft geprägt wie durch manche Fehlentscheidung,  um Freunden, Brüdern, Mitstreitern durch die reine Lehre Gottes zu helfen. Zweischneidig, gespalten in der Welt, unbestreitbar fest in Jesus‘ Auftrag, den Armen dieser Welt beizustehen. Hier der Kämpfer für die Armen, einst ein Revolutionär auf politischen Abwegen, dann nach schwerer Buße und Läuterung sowie nach einem langen Dienst als Kardinal, nun sehnsüchtig auf den Ruhestand wartend, um nur noch für die Armen in den Slums zu sorgen. Das ist sein Wunsch, deshalb ist er nach Rom gereist, um von Papst die Erlaubnis für den Ruhestand zu erhalten. Doch der hat andere Pläne mit ihm.

Zunächst will sich kaum ein Gespräch zwischen beiden Männer ergeben. denn zu unterschiedlich sind ihrer beider Auslegung der Gebote Christi: dogmatische Festigkeit im traditionellen Sinn verbietet Änderungen von theologisch nicht zu verantwortender Tragweite – das ist Benedikt, unbeugsam, blind für manch schreckliche reale Zustände in seiner Kirche. Die Perspektive auf eine sich verändernde Welt in den Gemeinden, Diözesen, in den Köpfen und der Geisteshaltung der Gläubigen lässt sich mit seiner, Benedikts Glaubenswahrheit nicht vereinen. Und da der Papst unter diesem Konflikt so schwer leidet, dass  dass weder sein Körper noch sein Intellekt dem Ansturm der Anforderungen  der äußeren Welt gewachsen sind, die seine eigene Welt nicht mehr widerspiegeln, hat er sich entschieden. Nach vierhundert Jahren einmal wieder: ein Papst tritt zurück.

Trotz der dramaturgischen großartigen Bearbeitung des umfangreidchen Buches von Anthony McCarten ist dieses unbedingt eine zu empfehlende zusätzliche Lektüre, um detail-und historisch getreu den Ablauf dieser weltgeschichtlichen kirchlichen Entwicklung zu begreifen. Es geht um das theologische Selbstverständnis zweier großer Männer, zweier bedeutender Kleriker und einer Polarisierung, die das Positionierungsbemühen der katholischen Kirche in der modernen Gesellschaft hemmt. Wo die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen auf der einen Seite ein behutsames Vorgehen verlangen, damit die von Benedikt gefürchtete „Beliebigkeit“ nicht zerstörerisch, sondern fortschrittlich wirken kann, droht aber auf der anderen Seite durch ein Beharren bei vielen längst aus der Zeit gefallenen rigiden kirchlichen Vorschriften die Welt der Christenheit immer kleiner zu werden.

 Papst Franziskus ist seit dem 13. März 2013 der 266. Bischof von Rom und damit  Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche und Souverän des Vatikanstaats. Als Argentinier ist Franziskus der erste gebürtige Nichteuropäer im Papstamt seit dem im 8. Jahrhundert amtierenden Gregor III. Wikipedia

Geboren: 17. Dezember 1936 (Alter 85 Jahre), Flores, Buenos Aires, Argentinien

 

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