Gift, B

 von Lok Vekeman
Übersetzung: Eva Pieper und Alexandra Schmiedebach; auch als eBook erschienen
Deutsches Theater, Berlin
Repertoire seit 2013
Regie: Christian Schwochow, Bühne Anne Ehrlich, Kostüme Pauline Hüners, Dramaturgie John von Düffel

Ein Evergreen

Wie man aus einem mageren, müden Text ein langsam sich offenbarendes und berührendes Ehedrama zaubern kann, ist immer wieder dem erstaunlichen Geschick der Dramaturgen, der Regie und natürlich der Darsteller zu verdanken, die leblosen Sätzen, oft nur Fragmenten, jäh Leben einhauchen und bei den Zuschauern tiefe Betroffenheit auslösen. Hier sind es die Lieblinge der Berliner, in Film und Fernsehen präsent und doch der Bühne treu geblieben: Ulrich Matthes und Dagmar Manzel, beide vielfach ausgezeichnet, Manzel 2014 für eben diese Rolle der Ehefrau, nur “Sie” genannt, mit dem Deutschen Theaterpreis “Der Faust”, Ulrich Matthes wurde jetzt mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt..

Es ist ein wirklich trauriges Schicksal, dass diese Frau nicht verarbeiten kann und dass sie in einer depressiven Abhängigkeit in der Vergangenheit festhält. Nun hat sie, um ihren Mann, der sie vor zehn Jahren nach dem Unfalltod ihres gemeinsamen Sohnes verlassen hat, zu sich gerufen, angeblich, damit er einer erforderlichen Umbettung einiger Gräber auf dem Friedhof zuzustimmt. Beide warten in einer mehr als kalten Halle auf den Informanten, der nicht erscheint. Statt seiner taucht die Vergangenheit des Paares auf; Hysterie und Verzweiflung der Frau prallen gegen eine Wand der Vernunft, hinter der ihr Mann seine Hilflosigkeit verbirgt, ihre Unfähigkeit  sich vom Schmerz der Vergangenheit zu lösen, zu begreifen. Es gilt für beide, ein Leben der Trauer aufzuarbeiten, das Schicksal noch einmal schmerzhaft hervorzuholen und durchsichtig zu machen und zwischen “Trost und Trauer”, “Zärtlichkeit und Härte”, “Abrechnung und Annäherung” die Balance und endlich das Gleichgewicht für ihr Leben zu finden. Gibt es für SIE noch eine Zukunft ohne Leid, ohne Süchte, ohne Sehnsucht nach einer heilen Welt, nachdem ER sich mit einer neuen Frau und einem zu erwartenden Kind  eine neue Gegenwart aufgebaut hat?

Ulrich Matthes ist zunächst freundlich werbend, verlegen bemüht um einen höflich leichten smaltalk, dem seine Ehemalige mit merkbarer Unsicherheit, versteckt in zynischen Untertönen begegnet, mit denen Dagmar Manzel in allen Variationen perfekt seine Nervenleiter rauf und runterklettert. Es geht um mehr als nur eine schnelle Zustimmung zu einer administrativen unangenehmen Sache. Es geht um beider Leben, das so aprupt an einem Silvesterabend endete. Und ein Kaffee aus dem Automaten trägt auch wenig zur Friedfertigkeit bei, denn bei IHR liegen die Nerven blank, Kummer, der sich bei ihr tief eingegraben hat und den sie seither erfolglos mit Alkohol und Süßigkeiten bekämpft. Leiden macht süchtig, aber auch verbittert, unnachgiebig und unendlich traurig. Man nimmt es dieser Frau unbedingt ab, leidet zuweilen mit ihr, doch in ihrer Hysterie verscherzt sie sich zu oft die Bereitschaft des Mannes, ihr Verständnis entgegenzubringen, der mit journalistischer Sachlichkeit nicht gerade den besten Weg zur wirklichen Empathie beschreitet. Also auch ein weitreichendes Mann-Frau-Drama wie es sich in vielen Beziehungen auftut, wenn Vernunft und Emotionen aufeinanderstoßen und sich nicht mehr verbinden lassen.

Die große existenzielle Frage, wie sich Trauer auflösen läßt, und wann, ob und wie man so schlimme Schmerzen wie sie der Tod des Kindes hervorrufen, in der Vergangenheit ruhen lassen darf, um wieder in der Gegenwart leben zu können, und wie macht man es, wieder den Moment, den Augenblick zu bejahen, zu genießen und die Dunkelheit abzuschließen, das sind die weitgreifenden, alle und jeden umfassenden Themen dieses kleinen Kammerspiels.

Nachdem es ziemlich hart knallt zwischen diesem schwierigen Paar, und niemand erscheint, um sie zu erlösen, und der Mann erkennt, dass es nicht um eine Grabverlegung, sondern um eine Aufarbeitung ihrer beider gescheiterten Ehe, um einen Hilferuf seiner Frau geht, weicht die Agressivität auf der Bühne. Ruhe zwischen Beiden kehrt durch die Besinnung ein und plötzlich ist ein Gespräch unter Erwachsenen, unter Gleichen möglich. Dass zuweilen ein Funken Witz durch das Spiel scheint, Manzel mit Weibchenmentalität listig durch das Eheduell zwinkert und die männliche Realität der bequemen Verdrängung ins Wanken bringt, ist zuweilen schon amüsanterweise dem alten Schema  “Frau ist unlogisch, Mann ist vernünftig” zuzuordnen. A.C.

 

 

 

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