Das Rheingold,OL

Der Ring der Nibelungen in vier Folgen
von Richard Wagner (1813-1883),
1. Das Rheingold – Uraufführung im Königlichen Hof- und Nationaltheater München, 22. September 1869
Oldenburgisches Staatstheater, 2022;  In den nächsten Folgen in diesem Theater: Die Walküre, Siegfried und Götterdämmerung in 3 Durchgängen.
Musikalische Leitung Hendrik Vestmannn, Inszenierung Paul Esterhazy, Bühne und Kostüme Mathis Neidthard, Dramaturgie Stephanie Twiehaus, Choreinstudierung Thomas Bönisch, Oldenburgisches Staatstheater, Statisterie des Ol. Staatstheaters, Mime-Double
mit: Wotan: Leonardo Lee, Fricka: Melanie Lang, Freia: Susanne Serfing, Erda: Edna Prochnik, Loge: Matthias Wohlbrecht, Alberich: Kihun Yoon, Mime: Timo Schabel, Fasolt: Sami Luttinen, Fafner: Andreas Hörl, Donner: Shin Yeo, Froh: Johannes L.Maas, Woglinde: Martyna Cymerman, Wellgunde: Hanna Larissa Naujoks, Floßhilde: Maiju Vaahtoluoto

 Der Anfang vom Ende

Tja, da  hat sich also das ganze Kriminalschauspiel dann letztlich trotz Heimtücke, Mord und Gemeinheiten nicht zu Wotans Vorteil entwickelt. Er ist letztlich der Dumme und Betrogene, und der stelzenhohe Riese Fasolf erfüllt, indem er seinen Bruder erschlägt und nun als alleiniger Herr und Herrscher über Rheingold, Zauberhelm und Ring mit einer Machtfülle ohnegleichen ausgestattet ist, den vernichtenden Schwur des betrogenen Nibelungenzwergs Alberich. Glücklicherweise aber weiß der Riese weder um den Wert des Ringes noch um das Geheimnis des goldenen Helms, der unsichtbar macht und im weiteren Verlauf der Geschichte in einer Endlosschleife zu Betrug, Mord und Verderbnis führen wird.

Es ist die Geschichte der Menschheit, in verschiednen Sagen, Mythen, in der Kunst für jede neue Nachwelt festgehalten, in Worten und Noten und Gestaltung jedweder Art. Eine Mahnung die seit tausenden von Jahren immer wieder aufs Neue auf taube Ohren und blinde Augen stößt: denn die gierige Sucht nach Macht und Gold und Geld sind die Helfer des Todes, der Vernichtung, der unausweichlichen Katastrophen für und in der Menschheitsgeschichte. Alle Völker der Erde haben die Erfahrungen in ihren Mythen ebenso spannend wie drastisch beschrieben. Und nichts daraus gelernt. Voller Schwermut beginnt daher das Orchestervorspiel mit 136 langen Takten…

Richard Wagner hat die tiefe moralische Botschaft mit Verve aus unserem nordischen nationalen Erbe der Edda (Mutter Erde) herausgefiltert und einen fantastischen dramatischen Reigen daraus gezaubert –nebenbei völlig missverstanden von zeitgenössischen Despoten -, immerhin war Wagner ja unter anderem auch politisch aktiv, ein Revoluzzer, der sich nicht ohne Grund vom Sächsischen ins Bayrische verzogen hatte – mit glänzender Dramaturgie und einer haarscharf konstruierten Notierung für seine Alliterationen und Wortungetüme. Aus Spaß an der sprachlichen Gestaltung und Verästelung hat er oft schwer zu fassende Satzkonstruktionen erdacht, die dann als Vorlage für seine kompositorische Ausformung dienten und bereits die Verwendung und den Einsatz der entsprechenden Instrumente, Rhythmus und Fülle und Wechsel von Tempi und Tonarten vorgeben und damit (neben der enormen Herausforderung für alle Beteiligten) eine passend gesetzte Charakteristik vorgeben. Da hat jedes Wort seine Note, trifft jede Note den richtigen Wortlaut, bedienen die Instrumente donnernde Wut, Spott  und Hohn, Trauer, Sehnsucht, Verzagen und Mordlust, forcieren den stoischen Marsch der Macht, begleiten gleichmütig Wotans Hilflosigkeit, ebenso wie die charmante Hinterhältigkeit des Feuergottes Loge in schrägen Kadenzen, einfach die Tonart wechselnd, so wie Loge die Logik. Man kommt nicht umhin, die überbordende  Wagnersche Wort-  und Tonschöpfung zu bestaunen!

Rheingold und Alberich gehören ihrer Bedeutung nach in diesem Stück in einem Atemzug genannt, nur dass das Gold ja stumm und leblos ist und seine zur Zauberkraft erst durch Götterhand erweckt wird, während Alberich – der unzivilisierte Kraftprotz und Outsider der Gesellschaft aus dem unterirdischen Reich der Schwarzalben, der von den Göttern verhöhnt und betrogen, und von den Rheintöchter arg gefoppt wird, und dann, mächtig geworden, mit brutaler Gewalt regieren, seine Leute wie seinen Bruder Mime böse schikanieren und Wotan und Co. ewige Rache schwören wird.
Und dann kommen da einfach ungebeten diese beiden Besucher, Wotan und Loge aus einer Welt, die nicht die Seine sein kann und darf, was man ihn jederzeit spüren lässt. Wut und Zorn und Überheblichkeit machen ihn aber so blind, dass er auf die schmeichelnde Bewunderung Loges und dessen sorgfältig gesetzten billigen kleinen Trick hereinfällt – und damit alles verliert, was er in seinem Besitz zu haben glaubte. Wie dieser pfiffige, teils sympathische, teils angenehme Loge sein Wissen vorteilhaft, wenn auch unmoralisch einzusetzen versteht, das wird von Mathias Wohlbrecht lässig und prächtig präsentiert.

Auf der aus dunklem Holz gezimmerten rustikalen Drehbühne mit verschiedenen Abteilungen, also Spielorten, Zeiten, Zimmern, wirken und walken nun auch die Rheingoldtöchter, die auf  klanggleiche Namen wie Woglinde, Wellgunde und Floßhilde hören und die ihr langweiliges Wäscherinnendasein für blutige Hemden und dazugehörige Leichen hingeben. Sie sind nicht gerade beglückt über den plötzlichen aus tiefsten Tiefen – hier aus einem Fäkalienort herauskrabbelnden Alberich, doch sehen sie ihn rasch als vergnügliche Abwechslung. Diese unglückselige Kreatur wird von Kihun Yoon in allen Facetten der dramatischen Stimmführung ebenso gewaltig in ihrer Gier wie brüchig in ihrer Verurteilung zum underdog gespielt, so dass es einen schaudert. Dieses Wesen aus einer anderen Welt, kommt vielleicht geradewegs aus der Hölle, wo seine Schmiede hämmern und feilen, was das Gold in den unterirdischen Bergwelten nur hergibt. Den Chef jedoch zieht es zuweilen in die obere Etagen, ins schummrige Feuchtgebiet der drei schönen Rheintöchter, die er gar zu gerne seinem triebgesteuerten Verlangen einverleiben möchte. Das ist zeitweilig echt fies und auch gemein, wie die frischen Jungfrauen den unangenehmen verlumpten und verlodderten Archetypen in den sexuellen Wahnsinn treiben und ihn seiner ins Winseln abgeglittenen Würde berauben. Dabei aber erzählen sie dümmlich oder naiv stolz von ihrem Goldschatz, den Vater Rhein – als Inkarnation des ewige Werdens und Fließens und Erneuerns –  in den Tiefen des Flussbettes verbirgt und ihnen zum Schutz angediehen hat. Und die leichtfertigen Damen verraten im Übermut ihres Schabernacks nicht nur das gleißende Gold, sondern zudem, dass ein aus diesem Gold geschmiedeter Ring seinem Besitzer alle Macht der Welt verleiht, den geliebten Menschen aber Unglück bringen werde. Alberich greift sich den Hort (mal eben so ) und transportiert ihn irgendwie in sein eigenes Reich, womit das Unglück der alten Götterwelt seinen tragisch-spannenden Lauf nimmt. 

Leonardo Lee gibt seinem Wotan Würde, aber zeigt bereits auch jene Hilflosigkeit, die ihm und seinem Reich später zum Verhängnis werden soll. Zunächst muß er sich des windigen Loge bedienen, um seinen bösen Fehler wieder ausbügeln zu können, indem er seine Schwester Freia, Verteilerin der ewigen Jugend, den Riesen Fasolt und Fafner für den Bau seiner neuen Burg, als Lohn versprach. Als da ist Ehefrau Fricka, Hüterin der Ehe, und ob des Gatten Seitensprüngen bereits ziemlich agressiv, was Melanie Lang ihm kraftvoll entgegenschmettert. Die an die Riesen verhökerte Freia, die Susanne Serfing ziemlich machtlos gegen zwei gewaltige Riesenkerle nur noch verängstigt und verhuscht sein läßt, obwohl sie als jugendspendende Göttin ja eigentlich ganz anders auftrumpfen könnte als lediglich allen Männern der eigenen Sippe ständig die Brust zu reichen, bleibt als Pfand bis zur Tilgung der Bauschulden. Denn die Götterfamilie weiß nicht ein noch aus. Da ist guter Rat teuer, und alle sitzen am schön geschnitzten Tisch mit Worpsweder Stühlen, trinken Met und lamentieren bis der ersehnte Loge in die Runde platzt und vom Verlust der Rheintöchter berichtet, die Wotan um ihre Hilfe bitten.

Da begreift auch der Göttervater, was die Stunde vor allem für ihn nun geschlagen hat, und er folgt Loges Aufforderung, Alberich von Gold, Ring und Helm zu befreien, um Freia auszulösen und sich selbst mit dem großen Gold zu versehen.. Dass die Riesen hinterhältig den ganzen Schatz einfordern, dagegen sind die Götter zwar machtlos, aber Wotan, der sich ob dieser Entscheidung von der Erdgöttin (in blitzschneller szenischer Momenteinblendung aus ihrem Zimmer tretend) hat überzeugen lassen, schmiedet bereits den Plan für die Zukunft und stößt sein Schwert Nothing in die Weltesche, aus der Held Siegfried es Generationen später herausziehen wird. Schluss des ersten Teils: die Götter beziehen Walhall.

Übrigens, wen das Werk an Tolkiens  (1892-1973) “Herr der Ringe” erinnert, der liegt nicht falsch, denn hier entfaltet sich die Gier der Machtbesessenheit und der Untergang der vorzeitlichen Götter ebenso bildmächtig und poetisch. Auch wer die norwegische Netflix-Serie Ragnarök kennt (die 3. Staffel ist angekündigt), wird die mittlerweile in die Neuzeit versetzen Archetypen, die machtbesessenen Riesen (Unternehmer) und die hilflosen Gottheiten (im Altenheim) wieder entdecken und mit und an Thor als jugendlichen Rächer seine Freude haben. Aber er wird sich auch endlich für Richard Wagners Ring der Nibelungen begeistern! Es ist ein spannendes, großartig  komponiertes, allerdings auch in seiner dramatischen Wortsetzung ebenso neuartiges wie kompliziert zu verstehendes und spielendes Werk, das mit seinen charakterisierenden musikalischen Leitmotiven den Weg ebnet, die in dem unbedingt empfehlenswerten, bildnerisch und textlich vielfältig und informativ gestalteten Programmbuch, aufgezeichnet sind.  A.C.

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