Der Hofmeister, B

Über das bürgerliche Trauerspiel: Jakob Michael Reinhold Lenz
in der Bearbeitung von Bertold Brecht

Regie: Tom Kühnel und Jürgen Kuttner, Bühne und Video: Jo Schramm, Dramaturgie: Claus Caesar, Kostüme: Daniela Selig, LiveMusik: Matthias Trippner, Licht: Kristina Jedelsky

mit: Jürgen Kuttner, Peter René Lüdecke, Helmut Mooshammer, Kathleen Morgeneyer, Birgit Unterweger

Deutsches Theater Berlin, 2022

Gruselige Geisterstunde

Einer, der auszog, das Fürchten zu lernen. Auch die Gebrüder Grimm sammelten und veröffentlichten ihre Märchen in romantischer Zeit, die in Wahrheit grausam und blutig war, denn Menschenwürde war ein Fremdwort. Lenz, der Dichter des Sturm und Drang, weithin vergessen, bis Bertold Brecht ihn vor seinem endgültigen Einzug ins eigene Berliner Ensemble 1950 zunächst im Deutschen Theater in filmtechnischer Verfremdungskunst inszenierte: Provokant, schräg und doch subtil schleuderte er seine Kritik an der gesellschaftlichen und kulturellen Engstirnigkeit der SED den Potentaten an den Kopf, die dem Erfolg der Inszenierung nichts entgegenzusetzen wagten und daher grimmig schwiegen.

Was hatte Brecht getan? Er hatte aus der sogenannten gesellschaftlichen Farce aus “einer Zeit vor unserer Zeit” (1778 uraufgeführt) eine bittere Satire herausgefiltert, indem er die zahlreichen Nebenfiguren aus Adels- und bürgerlichen Kreisen weitgehend aussperrte, um das Elend des aus armen Verhältnissen stammenden Hofmeisters – Erzieher im heutigen Sprachgebrauch -, namens Läuffer zu spiegeln. Im Millieu eines dümmlichen, vermögenden und geizigen Adels und des einigermaßen gebildeten Bürgertums spießt Lenz (den zu lesen sich per Reklamausgabe unbedingt empfiehlt) die Misere des Bildungswesens wie die bigotte Erziehung auf, die sich auf Unterdrückung, Schläge, Unterwerfung und Bestrafung –  noch viele Jahrzehnte danach – aufbaute, doch letztendlich auch nur das wiedergibt, was die Gesellschaft zu allen Zeiten zu verkraften imstande ist. Und das war   eine alte feudale, verbogene und bigotte Moral.

Der junge Hofmeister, mittelloser Pastorensohn, im strengen christlich-asketischen Untertanengeist erzogen, unterwirft sich der Sklavenhaltung seiner Geldgeber, die nicht nur am Lohn knausern, sondern auch an menschlicher Wärme, an Bildung und ohnehin auch an Verständnis wenig zu bieten haben. Läuffer, buckelnd und dienernd, unterdrückt alles, was sich in ihm aufbäumt, verrät seine Persönlichkeit, sein Wissen, seine Bedürfnisse nach Liebe und Anerkennung. In der Brecht-Fassung bleibt nicht viel vom Witz der einstigen Komödie zurück, eher Absurdität und Tragik, denn der Ablauf ist auf den langsamen, unweigerlichen Untergang einer menschlichen Existenz ausgerichtet. Läuffer verliert seine Manneskraft, seine Würde, seine Selbstachtung. In dieser Bühnen- und Filmfassung offenbart sich für Brecht der bittere Zorn auf einen menschenunwürdigen Zustand starrer Klassen, ihrer Privilegien und  zweifelhaften Moral.

Die gesellschaftlichen Zustände jener Zeit haben Brecht und sein Team, Caspar Neher, Egon Monk, Benno Besson und Ruth Berlau als bewegte Bilder wie im Stummfilm auf Zelloloid gebannt, wenn auch nicht sehr professionell, aber doch mit genialen Einfällen, sowie mit alten Kostümen und übertriebener Dramatik in Szene gesetzt. In der jetzigen, akuellen Version von Kühnel und Kuttner mit der kongruenten Musik von Matthias Trippner geistern diese alten Figuren in gespenstischen Zerrbildern über die Bühne jener Tage; bei der Wiederherstellung des Materials mußten viele unbrauchbare Aufnahmen herausgenommen und der Rest in verlangsamter Form zusammengefügt werden. Immer noch sind die Bewegungen ruckhaft, stakkatoartig und daher durchaus passend in ihrer grotesken Ambition, während der geraffte Text, bemerkenswert exakt auf die Leinwandbilder abgestimmt, von den Schauspielern auf der realen Bühne gestisch, dramatisch und episch dargestellt wird. Eine Farce, die das bittere Schicksal eines Menschen beschreibt, der sich erniedrigen und beleidigen läßt, ohne sich zur Wehr zu setzen. A.C.

 

Das Stück ist nicht ohne Anspielungen und Bezug auf Lenz` eigenes Schcksal als spöttischer und kritischer Außenseiter der Gesellschaft. Geboren in Litauen, gestorben in Russland. Das Originalstück handelt auch von einer bemerkenswerten Freundschaft unter den Studenten, allerdings gehören alle dem Adel an.

 

 

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