Die heilige Johanna der Schlachthöfe, HB

von Bertold Brecht, Uraufführung
Theater am Goetheplatz, 2022
Regie: Alize Zandwijk, Bühne:Thomas Rupert, Kostüme: Anne Sophie Domenz, Musik: Beppe Costa, Dramaturgie: Domenz und Theresa Schlesinger, Puppenbau: Nadine Geyersbach, Denis Geyersbach, Licht: Norman Plathe-Narr;
mit Shirin Eissa, Christian Freund, Guido Gallmann, Denis Geyersbach, Nadine Geyersbach, Levin Hofmann

Johanna Dark  ist eine junge Frau, 25 Jahre alt, Fabrikarbeiterin auf den Schlachthöfen Chicagos. Und sie bei der Heilsarmee, voller Engagement für ihre leidenden Kolleginnen und Kollegen, die Tag für Tag in den Fabriken schuften, und doch nicht einmal das Nötigste zum Leben haben.

Johanna ist mutig, couragiert, furchtlos, denn sie weiß die Gerechtigkeit auf ihrer Seite. Und so tritt sie auch auf, mitten hinein in den Kreis der mächtigen Unternehmer der Fleischindustrie, die gerade dabei sind, einander die Beute und den Profit abzujagen. Ihr Auftritt verwundert alle, vor allem Mauler,  den mächtigen Boss der Schlachthöfe. Damit stehen die beiden Hauptfiguren in Brechts Drama fest, und sie sind von Schauspielern besetzt, die nicht nur das soziale Anliegen, sondern auch ihr Herz, ihren Mut (Johanna) und auf der anderen Seite ihre Verschlagenheit, ihre Geld- und  Machtgier, aber auch noch einen letzten kleinen Rest von Empathie zeigen.

Im Bremer Theater hat man diese extremen Charaktere mit Shirin Eissa, einer überwältigenden leidenschaftlichen und charismatischen Persönlichkeit und Nadine Geyersbach, ihrer Vorgängerin in der Rolle der Johanna (aus den Proben im Pandemiejahr 2021)  jetzt in die Figur des Kapitalisten Mauler gesteckt, in die weiten Anzüge der 20jahre und den herb lässigen Unternehmerhabitus, mit dem sich auch schon  Arturo Ui und die Blumenkohlmafiosi darzustellen wußten. Reizvoll natürlich für Nadine Geyersbach, in die Kontraperson zu schlüpfen und dieser brutal hinterlistig, verschlagen und zielsicher eine faszinierende Präsenz zu geben. Die beiden Protagonisten halten die Spannung für eine lange Aufführung ohne Pausen auf einer Bühne, die zunächst wie ein unaufgeräumter Kinderhort aussieht mit einer blauen runden Sandkastenform als Sitzrunde für die Fleisch- und Viehhändler, zudem mit mehreren Ecken mit Gerümpel sowie einem Schreibtisch mit vielen Telefonen, der mehr als Tanz- und Tobsuchtsfläche für den willfährigen Adlatus Maulers dient, den Levin Hofmann als jüngster Schauspieler in diesem abwechselnd um Geld und Existenz kämpfenden Männerteam mit untertänigster Hingabe spielt.

Am Ende sieht die Bühne aus wie ein Schlachtfeld, ist es ja auch. Durch die geschickten Manipulationen von Mauler, der den Fleischmarkt fest in der Hand behält, weil er dank  Insiderinformationen genau weiß, wann er verkaufen und kaufen muss – sein Credo in diesem Leben -, verlieren die anderen Händler nach und nach ihre Einkünfte, ihren Markt, ihre Existenz.
Das Schachspiel geht immer zugunsten Maulers aus, der sich nicht scheut noch schämt, den angeblich sensiblen Tierfreund hervorzukehren, dem die Schlachtung der armen Tiere zu Herzen geht. Dass er die Menschen mit seiner Preispolitik ins Unglück treibt, die Preise an der Börse hochzieht und die Arbeiter arbeitslos macht, indem er die Fabriken schließt, ist die teuflische Seite dieser Figur, der Nadine Geyersbach wahrlich ein mephistophelisches Gesicht gibt. Johanna ist das chancenlose Gretchen, dass ihn scheinbar dauert, besonders als sie verfroren, fast verhungert und verloren ihn demütig ein letztes Mal um Gerechtigkeit anfleht. Und Maurer, der Mann, der alles in der Hand hält, Gefühle für Kreaturen heuchelt, aber Menschen nur als gewinnbringendes Material ansieht, erläutert ihr in gerade diesem Moment beinahe behutsam wie einem KInd seine unfassbare Moral: Schlechtes tun, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.

Während die arbeitslosen Schlachthofarbeiter wütend auf die Barrikaden gehen, wo sie gnadenlos zusammengeschlagen werden, um späterhin mit weniger Lohn mehr Arbeitsstunden ableisten müssen, zahlen diese einen Preis, den Johanna nicht gewollt hat. Ihr Ansinnen, mit Überzeugungskraft ein Blutvergießen, jegliche Gewalt zu vermeiden, kommt wie ein Bumerang auf sie zurück. Denn der menschenverachtenden Preistreiberei der Industriebosse kann sie nichts entgegensetzen.

Somit muss Johanna an dieser Welt zerbrechen, in der auch der Vorstand der Heilsarmee –  von Brecht, der genaueste Einsicht in die Praxis der amerikanischen Einrichtung gewann, scharf kritisiert – lediglich um seinen eigenen Vorteil besorgt ist.  Wem eigentlich geht es noch in dieser Welt um die Menschen?  Und obgleich geschlagen und gescheitert, bleibt Johanna bei Ihrer großen Menschengüte, nach der niemals Gewalt die Zustände verbessern wird, sondern nur Menschen helfen können, wo sie menschlich sind.

Brecht hat zu jener Zeit keine gute Perspektive für die Güte der Menschheit.  Die Regisseurin  dieser Inszenierung, Alize Zandwijk, leitet mit Dekorationselementen und eingefügten Texten die Sicht auf die heutige Zeit, auf die Großaktionäre und Global Player. Auch wenn die Übertragung auf die Gegenwart in Europa nicht unbedingt zutreffend ist, hat das Elend der Menschen in ärmeren und von Diktatoren beherrschten Ländern, in denen die Gesellschaft auch noch nach Wertigkeit und Klassen diskriminiert wird, erschreckende Aktualität. A.C.

 



				

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