L’Isola d’Alcina, OL

Dramma giocoso per musica
Musik von Guiseppe Gazzaniga, Libretto von Giovanni Bertati
Uraufführung Venedig 1772, Deutsche Erstaufführung Schwetzingen 1773

Oldenburgisches Staatstheater, 2022
unter der musikalische Leitung von Vito Christofaro;, Regie u.Lichtdesign: Chistoph von Bernuth; Bühne: Piero Vinciguerra; Kostüme: Mathilde Grebot; Dramaturgie und Übertitel: Stephanie Twiehaus, Licht: Steff Flächsenhaar

mit: Alcina: Martha Eason, Lesbia: Bogna Bernagiewicz, Clizia: Melanie Lang, LaRose: Johannes Leander Maas, James: Gabe Clarke, Brunoro: Mark Serdiuk, Don Lopes: Joâo Fernandes, Baron von Brikbrak: Florian Götz, Tlatolophus galorum: Philipp Westerhoff, Wildschweine: Ute Becker, Winfried Klatt, Michael Sutor, Nathalie Klein.

Eine Hommage an Europa

Beinahe wie bei Mozart: heiter, beschwingt, ein HImmel voller Melodien, nur dass sich hinter diesem köstlichen Schwank zwei Autoren verbergen, die man bisher eher selten hörte. Dass sich hier die Oper selbst verulkt, nicht nur in ihrer Choreografie mit schauspielerischem und musikalischem Übermut, sondern vor allem mit einem Metatext, der den Irrwitz des Geschehens selbstironisch kommentiert und jederzeit auch mit zeitgenössischen Bonmots aktualisierend auffrischen und dekorieren kann, ist ein reizvolles Mittel, mit dem sich die Komödie in der neuen Zeit der Aufklärung von dem Gefühlsüberschwang der Romantik distanzieren wollte.

Dabei ist die Sage der männerbezirzenden und vernichtenden Zauberin seit Odysseus’ Heurmstreunerei auf den iberischen Meeren bestens bekannt. Zuweilen ließ er sich der Held sogar an den Mast binden, um dem verführischen Klang der Insulanerinnen nicht zu verfallen; in einer anderen Verson verschließt er die sensiblen Ohren mit Bienenwachs, folgt  der schönen Circe, verweilt auch eine Weile bei der schönen Dame, kann ihr letztendlich dann doch Lebewohl sagen, um sich bei der mittlerweile von zahlreichen Freiern umschwärmten Gattin rechtzeitig einzufinden und die Nebenbuhler zum Teufel zu jagen.

Es gibt andere Sagen und Mythen von jener Liebeshexe, die nicht nur verführerisch singen und bezirzen kann, sondern auch noch so schön ist, dass man es kaum glauben möchte. Alles zusammen bringt auch die Truppe der vom HImmel herabregnenden Mannsleute in Versuchung, die sich trotz ihres Schwures, standhaft restistent zu bleiben, dann kurz oder lang wie die Fliegen umkippen und den Reizen Alcinas verfallen. Dass sie früher oder später, sobald die Herrin ihrer überdrüssig geworden ist,  in häßliche Tiere oder Pflanzen verwandelt werden, kann ihre Liebeslust nicht bremsen und läßt sie schier erblinden. Nur einer bleibt in diesem internationalen Mannesbund standhaft, und damit vollzieht sich auch schon ein hübsches Klischeespiel der Nationen: neben dem wissensdurstigen, an weiblichen Reizen eher desinteressierten Engländer James geizt der Franzose natürlich nicht mit Komplimenten und Kratzfüßen, der Italiener verbiegt sich in tänzerischen Elegien, und der Spanier buhlt in vornehmer und eitler Distanz als Conquistadore und Matadore.Olé!

Martha Eason als Alcina verführt mit brilliert virtuos mit geschmeidigem wie abwechseln kräftigen   Klang, Charme und Beweglichkeit, ein unglaublich vitales Persönchen, das immerhin schon – laut Geschichte – 8oo Jahre alt ist, doch schön und jung wie einst im Mai der Jugend. Damit nun das Liebeswerben nicht ganz so unerträglich monoton schmelzend daherkommt, haben sich die Akteure nicht nur kunterbunte Kostüme und zitronengelbe Sonnenschirme, Liegestühle, einen  eleganten Bartresen nebst Hockern und gruselige Wildschweinköpfe sowie eine riesige Steinzeitechse ausgedacht, sondern den Sängern auch jene Beschwingtheit verordnet, die das einstige statische Deklamieren, Lamentieren und Jubilieren außer Gefecht setzen und in eine Bühne voller Leben verwandeln.
Das ist zuweilen vielleicht ein bißchen viel und ungewohnt, aber die Spielfreude regt es dermaßen an, dass sie flugs auch auf das Publikum übergreift, und man nur allzugern bereit ist, den Ulk als Mittel der Inszenierung zu goutieren. Da erfährt man, wie Alcina sich aberwitzig eben von dem abweisenden sturen Engländer angezogen fühlt und die anderen Bewerber sich vergeblich so abmühen müssen, man erfährt über Gefühle und Launen und unmögliche Auffälligkeiten als ob ein Erzähler das Liebesgetue da auf der Bühne verständnislos beobachtet. Natürlich verwirrt das Handlungsknäul sich beträchtlich bis endlich die beiden Zofen aufwachen, sich herzlich vergnügt in ihrer Liebe zu den Fremden bekennen und sich erinnern, wie man denn den Fängen der Herrscherin entkommen und sie zugleich ihrer Zauberkraft berauben könne. Aber da die heillos verliebten Männer in dieser HInsicht kaum zu gebrauchen sind, schneit oder schwimmt besser auf einer brüchigen Schiffsplanke endlich der fünfte Mann heran, ein deutscher Baron, der sachlich, konsequent, unbeirrbar ob aller weiblichen Reize nach etlichen Verständnisschwierigkeiten begreift, was seine Aufgabe ist, und da diese nicht so leicht zu bewerkstelligen ist, schleichen nach und nach alle Beteiligten als dunkle Schatten vor blassblauem nächtlichen HIntergrund suchend um das nächtliche Lager von Alcina herum, um diese zu entmachten. Ein schönes Bild.

Und da auch der Meister Gazzaniga sein Handwerk versteht, läßt er nicht nur die Soli glänzen, sondern weiß auch, wie man ein ein Oktett zu zauberhaftem Klangerlebnis vereint. Jeder Tenor ein prächtiges Unikat, jeder Sopran ein geschmeidiges Kunstwerk. Nach einem schweren Ring-Menu nun ein leichter,  capriziöser Nachtisch.

Und Alcina? Da sitzt sie am Ende ganz allein, während die Truppe mit dem Heißluftballon ins ferne Europa abdüst, natürlich ohne James. Der Engländer bleibt der Wissenschaft halber( und wegen des Brexit) auf der Insel zurück. Allerdings nicht bei Alcina, die ist nun doch irgendwie gealtert und flüchtet sich in ein wehmütiges modernes Abschiedslied. Überaus herzlicher Apllaus bei der Premiere. A.C.

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