Chess, OL

Das Musical

Benny Andersson: Musaik, Tim Rice, Idee und Text; Björn Ulvaeus: Musaik;
Originalorchestrierung und Arrangement von Anders Eljas
Deutsche Fassung von Kevin Schroeder; konzertante Aufführung London, 27.10.1984, Szenische Uraufführung: 14. Mai 1986
Premiere im Staatstheater Oldenburg, Juni 2023

Wiederaufnahme August 2023

Musikalische Leitung Andreas Kowalewitz; Oldenburgisches Staatsorchester, Opernchor  und Statisterie des OL Staatstheaters; Regie: Andrea Schwalbach, Dramaturige: Stephanie Twiehaus; Bühne: Stephan Weder, Kostüme: Frank Lichtenberg, Video: Sven Stratmann, Choreographie Kati Farkas, Licht: Arne Waldl u.a.
mit: Ann Sophie Dürmeyer als Gast: Florence Vassy; Marc Clear als Gast: Anatoly Sergiesky; Ruud van Overdijk als Gast: Frederik Trumper; Walter de Courcy: Stephen K.Fosgter; Alexander Molokov: KS Paul BRady; Svetlana Sergievskaya: Martha Eason; Mark Serdiuk: Schiedsrichter; Popchor, Gäste: Vert Bakker, Marlou Düster, Yoko El Edrisis, Brady Harroison, Romeo Salazar, Sarah Steinemer

Schachgenies im Netz der Poltik

Keine Chance hatte das Musical “Chess” zunächst gegen den großen Favoriten “Phantom der Oper” von Lloyd Webber. Erst als sich die zuckersüße Horrorstory der schönen Gefangenen und ihrem verunstalteten Lehrmeister  allmählich auf den etablierten Bühnen langsam ausgerauscht hatte, fand auch “Chess”, das musikalisch härtere, politisch ambitionierte und auf tatsächlich existenter Vorlage basierende Musical mit furios veränderten Hanldungsstrang von Tom Rice und musiklischen Höhenflügen der Abba-Komponisten die gebührende Beachtung. Eine ganze Generation war fasziniert von dieser nach zehn Jahren in Musik und Kunst verwandelten dramatischen Episode zweier Schachgiganten auf der politischen Weltbühne. Boris W.Spassky und Bobby Fischer lieferten sich im Jahr 1972  in Reykjavik ein unsagbares Duell –  nervenzerfetzend, agressiv und unberechenbar  der  Amerikaner Fischer und verunsichert und irritiert der Russe Spassky, der später erklärte “Er, Fischer, sei ihm wie ein Fisch aus den Händen geglitten”, gleichwohl applaudierte er nach der letzten Partie dem zügellosen Sieger (s.auch Programmbeitrag des Staatstheaters).

Die Autoren des Musicals finden aber eine neue, eigene Version, die geschickt die zeitlosen politischen und gesellschaftlichen Zwänge auf der globalen Wettkampfsebene sichtbar machen, die persönliche Entwicklung und Tragik von Spassky und Fischer aber nur taktvoll andeutet.

Oldenburgs Staatstheater ist bekannt für seine oft skurrilen, immer phantasiereichen Dekorationen wie auch für eine emotional geschickte Regieführung, die zuweilen auch schon mal ein wenig irritieren kann, wenn, wie hier, die erste Schachpartie im Tiroler Meran mit extremer folkloristischer Seligkeit serviert wird. Dann aber, und sicher als Gegeneffekt zur scheinbar heilen alpinen Welt durchdacht und gewollt, erfolgt der musikalische Einschlag, der das gesamte Geschehen zwischen Himmel und Hölle der Kontinente im Wechsel heftig aufbrausen und wehmütig verklingen, mit Donnerschlägen wie mit sanfter Trauigkeit begleiten wird. Wobei die evergreens “one night in Bangkok” und “I know him so well” im unvergleichlichen Abba-Sound ohne Rührseligkeit integriert sind.

Zwei extreme Schachspieler von Weltformat aus Amerika und Russland, im Kampf um eigene Vormachtsstellung und um die ihrer Nation, Egozentrik gegen politischen Druck, Genie gegen Wahnsinn. Für Ruud van Overdijk als “Frederik Trumper” eine grandiose Partie, um schauspielerisch wie stimmlich seine musikalischen Qualitäten auf die Bühne mit Verve genussvoll auszuspielen. Wahrlich kein sympatischer Gegner, der zickt und zuckt und unkontrolliert das Spiel durchbricht, um es dann wutentbrannt vorzeitig zu beenden. Marc Clear als eher seriöser Anatoly Sergiesky erträgt dessen Eskapaden halb gelassen, halb fassungslos, während Frederiks Managerin und Lebensgefährtin, Florence, seiner Hysterie nicht länger gewachsen ist. Verständlich, dass er sie damit geradewegs in die Arme des väterlich verständnisvollen Gegners treibt. Und der entscheidet sich daraufhin, um Asyl in dem Land zu ersuchen, das ihn nach allerlei Bürokratiewahnsinn – auch andere Länder können sich dessen also rühmen –  nun zu neuem Ruhm und einer neuen Gefährtin verhilft. Daheim im sowjetischen Reich toben und wüten die Bonzen, und die stets recht gruseligen, variationsreichen choreografischen Arrangements lassen erahnen, welch Schicksal Anatoly Serggiesky erwartet. Denn daheim geblieben sind nicht nur seine Reputation, sondern auch eine verlassene Ehefrau und zwei Kinder.

Es entwickrlt sich ein weiterhin sehr geschickt geführtes Spiel auf mehreren Ebenen, auf denen die sowjetische Funktonärsclique in langweiligen grauen Anzügen auf kleinen Podesten postiert, gegen die grellbunte Show der US Spaßindustrie antritt, die auch ein intellektuell hochwertiges Spiel in ein   Mickeymouce Spektakulum umzuwandeln versteht  – und natürlich, der Gerechtigkeit wegen, auch einen sogenannten Schiedsrichter auf die Beine stellt, der es mit jedem Horrordarsteller aufnehmen könnte. Tatsächlich macht Mark Serdiuk, stimmlich und körperlich ein Dynamo. aus einer kleinen Rolle eine kraftvolle Macho-Schau. Und Paul Brady, gewohnt, sich nicht zur Seite schieben zu lassen, gewinnt seine Zuschauer als absoluter Komödiant, indem er die Hinterlist des Kulturmanagers Molokov als Farce serviert. Großartig. Zwischen allen die klangvolle Partie von Ann Sophie Dürmeyer, ein Musicaltalent mit einer Stimme, die vom Phantom der Pariser Operngeschichte ausgebildet sein könnte.

Die trotz sparsamer Handlung spannende Lebendigkeit der Aufführung verdankt dies einer variationsreichen Bühnenverwandlung und Lichtführung, die nicht nur permanent schillernde und fließende Schachmusterbilder herbeizaubern, sondern sogar echte Akrobaten auf alpiner Kletterwand zeigen! Hier steigen und fallen symbolisch die Künstler mit dem Verlauf des vordergründigen Schachspiels der im zweiten Teil wesentlich angespannteren Kontrahenten und konzentrierterer Handlung. Denn hier geht es nun – in Bangkok, ein Jahr später – nicht mehr nur um den Weltmeistertitel, um den Anatoly Sergiesky, als sympathischer Dissident nunmehr für die US-Seite, und sein stummer Vertreter auf russischer Seite ringen. Wie wird Anatoly spielen? Sich dem als Vorschlag getarnten Diktat der sowjetischen Delegation beugen und verlieren, um somit die Geliebte und die neue Heimat zu behalten -oder sich selbst treu zu bleiben und sich damit zur Rückkehr in die alte Heimat zu entscheiden?

Da weder in der Oper noch im Musical Vernunft noch Schicksal über den Erfolg einer Aufführung entscheiden, sondern immer wieder die Musik und ihre Interpreten – fielen viele Vorhänge, gab es temperamentvolle Zugaben und glückliche Zufriedenheit  auf und vor der Bühne. A.C.

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