Orpheus in der Unterwelt, HB

Die Moral ist egal”/ freches Spiel mit dem Schein des Kaiserreichs
Operette in zwei Akten von Jacques Offenbach
, Uraufführung 1858 in Paris
Text von Hector Crémieux und Ludovic Halévy
Theater am Goetheplatz, Bremen, 2023
Regie: Frank Hilbrich; Musikalische Leitung: William Kelly

Dramaturgie: Brigitte Heusinger, Bühne: Volker Thiele, Kostüme: Regine Standfuss, Chor: Noori Cho, Licht: Christian Kemmetmüller
Darstelller: Oliver Sewell, Diana Schnürpel, Ulrike Mayer, Helmut Baumann/Karsten Küsters stehen im Comeback beide als Styx auf der Bühne; Christian-Andreas Engelhardt, Lilo Wanders als Göttermutter Juno, Maria Martin Gonzalez, Constanze Jader, Miriam Murgulia, Yosuke Kodama
Tänzerinnen: Eleonora Fabrizi,Stefanie Krech, Cleo Mußul, Aniel Agramonte Rivero, Evert Bakker;
Opernchor des Theater Bremen; Statisterie des Theater Bremen

Wenn man sich im Olymp langweilt

“Eigentlich ist die Operette dem Nachtclub näher als der Oper, ” sagt Frank Hilbrich, “Sie war ursprünglich eine unendlich freie, subversive, anarchistische und durchaus erotische Kunstform, deren frivole Aufführungstradition durch den Nationalsozialismus ein jähes Ende fand. Mit unserer Aufführung wollen wir versuchen, die ursprüngliche Tradition der Operettendarbeitung als Opernparodie und Kriitk an Doppelmoral wieder aufzugreifen.”

Ja, und, ist diese Absicht mit dieser zweiten Musikpremiere am Bremer Theater geglückt? Herrschen die öffentliche Meinung oder der Unmut Orpheus’ oder die Langeweile und der Überdruss der Götter?

Nun, alles ist quirlig, musikalisch höchst erfreulich, bunt und brillant, aber – es ist nicht so verstörend wie es seinerzeit wohl zur Urauführung in einer politisch hoch brisanten Zeit gewesen sein mag. Das heutige Publikum ist doch wohl Einiges gewöhnt, und die Erotik, die dem Überdruß der Götter abhelfen soll, die vorsichtigen Bonmots oder Anzüglichkeiten können das Bremer Bremer Publikum nicht von den Sitzen reißen. Aber das ist gut so. Weil sich die Inszenierg und die Darstleler mit dem Orchester verbunden haben und einen klangvollen, harmonsich- heiteren Abend bieten, der mit so exzellenten Stimmen wie dem Supersopran von Diana Schnürpel als umwerfende Eurydike, die sich, gelangweilt mal eben am Klavier, in die Höhen der Königin der Nacht hinaufjubelt, um enttäuscht von der Welt, ihrem Ehemann und dem Leben auf Erden im Allgemeinen über die Arie hinweg aufs Piana niedersinkt. Tja, wenn sie doch nur loskäme vom dem Böldmann, der sich als Held und Musiklehrer geriert und ihr doch nichts bieten kann als bödes immerwährenden Üben und Zanken…

Un Oliver Sewell hat es wirklich schwer, ihr als Ehemann und klasischer >Orpheus die Stirn zu beiten. Er hat auch ga in diesem Sängerkampf auch gar nicht so viele Noten zur Verfügung, so dass er sich schließlcih geschlagen geben muß, zertrümmert wie seine arme Violine, die Eurydike ihm  mit theatralischem Abgang unbarmherzig vor die Füßte schmettert.

Das sieht nämlich schon ganz anders aus als im Orginal. Beide Eheleute haben einen anderen Schatz, Orpheus eine ihn verehrende junge Schülerin und Eurydike einen smarten Sänger, der sie anhimmelt, owohl er direkt aus der Hölle tmamt… Abewnteuerlustig wie liebeshungrig folgt die schöne Sängerin ihm freudig in den Tod,mit nettem Abschiedsbrief. Orpheus folgt ihr widerwillig – weil die öffentliche Meinung (Ulrike Mayer sehr markant), sich als bürgerliche Moral aufplusternd diese liderliche Auseinanderdriften von ehelichen Gemeinschaften strengsten untersagen möchte. Worin sie übrigens auch mit Juno – von der aparten Lilo Wanders mit passenden Couplets begleitet – als Hüterin der Ehe und als vielfach betrogene Göttergattin natürlich übereinstimmt. Und wie sagte einst die Gattin eines französischen Politikers:”In unseren Kreisen läßt man sich nicht scheiden”. Und das ist noch gar nicht so lange her.  Die öffentliche Meinung steht hier eigentlich am Pranger, die gute biedere, bürgerliche Moral, die Wahrung des Scheins, der Menchen zwar ins Unglück stürzt, aber die Gesellschaft insgesamt stärkt. Was ja auch das Credo der katholischen Kirche in vielen Ländern geblieben ist.

Doch die Zeit bringt alles zum Einstürzen.

So war es zu Offenbachs Zeiten auch, und dann stürzte ja bekanntlich ein ganzes Reich in sich zusammen, bis es wie Phönix aus der Asche wieder auferstand. Und heutzutage? Sind wir blind oder gutgläubig oder einfach nicht nur wachsam genug? Dafür hätten die Affronts in diesem Spiel ruhig härter, zielgerichteter und aktueller sein dürfen, denn auf behutsame Hinweise reagieren wir schon gar nicht mehr. So zieht sich die inszenierung doch in mittlerweile gewohnten Bahnen hin. Die Götter aalen sich schläfrig auf dem Olymp bis Plutus’ Entführung der irdischen Eurykie nicht nur Jupiter wütend macht, sondern auch die Gattin, wenn auch aus anderem Grund, und die übrige Göttermischpoke sich nach erfolgreicher Revolte gegen ihren Chef himmlisch auf eine unterirdische Party mit echtem Höllenpunsch freut, des ewigen Honigsaftes und der Bevormundung überdrüssig. Und so findet sich auch der große Schwung im Spiel allmählich ein, als die Götter tanzen und singen, der Can Can zaghaft! aufbraust, (am Einsatz mehrerer Tänzer hat man leider gespart) und Jupiter die Einbürgerung von Eurydike unter Bacchus’ Fuchtel und Führung stellt. Orpheus zieht zufrieden wieder erdaufwärts, natürlich dreht er sich nun mit Vergnügen um, und Euryke darf bleiben, nur die Öffentliche Meinung ist wütend. Na ja, der Mensch denkt und Gott lenkt. Sagte man einst.

Viel Spaß also mit dieser charmanten Operrette, die mit vielen Gags und natürlich viel Schwung auch terminlich ins neue Jahr führen wird.  Zum historischen Kontext führt das ausgezeichnete Programmheft! A.C.

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