Die tote Stadt, OL

von Erich Wolfgang Korngold
Oper in drei Bildern

Text von Julius Korngold, alias Paul Schott nach dem Roman ‚Bruges la morte‘ von Georges Rodenbach
Oldenburgisches Staatstheater, 2023

Musikalische Leitung: Hendrik Vestmann, Staatsorchester Oldenburg, Regie und Licht: Christoph von Bernut; Dramaturgie: Stephanie Twiehaus, Bühne, Kostüme, Licht: Oliver Helf, Licht: Steff Flächsenhaar,Choreografie: Antoine Jully, Chorleitung: Thomas Bönisch u.a.m.
mit: Vincent Wolfsteiner (Gast): Paul; Sarah Gartland (Gast): Marietta; Ann-Beth Solvang: Brigitta; Kihun Yoon:  Frank; Leonardo Lee: Pierrot; Paola Leoci/Elena Harsányi: Juliette; Melanie Lang/Marie-Sophie Janje: Lucienne; Mark Serdiuk: Victorin; Gabe Clarke/Johannes L.Maas: Graf Albert; Nathalie Kien/Samira Janssen: Marie (Pantomime), Tänzer/innen: Aurora Brocchi, Andréanne Brosseau, Jenny Ecke, Eli Hooker, Veronica Parlagreco, Alessia Vinotto, Opernchor,Kinder- und Jugendchor

 

“Triumpf des Lebens”

Mit dem Roman ‚Das tote Brügge‘ veröffentlichte der belgische Symbolist Georges Rodenbach 1892 einen Bestseller des Fin de siècle: Parallelen ziehend zur einst florierenden und nun in Agonie verfallenen flämischen Handelsstadt erzählt er die Geschichte von einem jungen Witwer, der sich emotional so sehr an die Vergangenheit und seine verstorbene Frau klammert, dass er sogar an ihre Wiederkehr in Gestalt einer anderen glaubt. Er lässt sich auf eine Affäre ein, die zu einem traumatisch-surrealen Erlebnis wird und ihn gerade dadurch von seiner seelischen Obsession befreit.
Viele, darunter Schnitzler und Hitchcock, ließen sich von dem Stoff inspirieren, dessen Opernbearbeitung den 23-jährigen Wiener Erich Korngold 1920 über Nacht zum Star machte. Bei ihm ist die Nähe zu Sigmund Freud unverkennbar:
„Die Toten schicken solche Träume, wenn wir zu viel mit und in ihnen leben“, erkennt der Protagonist und erlebt am Ende — so auch der ursprüngliche Titel der Oper — den „Triumph des Lebens“. Text: Programmheft

 

“Korngolds Musik zeichnet eine reiche, teils süßliche Melodik kombiniert mit farbiger Instrumentation aus” so bezeichent ein Opernführer dessen Oevre. Das mag in manchen seiner vielen Kompositionen zutreffen, In der “Toten Stadt” allerdings läßt das Orchester all diese Einstufungen weit hinter sich, sondern steigt sogleich furios, dramatisch und emphatisch in das Seelentief des in seinen Wahnvorstellungen einer lebendigen Toten verhafteten Paul ein. Fast ein Wettstreit an Machtfülle der Emotionen zwischen dem stimmgewaltigen Vincent Wolfsteiner und den schmetternden, dröhnenden Blechbläsern und Schlaginstrumenten im Graben. Aber nicht weniger stark erscheint auch seine Haushälterin Brigitta, die sich vergeblich um das seelische Gleichgewicht ihres alten Freundes sorgt. Ann-Beth Solvang gibt ihrer Besorgnis tiefe Rühung, ohne ins Sentimenale abzugleiten. Und auch der alte Freund Frank, Kihun Yoon, zeigt wie felsenfest er den aufbrausenden Gefühlen des Witwers Stand zu halten vermag. Schleichend, schwirrend, unauffällig und doch präsent ist der zierliche Geist der Verstorbenen in dem grauen, dunklen Wohnungsverlies, zieht er doch immer wieder Paul in seinen Bann. Das alles schlägt auf Ohr und Gemüt bis jäh eine Lichtgestalt, beinahe ein Zwilling der tote Marie, flott und forsch, und sehr lebendig auf der Treppe ins untere Grabeszimmer hinabgleitet und das pure Leben verkündet. Die Musik verliert ihre dunkle Melancholie, ihre düstere Tonalität und läßt Flöten und Harfen und Streichern Raum, wenngleich nocht immer keine Engelstöne erklingen;  denn in heftigster Weise kämpft hier nun Lebenslust gegen Todessehnsucht. Und diese Marietta von Sara Gartland weis den eigentlich liebeshungrigen Paul schnell zu verführen. Stimmlich von gleicher Kraftfülle und von eleganter Körpersprache zieht sie den widerstrebenden, zweifelnden, wankenden Paul mit ihrem Lied “Glück, das mir verblieb” in eine alte Erinnerung, und er verfällt der Schönen im wahnwitzigen Glauben, seine Marie sei als Marietta wieder auferstanden…

Und jäh auch öffnen sich die mausgrauen Wände und beleuchten eine skurrile Theatergruppe, zu der Marietta gehört; drapiert auf einer Treppe in bunten Kleidern der Commedia dell’arte präsentiert sich das Bildnis einer lebendigen, lebenstollen Truppe, die es nicht so genau nimmt mit der Betulichkeit bürgerlichen Anstands und schon gar nicht mit der Bigotterie eines Paul, der mit dem Erscheinungsbild von Nonnen und Kirchenglockenklang in eine bigotte Düsternis zurückzufallen droht. Nicht von ungefähr spielt die Schauspielgruppe die Geschichte von “Robert der Teufel”, der, vom Glück verlassen, vom Vater betrogen, von toten Nonnen getäuscht, seinem Schicksal ausgeliefert ist, und erst durch die Liebe zu Isabell gestärkt, der Höllenpein entgeht.
Voller Zwiespältigkeit verfolgt er widerstrebend den wilden Hexentanz einer sich vervielfältigenden Marietta, gebannt und zugleich voller Eifersucht –  und flieht enttäuscht zurück in seine Gruft zu der “echten”, sanften, frommen Marie. Ihr Bildnis fest an die Brust gepresst, versucht er ein letzes Mal, Frank und Brigitta und der kampfbereiten und wenig ehrfürchtigen Marietta zu widerstehen, als das Leben, das Leiden und die Liebe ihn schließlich übermannen und er der Toten Lebewohl sagen kann. In dieser Bandbreite der Emotionen tummelt sich das Orchester mit expressiver Kraft. So vital erlebt man “die tote Stadt” wohl nicht alle Tage. A.C.

 

 

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