Vor Sonnenaufgang, B

nach Gerhard Hauptmann
von Ewald Palmetshofer

Theater am Goetheplatz, April 2024
Regie Klaus Schumacher, Dramaturgie Sonja Szillinsky, Bühne Katrin Plötzky, Kostüme Karen Simon, Musik Tobias Simon, Licht Chritian Kemmetmüller

mit: Guido Gallmann, Susanne Schrader, LiekeHoppe, Judith Goldbertg, Simon Zigah, Alexander Swoboda, Martin Baum

 

Was von Hauptmann übrig blieb…

Vielleicht ist der „Sonnenaufgang“  von Gerhard Hauptmann eher ein realistischer Sonnenuntergang und heute wirklich nicht mehr so originell – wo ein neureicher Landwirt, Schwerstalkoholiker in einer ebensolchen desaströs trinkenden Familie die Atmsosphäre vergiftet, in der keiner dem anderen wohlgesonnen ist, jeder nur um sich selber sorgt und klagt, und der unangekündigte Besuch des früheren Freundes jäh die realen Abgründe sichtbar macht, in denen alle Mitglieder der reichen Familie wie Fliegen in der Falle festkleben.

Aber was der österreichische Autor Palmershofer und Regisseur Schumacher mit dem Bremer Ensemble nun aus diesem Sozialdrama machen, ist auch nicht gerade originell. Der alte Plot bleibt: ein neureicher Unternehmer, diesmal in der KFZ Branche, trifft mit seinem ehemaligen Studienfreund zusammen, und es tun sich eigentlich nicht ganz ungewöhnliche normale Divergenzen in ihrer Weltanschauung und Entwicklung auf: die beiden Studenten von einst haben sich in ihren Idealen und Lebensumständen sehr weit voneinander entfernt und können nicht wieder zusammenfinden; Einem Boxkampf ähnelnd, kämpfen Utopist und Realist um ihre Weltsicht und Existenz: Der Mensch ist, was er ist oder: er ist das, was er aus sich macht bzw. die Umwelt aus ihm macht. Aber ihre Anschauungen finden keinen gemeinsamen Nenner, sondern driften immer weiter auseinander.

Thomas Hoffmann, von Simon Zigah als selbstbewußter, moralisch unbeweglicher Unternehmer wie auch bärentolpatschiger Ehemann vorgeführt, ist Schwiegersohn und Geschäftsführer des reichen Egon Krause, der als einziger noch kräftig dem Alkohol zuspricht. Guido Gallmann spielt diesen Mann ebenso abstoßend wie bemitleidenswert. Dessen älteste Tochter Martha (Judith Goldberg), Ehefrau von Thomas Hoffmann, ist hochschwanger, unzufrieden, agressiv und hysterisch, obwohl Thomas eigentlich immer springt, sobald sie ruft oder klagt. Die geplagte Gattin des im permanenten Delirium befangenen Krause ist mit Susanne Schrader eine flotte, tatkräftige Frau, die dem Alten zwar widerwillig, aber getreu dem Motto, lieber einen alter Säufer ertragen und dafür viel Geld haben, immer noch zur Seite steht. Als Stiefmutter seiner beiden Töchter kämpft sie um deren Liebe vergeblich. Denn auch die jüngere der beiden, Helene, ist ihr nicht zugetan. Lieke Hoppe, recht apart mit flotten Sprüchen, zuweilen somnambul unbeholfen, driftet intellektuell-halluzinatorisch in eine andere Welt ab. Real jedoch findet  sie Gefallen an dem Besucher Albrecht, der da unbeholfen und wortkarg in ihre depressive Gefühlsverwirrung eindringt. Alexander Swoboda als Studienfreund und Marxist Alfred Loth offenbart Gesinnung und gesellschaftliche Einstellung als investigativer Journalist in violetten Klamotten, Schlabberpullover und Jogginghosen und ist mit viel philosophischem Überbau befrachtet. Eigentlich will er Thomas auf den Zahn fühlen, der als Ratsmitglied für eine dubiose Bauentscheidung verantwortlich ist, in der die Gemeinde anstelle von Sozialwohnungen den Bau neuer Fabrikhallen für die Wirtschaftsförderung, in diesem Fall wohl eher für die von Familie Krause, beschlossen hat. Dass er sich in Thomas‘ Schwägerin Helene verliebt, war eigentlich nicht vorgesehen. Und das merkt man ihm deutlich an: In emotionaler Hinsicht völlig hilflos.

Das alles wird erst ziemlich spät deutlich, weil Palmershofer, der sich als Retter und Modernisierer von Hauptmann versteht, seine Protagonisten nur in fragmentarischen Sätzen agieren lässt, und man sich so die unausgesprochenen Vorwürfe, Enttäuschungen, Lebenslügen und dergleichen Frustrationen zusammenreimen muss –  was aber im Anblick der locker flatternden Plastikvorhänge am Umbau des alten Familienhauses symbolisch vermittelt wrden soll.

Dass  die hochschwangere, psychisch labile Martha ständig die steile provisorische Holztreppe hoch und runter turnen muss  und sich dabei wohl doch einiges in ihrem Körper verändert, wie man am Schluss erfahren wird, scheint nicht ganz von ungefähr zu kommen. Genetisch ist hier jedenfalls nichts, wie noch beim Original  des Stückes die  Alkoholsucht am Untergang des Hauses Krause die Schuld trägt. Sowohl die Hypertonie als auch die Depression der jüngeren Schwester scheinen für den nun endlich hinzukommenden dritten Freund des alten Studentenbundes, Hausarzt  Peter Schimmelpfennig, doch wohl eher in der psychologischen Struktur der Familie zu liegen. Mit Martin Baum treffen wir auf einen ziemlich nervösen, unstrukturierten, ebenfalls vom Leben enttäuschten und  frustrierten Landarzt.

Dass mit einer starken Schlußszene am Ende das Haus zusammenbricht und die ganze Mannschaft unter nebelgrauem Gerölldunst wahrscheinlich nicht in den Himmel hinauf, sondern eher in die Familienhölle hinabfährt, ist vorstellbar – und dass der verliebte, aber lebenbsuntüchtige Albrecht Helene fluchtartig und wortlos in ihrem Unglück verlässt, spricht auch nicht für einen einfühlsamen und handlungsfähigen Journalisten.

Somit ist diese Inszenierung in vielen Facetten ein interessanter Versuch, aber keine befriedigende neue Umsetzung des klassischen Dramas, obwohl uns der schwere schlesische Urdialekt erspart bleibt und die literarische Sprache von Gerhard Hauptmann zuweilen doch noch durchschimmert.  Ein Fall jedenfalls fürs Klassenzimme! A.C.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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