Eine Minute der Menschheit, B

Nach Stanislaw Lem  
Aus dem Polnischen von Edda Werfel
In einer Bühnenfassung von Anita Vulesica und Lilly Busch, Uraufführung
Deutsches Theater, Berlin, 2025
Regie Anita Vulesica, Dramaturgie Lilly Busch, Bühne Henrike Engel, Kostüm Janina Brinkmann, Choreografie Mirjam Klebel, Komposition Anita Vulesica, Yannick Wittmann, Musik Marcel Braun, Video Phillip Hohenwarter, Licht Matthias Vogel
mit: Moritz Grove als Prof.B.J.Manhattan, Frieder Langenberger als Dr. STnaley, Katrija Lehmann  als Dr.Dr.Crawley, Benjamin Lillie als Go Jo Go Missinger, Wiebke Mollenhauser als Dr. Sharkey, Evamaria Salcher als Dr. Aileen Dopamin Roger,  Brigitte Pohlmann als Johnson and Johnson, Edith Riewer, Frank Schmiechen, Heidi Trull als Statisterie.

“Niemand liest etwas; wenn er etwas liest, versteht er es nicht; wenn er es versteht, vergisst er es sofort – das ist das Lemsche Gesetz” (Stanislaw Lem)
So und ähnlich stellt der polnische Visionär und Kritiker der Menschheit sein als Essay verfasstes Traktat 1983 in den Mittelpuntk einer Statistik, die veranschaulichen soll, was die Menschheit in einer Minute tut, und es doch eigentlich unmöglich ist, diese Aufreihung tatsächlier Aktivitäten der gesamten irdischen Population aufzureihen und festzuhalten. Daher gibt es auch eigentlich kein Buch darüber, sondern nur den Versuch von Lem, der diese absurd klingenden Momentaufnahmen als Rezensent darüber zu verfassen. In der Bühnenfassung verwandelt die Autorin und Regisseurin Anita Vulesica diese Betrachtung in ein literarisches Septett, das sich auf dem 78.Weltkongress für Zukunde und Temporistik trifft, um über dieses “Buch” lebhaft, skurril, mit hohem eigenen Befindlichkeitsanteil zu diskutieren und zu streiten. Es wird von den bunt und grotesk gekleideten und erotisierenden Protagonisten nicht viel mehr als eben das Skurrile der Menscheitsmentalität, ihr Verhalten, ihr Zustand, ihre Absichten und Unmöglichkeiten karikiert und ad absurdum geführt. Mittendrin ein äußerst temperamentvoller, artistisch umherflutender Conferiencier oder Gesprächsführer, der mit überschäumendem Engagemement sich selbst dazustellen und die Gemeinschaft erfolglos in ihrer Unordnung eine Richtung zu geben versucht. Doch wahrschenlich ist das auch schon wieder eine Absurdität unter Intellektuellen, einem Ziel konseqent zu folgen und dabei die eigenen Eitelkeiten zur Seite zu stellen.Unmöglich.

Dabei gilt es, das Lemsche System zu verdeutlichen, das auf einer Betrachtung des ursprünglichen  Zustands der Menschheit beruht, die sich in ihren Entwicklungsphasen als unfähig erwies, sich zu begrenzen und einzuschränken, in einemfort voranstrebte, ohne jemals die Konsequenzen aller Forschung und Entwicklung aus der Vergangenheit als Warnung vor einer letzendlich sich selbst vernichtenden Endzeit zu beachten. Es ist eine Vision (wie auch bei Orwell), die uns heute grausamerweise beinahe schon als Realität erscheint, und man wird das Gezeter auf der Bühne  letztlich als ein Spiegelbild unserer Zeit, ihrer Kolumnen und unentwegt sich selbst beruhigenden Wissenschaft erkennen könnten.

Über der Bühnenebene im flirrenden Lichterkranz umrahmt von ,einer symbolisch tickenden Zeituhr, thront das Verfasserpaar dieses Traktats, Johnson und Johnson, unbeweglich wie Wachsfiguten, das sich in der Analyse all dieser Ungeheuerlichkeiten, die die Menschheit Fortschritt nennt, durchaus im Klaren, aber mit keinerlei Regung imstande ist, dem wirren Tun und Walten der jetzigen Zeit  Einhalt zu gebieten. Wer letztlioch wen beherrscht, noch immer die Menschen die Technik oder längst umgekehrt, ob die künstliche intelligenz einst auch fähig sein wird, Emotionen zu bewältigen, ob eine digitale Überwachung totalitären Systemen in die Hand spielen wird, wie es Orwell in schrecklichster Weise vorhersagte, ob vielleicht doch Intellekt, Literatur, Kunst und Kultur im umfasenden Sinn das Miteinander der Menschen vor der drohenden Digitalisierung schützen kann und somit der Menschheit Einhalt in ihrem Drang, sich selbst auszulöschen, gebieten muss, das  soll wohl die Botschaft dieses Abends sein, als Hoffnung und Frage im Raum stehen. Zumal die Inszenierung in aller Wirrnis eine Menge Humor aufbringt. A.C.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


fünf × 6 =