Lady Macbeth von Mzensk, OL

 Foto: Stephan Walzl

 von Dimitri Schostakowitsch, Oper in vier Akten, Urfassung von 1932; Libretto von Alexander Preis und D. Schostakowitsch nach dem gleichnamigen Erzählung von Nikolai Leskow 

Anlässlich des 120. Geburtstag von Dmitri Schostakowitsch zeigen wir einen Einblick in das vielseitige Werk des Komponisten beim 5. Sinfoniekonzert am 22.2. und 23.2.2026.

Staatstheater Oldenburg, Premiere 7.2.2026
Musikalische Leitung: Rasmus Baumann / Vito CristofaroRegie: Joan Anton RechiBühne und Kostüme: Markus Meyer
Studienleitung: Paul PlummerLicht: Steff Flächsenhaar, Carsten LenauerDramaturgie: Antje Müller,
Oper- und Extrachor , Oldenburgisches Staatstorchester und Statisterie

mit: Boris Timofejewitsch Ismailow: Ralf LukasSinowi Borissowitsch Ismailow: Jonathan Abernethy / Ji Woon Kim
Katerina Lwowna Ismailowa: Shelley JacksonSergej: Jason KimAxinja: Marija JokovicDer Schäbige: Seumas BeggVerwalter: Irakli AtanelishviliHausknecht: Seung Jin Park1. Vorarbeiter: Mykola Pavlenko2. Vorarbeiter: Volker RöhnertKutscher: Benjamin ParkMühlenarbeiter: Stephen K. FosterBetrunkener Gast: Sandro MontiPope: Seugweon LeePolizeichef: Aksel DaveyanPolizist / Sergeant: Ryan StollLehrer: Johannes Leander MaasWächter: Philip ZehnoffSonjetka: Dorothee BienertAlterZwangsarbeiter: Irakli AtanelishviliZwangsarbeiterin: Taylor HainesGeist des Boris Timofejewitsch: Ralf Lukas

Zwischen  Recht und Gerechtigkeit

Diese Lady Macbeth fußt auf einer Erzählung von Nikolai Leskows gleichnamiger sozialkritischer Novelle und wurde 1934 uraufgeführt und zwei Jahre lang pausenlos in allen Städten Russland mit Begeisterung aufgenommen bis Stalin selbst eines Abends in der Oper zu sehen sich herabließ und von den enormen ekstatischen Orchesterklängen derart überrumpelt und brüskiert war, dass er die Aufführung fortan verbot.
Die Vita des Komponisten, sein leidvolles Arbeiten während seiner ganzen Lebenszeit – und er schuf eine Unmenge von großen Werken, Theaterstücken, Symphonien, usw.,-  scheint wohl zuweilen dem Wunsch der Mächtigen enttsprochen zu haben, aber wer Schostakowitschs Musik nicht nur zu hören, sondern auch zu lesen verstand, konnte sehr wohl herausfiltern, in welch unerhörtem Maße Anklagen und Kritik auf die Verhältnisse der stalinistischen Ära in ihr brillant verborgen waren. Dass in dieser ersten Oper von Schostakowitsch mehr als nur die Offenlegung sexueller Brutalität und Machtmissbrauch zum Alltag der wehrlosen verarmen Bevölkerung Russlands gehörten, war jedem bewusst, durfte aber im Zeichen des Kommunismus nicht erwähnt werden.
Zur Aufführung
Wie soll man diese außergewöhnliche Stimme von Shelley Jackson beschreiben, die als Katerina Lwowna Ismailowa die geschundene Kaufmannsgattin spielt, unter der Fuchtel des gierig-geilen Schwiegervaters Boris, einem impotenten Ehemann und einem wütenden Arbeitermob steht, der sich nicht scheut, das Hausmädchen en masse zu vergewaltigen. Diese Katarina ist selbst tongewordenes Elend, das klar und machtvoll aus ihr heraus herausbricht, mit nachklingendem Schmerz, tobend gefährlich, leidenschaftlich zerstörend, sehnsüchtig leuchtend als Liebende. Und sie zeigt uns nicht nur, welche Demütigungen sie als „nutzlose“ geächtete arme Schwiegertochter zu erleiden hat, sondern auch und vor allem immer wieder ihren Gemütszustand –von gähnender Langeweile- die sie fast erdrückt – ebenso wie die unendliche Frustration einer jungen unbefriedigten Ehefrau in einem leeren Leben, dessen Sinn sie verzweifelt sucht – und dann jäh findet in dem neuen Arbeiter des Guts, einem handfesten, um nicht zu sagen derben, aber sicher gerissenen und eigennützigen Frauenhelden und Draufgänger. Für den schnell herbeigezauberten russischen Gastsänger, der die Rolle in originaler Sprache sang, mochte das so wenig emotional reagierende Publikum (So etwas wie Szenenapplaus gibt es nur ganz selten im Staatstheater und auch das nur bei jungem Leuten) vielleicht eine Enttäuschung sein. Aber er war schon in allem eine echte Bereicherung, von stattlicher Figur und von vital-rauher Ausstrahlung als Sergej, der selbst die blutigen Peitschenhiebe des neid- und hasserfüllten Gutsherrn Boris erträgt, um diese schöne Frau zu besitzen und mit ihr eines Tage sogar Haus und Hof zu erben, sobald auch der Ehemann irgendwie ausgeschaltet sein wird…
…denn in diese leidenschaftliche Liebesbeziehung kehrt nun jäh, aufgescheucht durch die ländliche Gerüchteküche, der Ehemann, von seiner Dienstreise zurückgekehrt, und erniedrigt seine Frau mit niederträchtigen Beschimpfungen und geißelt sie mit Gürtelhieben. Sergej eilt Katerina zur Hilfe, prügelt sich mit Ehemann Sinowi und – der Augenblick scheint günstig – erdrosselt ihn sogleich mit Katerinas Hilfe. Für den schönen Tenor Jonathan Abernathy gibt es in dieser Inszenierung leider nur wenige kurze Gesangspartien, man hätte gerne mehr von ihm gehört, aber sein schneller Tod ließ eigentlich auch wenig Emotionen und Schuldzuweisungen zu. ..
…wie auch der Mord zuvor am Schwiegervater  – dem Katerina tödliches Pulver in das nächtliche Pilzmahlzeit zu mischen sich entschloss, um weiterer Drangsal und drohender Vergewaltigung zu entrinnen –  dem Mord an dem Ehemann vorausgegangen war, und Katarina diese beiden Taten sichtlich schmerzlich bereut.
Die Leichen werden entsorgt, aber nicht sorgfältig genug, so dass der komische Landstreicher auf der Suche nach Alkohol den Deckel der Limousine aufklappt und den toten Junior des Hauses findet- und der Polizei meldet. Wie auch der Mord an dem Alten dem Dienstmädchen nicht verborgen bleibt, das zwar schweigt, aber mit Geld bestochen, sich nun ebenfalls mitschuldig macht.
Zwei makabre Inszenierungsgags, die der Musik die gesamte Dramatik überlassen, um nicht mit überquellender bildhafter Grausamkeit das Publikum hier verschrecken. Also nur minimalistisch: eine vorsintflutliche Mercedes Limousine auf der Bühne dient als Zeichen von Mobilität, die das arme Landvolk nicht hat, zugleich auch als Bettstatt für die große Leidenschaft, aber auch als Leichenstätte und allerlei Getümmel und Aktionen auf, neben, im und über dem Gefährt, was für die Protagonisten sicher nicht immer ganz leicht zu bewältigen ist. Auch ein Geist am Steuer und eine Verführung auf dem Rücksitz, ebenso elegisch wie orkanhaft vom Orchester celebriert, kann auch als humoreske Beigabe gewertet werden.
Und auch der echte Sahnetorte schlemmende Priester, der so gar nicht ehrlich, geschweige denn wirklich fromm ist, gehört zum tröstlichen Spott des Stückes, und den spielt Seugweon Lee genussvoll aus. Und auch die Polizei – dem Chor und Extrachor noch einmal ein Lob, dessen Sänger jetzt sogar in Uniform noch schwere Leibesübungen absolvieren müssen – wird lächerlich in ihrer dümmlichen Gefährlichkeit gemacht. Weil sie nicht zur Hochzeit eingeladen sind, machen sie sich mannschaftsstark auf, das geständige Brautpaar in Handschellen zu legen.

Die Bühne selbst bleibt überwiegend im Halbdunkel, eingerahmt im Hintergrund von diffusen baumartigen Schatten, grauen Wänden und einem sich auflösenden Hintergrund, aus dem auch der Geist des ermordeten Schwiegervaters Boris heraustritt und Katerina in furchtbare Seelenpein versetzt, eine Schwärze, aus der die Lebenden kommen, um viel Unheil anzurichten. Später dann gruselig gleißende Helle vor dem Treck der verdammten und verurteilten Leute, die mit den Mörderpaar in Ketten in die unbekannte, unendliche triste Verbannung geschickt werden. Der Chor, der nicht nur fantastisch singt, sondern auch stets in Rollen als Volk mitspielt und wunderbar agiert, zeigt, dass in solcher Not der eine des anderen Wolf ist. Diese Szene is tin ihrer absoluten Erbarmungslosigkeit der wirklich erschütterndste Moment dieser Aufführung.
Aber es kommt noch schlimmer noch: Katarina muss die Treulosigkeit von Sergej bitter büßen, der in dem Zug der Gefangenen eine neue Liebschaft begonnen hat und Katarina sogar noch um ihre schützenden Strümpfe betrügt. Und wieder bricht für diese Frau eine Welt, die schon gar keine mehr ist, zusammen. Gefangen und verurteilt ja, aber mit Sergej als rettendem Anker, und nun ist auch der fort. Und wieder zerschmettert Katarina ein seelischer Axthieb, den sie nicht mehr bewältigen kann. Sie selbst wird den Tod in einem nahegelegen See finden, aber zuvor ertränkt sie die junge Nebenbuhlerin.

Drei Morde, was zeigt das? Menschen in Not, Wölfe im Schafspelz, der Schrei der Unterdrückung, die Ohnmacht der Misshandelten.

Begeisterter Applaus am Ende für die ganze große Mannschaft inclusive einem großartigen Orchester, das brilliant alle Facetten ausspielte, derer es bei diesem Komponisten bedarf! A.C.

 

 

 

 

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