Fedora, B
von Umberto Giordano (1867-1947)
Melodramma in drei Akten. Nach einem Libretto von Arturo Colautti,
basierend auf Voctorien Sardous Theterstück “Fedora”
Uraufführung am 17.11.1898 am Teatr Lirico Mailand
Deutsche Oper Berlin, Premiere am 27.11.2025
Musikalische Leitung: John Fiore, Inszenierung: Christof Loy, Dramaturgie: Konstantin Parnian, Chor: Thomas Richter, Szenische Einstudierung: Anne Tomson, Ausstattung: Herbert Murauer, Licht: Olaf Winter, sowie dem Orchester und Chor der Deutschen Oper Berlin
mit Vida Mikneviciutè als Fürstin Fedora Romazov, Jonathan Tetelman als Graf Loris Ipanov, Julia Muzychenko als Gräfin Sukarev, eine rusische Emigrantin und Navasard Hakobyaan als Giovanni de Siriex,französischer Dipomat u.a.
Vom Schauspiel zum veristischen Musiktheater
Jeder Ton eine Träne
Umjubelt wurden von allen natürlich die letzten Szenen, die Abschied und Tod verkündeten und eine ewige fehlgeleitete große Liebe, wie sie in jedem richtigen Theater und in allen dramatischen Opern zum großen Sujet wird, ihren Abgang findet.
Als Umberto Giordano die Geschichte der Feodora zum ersten Mal auf der Bühne sah, hatte es ihn sogleich kalt erwischt. Er kam nicht mehr von dem fantastischen, spannenden Aufbau dieser großen Liebeserzählung frei. Doch es bedurfte eine intensiven langwährenden Überredungskunst, den Dichter von einer Vertonung seines Dramas zu überzeugen. Zwölf Jahre beschäftigte sich der Komponist mit Fedora bis „sein Erfahrungsschatz zum Erfolg seiner Vertonung der Schauspiels gelang“. Und er gehörte fortan jener Komponisten- Generation an, die sich mit dem Schritt vom 19. Ins 20 Jahrhundert einem Erneuerungsprozess aussetzte, der von italienischen und französischen wie auch von Richard Wagner dominierten Vorlagen vorangetrieben wurde und eine grundsätzliche Stellung des erzählenden Librettos zum zentralen Bestandteil der Komposition erhob. Damit war sozusagen das Operntheater in seiner besten Form aus der Taufe gehoben, wobei sich fortan bei allen Komponisten die Stilschattierungen doch noch ihren eigenen Anspruch erhoben. Nun galt es nämlich, den Gesang derart in den Mittelpunkt in seiner dramatischen Hauptrolle zu benoten und zu verifizieren, dass er nicht mehr reine Opernpoesie verkörperte, sondern echtes lebendiges Leben.
Der Opernkenner wird seine wahre Freude an dem musikalischen Fundus haben, der in dieser vielseitigen, hocheleganten und spannungsgeladenen Oper steckt. Auch der pure Freund der Musiktheatervariationen durch alle Jahrhunderte hinweg wird nicht umhin können, die großartig angesetzte – einer realistischen Novelle ähnlichen Konstruktion der Vorbereitung auf die zwingende Abfolge der tragischen Handlung – beinahe fiebernd mitzuerleben.
Da bahnt sich gleich zum Beginn im leeren, beinahe spartanisch einfallslosen Vorsaal des noch abwesenden Hausbesitzers und Verlobten der jungen Gräfin das Schicksal an: der Bräutigam ist nämlich noch nicht zum ersten Stelldichein erschienen, und die schöne Fedora kennt bisher nur ein Bildnis von Wladimiro, dem Sohn des russischen Polizeichefs, in das sie sich sogleich verliebt hat. Während sie in großer Robe und Aufmachung dieser ersten Begegnung harrt, plaudert die Dienerschaft im Hintergrund aus, was Fedora nicht wissen darf, aber wir als Publikum natürlich wahrnehmen sollen, dass der Bräutigam nämlich nicht nur ein Liebhaber des Weines und des Glückspiels, sondern auch der Frauen und total verschuldet ist. Und während wir noch das schöne traurige Porträt der jungen Braut per Video bewundern, tritt die erste Katastrophe ein: der Mann, auf den alle warten, trifft schwer verwundet auf der Bahre ein, und der Arzt, der ihm folgt, schirmt alle, auch Fedora, vor dem Anblick des Schwerverletzten ab. Aber sie erfährt, was ihr fortan das Leben schwer machen wird: es soll sich um einen Kampf mit dem Grafen Loris Ipanov, einem Nachbarn dieses Hauses, handeln. Den Grund des Duells allerdings kennt niemand. Was man munkelt, bleibt im Dunklen.
Die Braut schwört, tief trauernd bereits um den Verstorbenen, gnadenlose Rache an dem Grafen, dem sie bisher noch nicht begegnet ist. Aber ihrem frühen Schicksal als Beinahe-Witwe gebührt, gesellschaftlichem Anstand entsprechend, entsprechende Vergeltung. Das ist der erste Akt. Und man hört und ahnt, wozu diese Frau großer pathetischer Gefühle fähig ist. Aber da nun weitere Beteiligte mitspielen und ihr Schicksal die ihnen angemessene Rolle haben muss, zeigt sich bereits eine flotte Cousine(Julia Muzychenko) erst einmal von einer äußerst lebenslustigen Seite, flirtet und singt sich apart mit typisch volkstümlich austarierter Melodik und Rhythmik durch die hochvermögende Männerweltwelt, führt sie an der Nase herum, bleibt dann doch einem langhaarigen polnischen Chopinpianisten treu, der sich hernach noch leider als feindlicher Spion entlarvt werden wird.
Während der nächtlichen Musikparty, und das ist ja bildtechnisch die große Kunst von Regisseur Christof Ley in allen Inszenierungen, die man bisher von ihm sah: dass er die Handlung auf zwei Ebenen hebt, in der vorderen entfaltet sich die gegenwärtige Handlung, während wie in einem Schaukasten, prächtig umrahmt auf der höheren Ebene, das Geschehen zum Genrebild erstarrt. Hier in eine aristokratische, in schönen Roben glänzende Gesellschaft, die sich um den Pianisten gruppiert, während auf dem vorderen Bühnenareal der lyrische Gefühlsausbruch des verliebten Loris eine ganz andere Situation heraufbeschwört. Während der Pianist Lazinski mit einem Notturno im Stil der Romantik noch des 19. Jahrhundert beginnt, bildet er den musikalischen Gegenpart zu Fedoras und Loris‘ emotionsgeladener Auseinandersetzung in der sich die beiden Kompositionen simultan überlagern.
Denn unten hat bereits des großen Dramas zweiter Teil begonnen: Fedora erfährt dank liebreizender List, dass ich der schöne junge Graf auf der Flucht befindet, den Mord an Wladimoro gestehend, den er aber nicht verantworten will. Nach dem Grund gefragt, verschiebt er die Erklärung auf einen späteren Zeitpunkt, weil die Gegenwart einen neuen Schlag vorbereitet hat: das Fest muss abgebrochen werden, weil die Kunde eines Anschlags auf den Zaren die Gäste auseinandertreibt. Unseligerweise schwirrt das Gerücht, das Loris Bruder Valeriano an dem Komplott beteiligt gewesen sein soll. Für Fedora endlich der Moment, auf den sie mit ihrer Rache gewartet hat, und in eiskalter Ruhe verfasst sie sofort eine diesbezügliche Nachricht an den russische Polizei, in dem sie Lovis Geständnis und den Kontakt zu seinem Bruder angibt.
Von eigentümlichem Geheimnis ist der Gesang der Chorknaben, die in ihrer ebenfalls recht kühlen, beinahe übersinnlichen Diktion an B. Brittens mystischen “Turn of the Screw” erinnern, in dem er das nicht-sagen-können einer unfassbaren Tat in ein fernes Klagelied umsetzt, bereits auf das tragische Ende durch Fedoras Verrat anspeilt. Tod und Gewalt, auch wenn beides aus Leidenschaft verübt wird, ist dennoch ein Verbrechen. Und die Doppelbildhaftigkeit wechselt in Doppelbödigkeit. Unter dem heilen Romantikbild tut sich ein kühler Vorder-Abgrund auf.
Denn nach Loris’ Getändnis wagt sich nun auch Fedora, ihre Liebe zu Loris zuzulassen und zwar derart intensiv und besorgt um die drohend nahende Zukunft, dass sie mit ihm aufs Land fährt (eine banale bayrische Forstidylle als Bühnenbild, auch hier wird wieder mit zwei Ebenen gespielt). Und im modernen kühlen Ambiente ist nunmehr das Bett einziges Requisit, in dem sie ihre erste gemeinsame Nacht verbringen, wie es sich nur Romandichter ausdenken und Komponisten in glühende Noten umzusetzen vermögen.
Da nun beide ihre Geheimnisse – Fedora ihre Identität und Loris sein wahres Motiv bisher voreinander verbergen mussten, enthüllt jetzt Loris seine wahre Tragik. Er tötete den Wladimiro, weil er ihn mit seiner, Loris` Ehefrau Wanda betrog und er die beiden in Flagranti erwischte und nach altem russischen Ehrbegriff sofort tötete. Trotz dieser erschütternden Wahrheit kann Fedora immer weder ihre Scham noch ihre Hilflosigkeit bezwingen und sich ebenfalls zur Wahrhat und damit zur Verräterin bekennen. Und so nimmt das Drama sein schreckliches Ende, denn als Loris endlich die Beichte Fedora vernimmt, kann er die Ungeheuerlichkeit ihre Verrats nicht mehr verkraften. Er hat durch diesen unseligen Ehebrecher Wladimiro seine Ehefrau, seine am Herzinfarkt verstorbene Mutter und seinen gefolterten Bruder verloren, aber es ist zu spät. Musikalisch exakt austariert ist nun auch die Stimmungslage von Loris eine andere – nämlich jetzt ist ihm die Situation seiner Familie und seines eigenes Schicksals gegenwärtig, er ist ein innerllich zerrissener Emigrant. Jonathan Tetelman spielt diesen emotionalen Sturz überzeugend aus, tauscht ein werbendes kräftiges Timbre gegen Hilflosigkeit und Rückzug aus einer Illusion. Als Fedora als Sühne für ihren Verrat das Gift nimmt, das sie stets bei sich trägt, steigert sich sein Schmerz dermaßen ins Unermeßliche, dass jede Note sich in eine Träne verwandelt. Ein unsägliches, selbstverschuldetes Leid, das keine Erlösung mehr finden kann.
Ob eine der nächsten Aufführungen von gleicher Kraft und Höhenflügen begleitet sein wird, entscheiden die Protagonsiten. Denn diese beiden Sänger sind kaum erreichbar.
Jubel bricht aus – un-sinnigerweise ja in Opern üblich, sobald die Protagonisten entweder tot oder vereint sind (was seltener ist, nur in Barockopern und entsprechenden klassischen Szenarien) – und ein immenser Applaus für alle diese wunderschönen Stimmen und Menschen, die auf der Bühne eine Geschichte singen und spielen und ein Liebespaar, das nicht zueinander finden konnte A.C.