Author Archives: A. Cromme

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Unterwerfung, HB

Aus der bösen, ja verzweifelten Kritik an der Unentschlossenheit der Intellektuellen und der alarmierenden Vision eine islamischen Regierungsübernahme im Jahr 20122 in Frankreich hat das Ensemble am Bremer Goetheplatz ein pubertäres Kaspertheater gemacht mit einem windelweichen Hochschullehrer François, der durch Inaktivität und phantasierte erotische Abenteuer ein Bild des wahren Jammers abgibt. Ihm zur Seite die lebenslustige Freundin Miriam, die weder emotional noch sexuell einen Widerpart in ihrem Freund findet. Annemaaike Bakker zeigt trotz aller Spärlichkeit einer undurchsichtigen wie unverständlichen Textbearbeitung und stringenter Dramaturgie eine berührende Darstellung . Sie ist voller Liebesfähigkeit, Zärtlichkeit, Lebendigkeit und – am Ende von erschütternder Traurigkeit. Warum sie an diesen Jammerlappen ihr Herz verloren hat , bleibt das Geheimnis der Liebe. Ansonsten ein kunterbuntes Durcheinander mit vier absonderlichen Typen, die auch klasse Musik machen. Die junge Jana Julia Roth wirbt sehr zärtlich mit einem Wehmutssong von Grönemeyer um François’ Realitätssinn. Widerstandslos läßt er sich von Miriam, die eigentlich längst als Jüdin nach Israel ausgewandert ist, und von seinem neuen und alten Wendehals-Dekan in die neue Männlichkeit des Islam einführen: Gebet, Kleidung, Frauen. Wer das Ganze als Schwank aufnimmt, könnte damit zurechtkommen.

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Quartetto, B, 2016

Diese Version der beliebten Komödie ist ungewöhnlich, weil sie tatsächlich mit vier älteren berühmten Sängern besetzt ist und nicht mit Schauspielern. Ob der Schluss, die Pointe des reizenden Seniorenstory in einem amerikanischen Heim für mittellose Künstler, hätte umgeschrieben werden müssen, bleibt fraglich. Aber die Berliner schätzen “ihre” Künstler so sehr, dass man die Inszenierung wieder in die neue Saison übernommen hat.

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Quartetto, B, 2006

Ein vergnügliches Kammerstück über die Möglichkeit – trotz aller Beschwerden – mit Würde und Witz (und Musik!) seinen dritten Lebensabschnitt zu gestalten und sich in sein unvermeidliches Schicksal zu fügen. Auch, wenn es sich dabei um vier leicht überspannte Künstlernaturen handelt, die aber alle ihre Eigenarten so liebenswert kultiviert haben, dass man diesem bezaubernden Verdi-Quartett noch ein langes Leben wünscht – und dem Theater viele erfolgreiche Aufführungen!

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Halpern und Johnson, B

Zwei Männer und eine Frau – ein alter Stoff, der immer wieder gut ist für eine Komödie, für ein Drama, für eine Geschichte, die jedermann erreicht. Und wer könnte so genial den schmalen Grad entlang wandern, der diese beiden Genre miteinander verbindet wie der jüdisch-amerikanische Autor Lionel Goldstein – und wer könnte diese traurig-schöne Liebesbeziehung zweier Männer zu einer Frau so emphatisch nachspielen wie die beiden Charakterdarsteller Gerd Wameling und Udo Samel! Ein dringender Appell: Es darf nicht bei nur diesem einen Gastspiel bleiben!
Denn was als Lesung angekündigt ist, erweist sich – trotz der Tisch-und Stuhl-Requisiten und der vorliegenden Textbücher – als temperamentvolles, feinnerviges, hintergründiges Spiel zweier Männer, die einander viel zu erzählen hätten – vorläufig aber wie zwei Kater um den heißen Brei herumschleichen. Da ist der eine, der Ehemann, der seine Frau tränenreich betrauert, und mit ihm, am Grab zur gleichen Zeit, ein anderer, ihm unbekannter Mann, der einen Strauß bunter Blumen auf das frische Grab legen möchte, was gegen die Regel einer jüdischen Bestattung ist. Sie wussten und wissen vorerst nichts von einander, ihr Erstaunen ist im gleichen Maße mit Misstrauen gepaart, und es wird vier aufregende Episoden lang dauern, bis sie die Wahrheit über ihre gemeinsame Liebe, über ihre Situation, die geliebte Frau und last not least über sich selbst gefunden haben.

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Untergang des Egoisten Johann Fatzer, B

Was immer man aus der Schlammschlacht dieser bühnen-unreifen Wortgefechte mitnehmen konnte, war in jedem Fall die überzeugende Intensität der Schauspieler, die sich schweißtreibend abrackerten, irgendwo Brecht nahezukommen. Ob als Lehrstück, als philosophischer Disput, ob als proletarische Version eines zum Scheitern verurteilten Humanismus – Denkangebote in bewährter eindeutig-zweideutiger Erkenntnis ganz nach Bert Brecht gab es reichlich. Ob man es besser in der Versenkung gelassen hätte, wäre zu diskutieren. Der Brecht-Verehrer Heiner Müller jedenfalls befand, dass dies Dilemma unauflösbar sei. „Brecht zu gebrauchen, ohne ihn zu kritisieren, sei Verrat“ – am Marxismus, Leninismus, an der Utopie einer proletarischen Weltordnung. Und die steckte an diesem Abend in silbernen Astronautenanzügen.

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Das Leben ein Traum, OL

Die Bühne ist kein Traum, sondern ein Alptraum: lichtdurchflutetet zwar, aber durch die schmalen hellen Längsstreifen, die sich über die dunklen Wände und den Boden bis zur Rampe hinziehen, dann doch eher Gefängnis als ein gemütlicher Lebensraum. Und in der Mitte ragt ein Zylinder in die Höhe, eingezäunt mit langen Seilen, die, einem schmalen Gitter gleich, das Verlies für den armen Sigismund darstellen. Der lebt dort seit Säuglingstagen nachdem die Mutter bei seiner Geburt starb, und der Vaterkönig dem Kind nicht nur die Schuld am Tode der Gattin gab, sondern sogleich den schrecklichen Visionen der Sternendeuter und anderen Wahrsagern vertraute, die dem Prinzen schlechtmöglichste Eigenschaften andichteten, mit denen er König und Polen einst in das Verderben stürzen würde. Und wie bei Vorhersagen üblich, bekannt aus der Antike, wird der bedrohliche Faktor erst einmal aus dem Weg geräumt. Was dann folgt, 20 Jahre später, ist eine vergnügliche, tiefgründige Satire.

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