Category Archives: Neue Inszenierungen

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Lady Macbeth von Mzensk, OL

Wie soll man diese außergewöhnliche Stimme von Shelley Jackson beschreiben, die als Katerina Lwowna Ismailowa die geschundene Kaufmannsgattin spielt, unter der Fuchtel des gierig-geilen Schwiegervaters Boris, einem impotenten Ehemann und einem wütenden Arbeitermob steht, der sich nicht scheut, das Hausmädchen en masse zu vergewaltigen. Diese Katarina ist selbst tongewordenes Elend, das klar und machtvoll aus ihr heraus herausbricht, mit nachklingendem Schmerz, tobend gefährlich, leidenschaftlich zerstörend, sehnsüchtig leuchtend als Liebende. Und sie zeigt uns nicht nur, welche Demütigungen sie als „nutzlose“ geächtete arme Schwiegertochter zu erleiden hat, sondern auch und vor allem immer wieder ihren Gemütszustand –von gähnender Langeweile- die sie fast erdrückt – ebenso wie die unendliche Frustration einer jungen unbefriedigten Ehefrau in einem leeren Leben, dessen Sinn sie verzweifelt sucht – und dann jäh findet in dem neuen Arbeiter des Guts, einem handfesten, um nicht zu sagen derben, aber sicher gerissenen und eigennützigen Frauenhelden und Draufgänger. Für den schnell herbeigezauberten russischen Gastsänger, der die Rolle in originaler Sprache sang, mochte das so wenig emotional reagierende Publikum (So etwas wie Szenenapplaus gibt es nur ganz selten im Staatstheater und auch das nur bei jungem Leuten) vielleicht eine Enttäuschung sein. Aber er war schon in allem eine echte Bereicherung, von stattlicher Figur und von vital-rauher Ausstrahlung. Sergej, der selbst die blutigen Peitschenhiebe des neid- und hasserfüllten Gutsherrn Boris erträgt, um diese schöne Frau zu besitzen und mit ihr eines Tage sogar Haus und Hof zu erben, sobald auch der Ehemann irgendwie ausgeschaltet sein wird…

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Eine Minute der Menschheit, B

“Niemand liest etwas; wenn er etwas liest, versteht er es nicht; wenn er es versteht, vergisst er es sofort – das ist das Lemsche Gesetz” Stanislaw Lem
Es ist eine Vision (wie auch bei Orwell), die uns heute grausamerweise beinahe schon als Realität erscheint, und man wird das Gezeter auf der Bühne letztlich als ein Spiegelbild unserer Zeit, ihrer Kolumnen und unentwegt sich selbst beruhigenden Wissenschaft erkennen könnten. Dabei gilt es, das Lemsche System zu verdeutlichen, das auf einer Betrachtung des ursprünglichen Zustands der Menschheit beruht, die sich in ihren Entwicklungsphasen als unfähig erwies, sich zu begrenzen und einzuschränken, in einem fort voranstrebte, ohne jemals die Konsequenzen aller Forschung und Entwicklung aus der Vergangenheit als Warnung vor einer letzendlich sich selbst vernichtenden Bedrohung zu beachten. Eine lebendige, oft verwirrende Inszenierung, die aber letztlich der Skurrilität einer überbordenden Vision erliegt.

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Next to Normal, OL

Es ist eben Amerika, Themen kennen kein Tabu, und wenn ein Musical mit unglaublichen Rockrhythmen in allerhärtesten wie in allerfeinsten Tönen sich eines so schwerwiegenden Themas wie Wahn, Paranoia und Suizid annimmt, dann kann man sicher sein, dass niemand darin versinkt. Also keine Sorge: dies ist ein Musical voller Dramatik und Dynamik, von großer schauspielerischer wie sängerischer und darstellerischer Empathie und Qualität. Man ist und bleibt atemlos und verfolgt das Schicksal einer vom frühen Tod ihres kleinen Jungen geschlagenen Familie mit großem Mitgefühl, ohne dabei ins Kitschig-Sentimentale abzugleiten. Ein außergewöhnlich intensiver Abend.

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Neujahrskonzert 2026, OL

Richard Wagners Tannhäuser Overtüre zum Auftakt als emotional beschwingte wie ebenso expressive Erinnerung daran, wie im Mittelalter um Meistertitel in vielen Disziplinen – also nicht nur im Handwerk, sondern auch in Gesang und Poesie gerungen wurde, gefolgt von “Glou,glou” aus (Hoffmanns Erzählungen), dem der Opernchor den Schwung und Glanz gab: Intendant Georg Heckel erläuterte als charmanter Begleiter des Abends in seiner humorvollen Einführung das Motto der hoch artifiziellen Beiträge der Künstler: RAUSCH! Rauschhaft, für dessen Zustand einzig die Kunst als Motor genüge und nicht etwa jene Art Laudanum der sich einst noch Hector Berlioz bedient habe, um im Rausch des Opiums allerdings so großartige Kompositionen wie, heute im Programm, die Symphonie fantastique “Un bal” zu erfinden.

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Werther, OL

Für alle Sänger und Sängerinnen, Kinder und Helden, für die verrückten Engel wie für den köstlichen Part von La Baailli, vor allem aber für Paride Cataldo eine große Rolle: sein wunderbar warmer, tief angesetzter weit klingender Tenor umfasst die große Skala seiner überbordenden Gefühle, während Anna Dowsley’s Charlottes Leidenschaft, Verzweiflung und Hingabe im Verzicht in allen Facetten, ebenso kraftvoll wie erschütternd, sehr berührt. Aber das Schicksal entscheidet anders. Werther verschwindet im Dunkel, nicht ohne sich tröstend zu verabschieden, denn es ist Weihnachten, und die Christen verkünden ihre Vorstellung vom Tod und der Wiederauferstehung. So ist Werther also nicht wirklich vergessen, und obwohl die am Boden zerstörte Charlotte sich noch nicht wirklich auf ein weiteres Leben in ihrem Familienkreis einlassen kann, zeigen Goethe, Massenet und diese Inszenierung, wie man weiterleben kann, wenn man muss.

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Ach, die Frauen, B

Der Schriftsteller Alberto Moravia beschreibt lebendige handelnde, leidende, liebende Menschen aus dem römischen Millieu der armen Leute aus der Zeit des frühen vorigen Jahrhunderts. Er führt uns hinein in ihr oft verwirrendes und verworrenes Dasein, mit Komik und Tristesse. Moravia, auch Journalist und aktiver Politiker, ist viel in der Welt herumgekommen, hat mehr erlebt und erlitten als er sich wohl je gedacht hatte und ist im tiefsten Grund seines Wesens immer römischer Bürger geblieben, einer von denen, die er so feinsinng und treffend beschreibt. Er ist ein spannender Erzähler, ein feiner Beobachter und ein Künstler sprachlich aufgebauter Spannung, die er durch eine hintergründige, heitere wie subtile Betrachtung des Alltags römischer Paare, Frauen und Männer in ihren komplizierten Beziehungen zu einem bunten Bilderbogen formt.

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