Category Archives: Oper/ Musiktheater

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Lady Macbeth von Mzensk,B

Eine graue Wand, ein grauer Boden, ein großes Bett, spartanischer geht es nicht, und das ist genau die Atmosphäre jener Tage der tristen Daseins von ausgebeuteten Leibeigenen, kleinen Leuten und versklavten Frauen und Ehefrauen. Das ist die Welt, die Stalin nicht ertragen konnte, weil er sie nach seiner Utopie ändern wollte, sie aber nach und nach mit Todesurteilen, Verbannungen und Verboten vollends zestörte. Als Schostakovitsch die “Lady” komponierte, war er vielleicht zu jung und naiv, obwohl gerade seine 1930 uraufgeführte urkomische “Nase” nach Gogol wohl erfolgreich, aber nicht unkritisiert geblieben war und bereits das Stigma des Formalismus und der bürgerlichen Dekadenz trug, er war gerade 24 Jahre alt, frisch verheiratet und wahrscheinlich ziemlich verliebt. Denn dass diese bombastische, explosive, dramatisch vernichtende wie erotisch aufflammende Musik einen dermaßen lebensverneinenden Despoten wie Stalin nicht begeistern würde, hätte er wissen müssen. Und so komponierte und inszenierte er in sein lebenslanges Unglück direkt hinein.

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Lady Macbeth von Mzensk, OL

Wie soll man diese außergewöhnliche Stimme von Shelley Jackson beschreiben, die als Katerina Lwowna Ismailowa die geschundene Kaufmannsgattin spielt, unter der Fuchtel des gierig-geilen Schwiegervaters Boris, einem impotenten Ehemann und einem wütenden Arbeitermob steht, der sich nicht scheut, das Hausmädchen en masse zu vergewaltigen. Diese Katarina ist selbst tongewordenes Elend, das klar und machtvoll aus ihr heraus herausbricht, mit nachklingendem Schmerz, tobend gefährlich, leidenschaftlich zerstörend, sehnsüchtig leuchtend als Liebende. Und sie zeigt uns nicht nur, welche Demütigungen sie als „nutzlose“ geächtete arme Schwiegertochter zu erleiden hat, sondern auch und vor allem immer wieder ihren Gemütszustand –von gähnender Langeweile- die sie fast erdrückt – ebenso wie die unendliche Frustration einer jungen unbefriedigten Ehefrau in einem leeren Leben, dessen Sinn sie verzweifelt sucht – und dann jäh findet in dem neuen Arbeiter des Guts, einem handfesten, um nicht zu sagen derben, aber sicher gerissenen und eigennützigen Frauenhelden und Draufgänger. Für den schnell herbeigezauberten russischen Gastsänger, der die Rolle in originaler Sprache sang, mochte das so wenig emotional reagierende Publikum (So etwas wie Szenenapplaus gibt es nur ganz selten im Staatstheater und auch das nur bei jungem Leuten) vielleicht eine Enttäuschung sein. Aber er war schon in allem eine echte Bereicherung, von stattlicher Figur und von vital-rauher Ausstrahlung. Sergej, der selbst die blutigen Peitschenhiebe des neid- und hasserfüllten Gutsherrn Boris erträgt, um diese schöne Frau zu besitzen und mit ihr eines Tage sogar Haus und Hof zu erben, sobald auch der Ehemann irgendwie ausgeschaltet sein wird…

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Alte und neue Operndramen zum Jahresauftakt 2026,B

An den Opernbühnen in Berlin herrscht im Januar Hochbetrieb: Konjunktur für Dramen von u.a.Verdi,  Schostakowitsch, Giordano, Korngold, Schreker – Deutsche Oper und Komische Oper. Erlebt und durchkomponiert in vielerlei inszenatorischen Facetten, mit herausragenden Bühnenbildkonstruktionen, mal fantastisch überbordend, mal minimalistisch. Die eine Regie gibt dem psychologischen Tief musikalischen Vorrang, bei anderen sind Bildtechnik, Stimmführung und Orchesterklang absolut kongruent. Der eine Inszenierung  bestimmt den absoluten musikalischen Gewinn, präferiert das Hörerlebnis, die andere durchleuchtet theatralisch den Bezug von Geschichte und Gegenwart von  Grund

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Next to Normal, OL

Es ist eben Amerika, Themen kennen kein Tabu, und wenn ein Musical mit unglaublichen Rockrhythmen in allerhärtesten wie in allerfeinsten Tönen sich eines so schwerwiegenden Themas wie Wahn, Paranoia und Suizid annimmt, dann kann man sicher sein, dass niemand darin versinkt. Also keine Sorge: dies ist ein Musical voller Dramatik und Dynamik, von großer schauspielerischer wie sängerischer und darstellerischer Empathie und Qualität. Man ist und bleibt atemlos und verfolgt das Schicksal einer vom frühen Tod ihres kleinen Jungen geschlagenen Familie mit großem Mitgefühl, ohne dabei ins Kitschig-Sentimentale abzugleiten. Ein außergewöhnlich intensiver Abend.

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Werther, OL

Für alle Sänger und Sängerinnen, Kinder und Helden, für die verrückten Engel wie für den köstlichen Part von La Baailli, vor allem aber für Paride Cataldo eine große Rolle: sein wunderbar warmer, tief angesetzter weit klingender Tenor umfasst die große Skala seiner überbordenden Gefühle, während Anna Dowsley’s Charlottes Leidenschaft, Verzweiflung und Hingabe im Verzicht in allen Facetten, ebenso kraftvoll wie erschütternd, sehr berührt. Aber das Schicksal entscheidet anders. Werther verschwindet im Dunkel, nicht ohne sich tröstend zu verabschieden, denn es ist Weihnachten, und die Christen verkünden ihre Vorstellung vom Tod und der Wiederauferstehung. So ist Werther also nicht wirklich vergessen, und obwohl die am Boden zerstörte Charlotte sich noch nicht wirklich auf ein weiteres Leben in ihrem Familienkreis einlassen kann, zeigen Goethe, Massenet und diese Inszenierung, wie man weiterleben kann, wenn man muss.

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Fedora, B

Im zweiten Akt ist diese Dame mit ihrer Cousine in Paris zuhause und hält Hof für Gesandte, Kommissare, Spione, Diplomaten und Künstler – Ihresgleichen. Mit ihrer der emigrierten Fürstin celebriert sie ein saloppes lebenslustiges Salonleben, das mit hübschen Parodien auf Männlein und Weiblein und auf ihre besonderen Eigenarten und Vorzüge persiflierend zielt. Aber Fedora lauert weiterhin auf Rache. Sie hat den Mörder ihres Mannes durch den Schwiegervater-Polizeichef bereits ausfindig gemacht und als Gast geladen. Nun belauert sie den Grafen Loris Ipanov ingrimmig. Sie hat ihn in ihre Gesellschaft aufgenommen, ohne ihre Identität zu verraten und wartet auf den richtigen Moment, um ihm sein Geständnis zu entlocken. Und um das Ziel zu erreichen, versucht sie, ihn zu verführen, sich in sie zu verlieben.

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