Category Archives: Oper/ Musiktheater

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Die Entführung aus dem Serail, OL

Mozart modern – dagegen wäre nichts einzuwenden, wenn diese Inszenierung wirklich etwas Neues brächte, eine Geschichte zauberte, die der Liebe ebenso gerecht wird wie sie in so überwirklichen Tönen herbeigezaubert wird, und die den Machthunger und die Besitzgier einer modernen ( oder anderen, fremden) Gesellschaft überwinden und besiegen kann. In der historischen Entstehungsgeschichte von Mozarts phantasievollem Kostümspiel, das sich spielerisch und witzig in jener Zeit gegen die Türken wenden durfte, die ja sich aufgemacht hatten, das Abendland zu bekämpfen, ist die Überzeichnung des bösen Haremswächters und des Herrschers über Frauen und Eunuchen sicherlich herzlich bejubelt worden. Später wurde die Oper immer wieder in neuen Variationen inszeniert, mal gut, mal weniger, aber die Musik bleib: ein Strom von in Noten gegossenen Gefühlen. In Oldenburg wurde es zu einer relativ unaufgeregten Geschichte eines wohlhabenden jungen Mannes, der Belmontes Braut in seine Partyvilla in den Bergen entführt und sie nicht nur besitzen will, sondern sogar liebt. Und Konstanze ist sich nicht so ganz sicher, für wen sie sich nun also entscheiden soll. Da die Oper ihr nun mal vorgibt, dass sie Belmonte nehmen soll, geht es vornehmlich um diesen Konflikt. Das ist alles hübsch gesungen und vortrefflich von Chor und Orchester begleitet sowie auf zweieinhalb Stunden reduziert, und das ist auch genug. A.C.

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Lady Macbeth von Mzensk, HB

Leidenschaft im Schaumbad

Die erste Opern-Inszenierung in der neuen Saison ist musikalisch ein explosives Furioso, bietet aber auch mit heiteren und himmlisch harmonischen Einschüben schillernde Abwechlung, wohl ganz im Sinne seines genialen Komponisten. Doch was sich da auf der Bühne in Bild und Darstellung zwischen Waschküche und ewig schleudernder Trockentrommel, biederer Wohnstubenenge und martialisch verkommener Arbeiterumkleide abspielt, zeigt sich nur wenig kongruent mit der hochdramatischen tragischen Liebes- Lebens- und Leidensgeschichte der jungen schönen Industriellengattin: Katerina Ismailowa hat es weder verdient , für ihre vulkanhaft aufbrechenden Gefühle, ihr emanzipatorisches Aufbegehren und ihren Kampf um Gleichberechtigung in eine Waschküche mit einer schaumüberquellenden Wanne hinter Plastikvorhang und billigen Plastiblumen gesteckt zu werden, wo ihre erotische Erfüllung vielleicht als Schaumgeborene ihren kunstvollen Effekt hätte, noch einen Lover, der in voller Werkstattmontur eine Bohrmaschine als ständige Begleitung neben sich herschleppt, die er nur kurz zur Seite stellt, um zu ihr in die Wanne zu steigen! – Faszinierend in ihrer schauspielerischen und stimmlichen Variationsfähigkeit sind Nadine Lehner als Lady und nach wie vor Patrick Zielke als sadistischer Patriarch eines industriellen Imperiums, in dem die Menschen nicht besser als Sklaven gehalten werden. Starker Beifall für Dirigent, Orchester und Bühnenmannschaft, vorrangig natürlich für das großartige Sänger- und Chorensemble.

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Carmen, OL

Bereits die ersten rasanten Takte lassen im Vorspiel den tödlichen Stierkampf und das Schicksalsmotiv Carmens aufflackern: hier glüht ein Schicksalsdrama bester Opernschule. Seit seiner Wiener Uraufführung schlägt dieses Drama die Menschen in seinen Bann, was sein Schöpfer, der früh an einem Herzleiden starb, nicht mehr erleben konnte. In unzähligen Variationen, stimmlichen Höhenflügen, orchestralen Glanzvorstellungen lief die Leidenschaft der liebeshungrigen Zigeunerin Carmen und ihres blind-wütig besessenen Liebhabers Don Josè seit beinahe anderthalb Jahrhunderten über die Bühnen der Welt. Und wer Sorge um die bleibende künstlerische Kraft dieses erbarmungslosen Liebes- und Lebenskampfes hat, wird mit jeder neuen Inszenierung – sei es die überdimensionale Spielkartenversion am und im Wasser der Bregenzer Festspiele oder die intime, sich sogartig verdichtende Fassung am Oldenburger Residenztheater – immer wieder der Faszination dieses genial aufgebauten Spiels erliegen.

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La Damnation de Faust, HB

Theater pur, atemberaubende Dramatik, Musik unter Stromspannung, Sänger besitzergreifend, fesselnde Inszenierung in allen Welten, Bühne im bizarren herzlosen Fantasieland, Kostüme klinisch kalkweiß gleißend oder höllenhexenschwarz, Chöre spielerisch biegsam, Kinderchor als Hexenbrut originell, Videos mit Publikumseinbindung verstörend und faszinierend. Zuschauer hingerissen.

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Yvonne Princesse de Bourgogne, OL

Das Stück von Witold Gombrowicz, 1904 als Sohn eines Landadeligen im polnischen Malooszyce geboren, richtet sich gegen Klassenvorherrschaft, Eitelkeit der Menschen, die sich für etwas Besonderes halten, und es ist eine wütende Anklage gegen Ungerechtigkeit gegenüber Aussenseitern. 1935 veröffentlichte der Jurist, der sich selbst stets mehr als Künstler empfand und ob seiner vehementen Kritik vom polnischen Staat ausgegrenzt und ins Exil geschickt wurde, dieses Theaterstück, das sein eigenes Schicksal, das Gefühl der Fremdheit und Andersartigkeit in klassischer Form als Sprechtheater auf die Bühne und damit vor ein breites Publikum stellt.

Der Belgische Komponist Philippe Boesman veränderte dieses Stück 2009 zur Oper, zum modernen Musiktheater, das vorwiegend durch und mit seiner Instrumentalisierung eine aufregende Psychologie der Personen schreibt: schrill und aggressiv, polternd und unsensible, wenn die höfische Gesellschaft die stumme, unbeholfende Prinzessin am Hofe grausam verhöhnt und in den Tod treibt – und doch auch zart und poetisch, wenn dieselben Menschen einen Sonnenuntergang bewundern. Doch das ist Natur, der Mensch aber ist schwieriger zu fassen und gar nicht zu begreifen, wenn er sich nicht in die Masse einreiht, fortwährend mit ihr plappert und herumalbert und sich den Mächtigen anbiedert.

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Simplicius Simplicissimus, HB

Eine glänzende Marysol Schalitt stellt den kleinen Jungen Simplicius Simplicissimus dar, der aus der Welt geworfen wird und nun in den heillosen Wirren des 30jährigen Krieges seinen Weg sucht. In einem runden Bildausschnitt der hölzernen Bühnenwand hockt die kleine Figur, hilflos und fremd zunächst, doch immer zusichtlicher nachdem sie in dem warmherzigen Eremiten einen fürsorglichen Freund und Lebensberater gefunden hat. Nach dessen Tod wird Simplicius in der häßlichen Welt der Mächtigen landen, denen er mit naiver kindlicher Gewissheit, das wahr ist, was er sieht, als Narr den Tätern die furchtbaren Auswirkungen der endlosen Krieges in einer Parabel vor Augen hält.
Eine spannende, sehr variationsreiche musikalische Kurzfassung eines 600 Seiten umfassenden Werkes aus dem 30jährigen Krieg, das 1936 von dem Komponisten Hartmann als Mahnung geschrieben, aber erst1949 uraufgeführt wurde. Die Bremer Inszenierung hat sich mit Witz und Einfallsreichtum und gewohnt ausgezeichneter Besetzung erfolgreich an ein schwieriges Werk gewagt. A.C.

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