Category Archives: Regietheater

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Ach, die Frauen, B

Der Schriftsteller Alberto Moravia beschreibt lebendige handelnde, leidende, liebende Menschen aus dem römischen Millieu der armen Leute aus der Zeit des frühen vorigen Jahrhunderts. Er führt uns hinein in ihr oft verwirrendes und verworrenes Dasein, mit Komik und Tristesse. Moravia, auch Journalist und aktiver Politiker, ist viel in der Welt herumgekommen, hat mehr erlebt und erlitten als er sich wohl je gedacht hatte und ist im tiefsten Grund seines Wesens immer römischer Bürger geblieben, einer von denen, die er so feinsinng und treffend beschreibt. Er ist ein spannender Erzähler, ein feiner Beobachter und ein Künstler sprachlich aufgebauter Spannung, die er durch eine hintergründige, heitere wie subtile Betrachtung des Alltags römischer Paare, Frauen und Männer in ihren komplizierten Beziehungen zu einem bunten Bilderbogen formt.

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Die Welt von Heute und Gestern, B

Es hat ja auch noch nie jemand behauptet, dass wir uns mit Europa leicht tun. Im Gegenteil. So kam es bisher nie zu einem dringend notwendigen einheitlichen Verfassungskonzept, das viele Politiker in Angriff genommen haben, aber nie durchsetzen konnten. Denn die Formation alter und ständig neu hinzugezogener Staaten barg schon immer Probleme, und sie birgt ständig neue Konstellationen politischer Richtungsströme. Was Stefan Zweig einst konstatierte (1932 in einem Vortrag für die Europatagung der Accademia di Roma) war die „seelische Zerstörung, der das Europa jener Tage „als einziger geistiger Organismus“ anheimgefallen war. Zweig spricht u.a.von „moralischer Ermüdung“, einem „Mangel an Optimismus, ein plötzliches Misstrauen aus dem Gefühl einer allgemeiner Unsicherheit“.

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De Profundis, B

Was in diesen zu einem einstündigen Monolog verkürzten 80 Seiten rauschhafter Trauer- und Liebesbezeugungen verwundert, ist die Sanftmut, mit der Jens Harzer seinen Oscar Wilde zutiefst sich selbst demütigen lässt, indem er den Geliebten zwar heftig anklagt, den Verrat aber nicht wirklich begreifen kann, doch wohl auch gleichzeitig in allertiefster Verlassenheit Verzeihung gewährt mit unendlich großer und erschütternder Wortgewalt, über die dieses wahrhafte Dichtergenie verfügte. Und weil er in aller Entmutigung und Degradierung seiner Person und der Verzweiflung an der Güte der Menschheit doch niemals Zweifel hegte an der Wahrhaftigkeit der Kunst. So wie er letztlich auch nicht an seinem Geliebten zweifeln möchte, ihm seine brennende Seele offenbart, ihm sein Innerstes zu Füßen legt und sich theatralisch, wie man es natürlich auch von diesem großmächtigen Dichter gewohnt war, in die große Leidensopferrolle hineinspielt. Und das Publikum reagiert ja auch erwartungsgemäß: erschüttert bis in die Haarwurzeln, und doch begeistert! A.C.

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Bad Kingdom, B

Es geht vorwiegend um zerbrochene Illusionen, vereinsamte Menschen, die sich nicht lieben und nicht trennen können, es geht um Paare verschiedener Konstellationen. Es geht um Egoismus und Anspruchshaltung, um Lethargie und fehlende Empathie. es geht um das Leben an sich, um Männer und Frauen der Moderne. Szenenbilder, in denen sich „71 Fragmente der Einsamkeit“ entfalten sollen, versprechen einen langen mühevollen Theaterabend, der bereits in der Pause einige Konsequenzen zeigt, nämlich große Betroffenheit unter vielen Zuschauerinnen, die sich enttäuscht der weiteren Handlung verweigern. Für die Wackeren, die durchhalten, gibt es sogar noch einige schauspielerische Bonbons, so mit Jule Böwe als coole Redakteurin des Films, an dem der Regisseur genervt arbeitet, unübertroffen in ihrer aufreizend stoischen Präsenz, indem sie Konflikte sarkastisch auf den Punkt bringt, zugleich die ermüdende Selbstdarstellung der Gesellschaft entlarvend und entwaffend.

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Der Fall McNeal, B

Eigentlich ist dieser Jacob McNeal ein armer Tropf – trotz literarischer Meriten und nun gar auch noch Nobelpreisträger – denn als arroganter, von allen Menschen um ihn herum als sarkastisch und egozentrisch verschriener Alkoholiker kann Ulrich Matthes einfach kein Monster sein. Hier irrt der Regisseur, der sich nicht nach der rigiden Wut des amerikanischen Superautors richtet, sondern Matthes inmitten einer ebenso theatralischen auf sich bezogenen Umgebung auf die schwere Ausformung eines übersensiblen Schrifttellers einerseits und eines schon fast dem Tode geweihten Suchtkranken ansetzt.
In einem Gespräch anschließend mit dem zur Zeit in Berlin weilenden Autor geht es – ausschließlich in amerikanischem Englisch – leider nicht um die Inszenierung, sondern vorwiegend, wie meistens, um die Person des Autors, aber auch um die Endlichkeit der KI: sie wird vieles kopieren, ersetzen, und erledigen können. Aber sie stößt noch immer an ihre Grenzen, wenn es darum geht, menschliche Gefühle und Gedanken zu erfassen und aufzugreifen. Gott sei Dank!

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Forever Yin forever Young, B

Eine reine Spaß- und Spielgesellschatft, die von einem Event zum nächsten jagd, wäre das wirklich so begehrenswert. Und die Partnerproble, die Alterssorgen, die Kinder und beruflichen Chancen – was ist wichtig, Kleingärtneridylle oder Fortschritt. Aber dann fährt man auf dem Gleis des Kapitalismus, den man doch eigentlich seit jeher ablehnte. Und was ist mit der neuen Einsamkeit, der Arbeitslsosigkeit, der Welt an sich? Wo steht man selbst, was erinnert man in sanfter und verschleierter Nostalgie und wie wechselhaft ist das Leben mit dem Einzelnen umgegangen… Fragen über Fragen, zum Teil mit einer Anit-Poesie persifliert, aber auch kritisch und berührend, wenn es um die Sensibilit einer neuen gesamtdeutschen Verinnerlichung geht.
Eine seit Jahren im Programm gefeierte Kuttner-Insszenierung mit viel Musik, Gesang, Drive, Humor und Hintersinn.

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