Category Archives: Regietheater

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Alte und neue Operndramen zum Jahresauftakt 2026,B

An den Opernbühnen in Berlin herrscht im Januar Hochbetrieb: Konjunktur für Dramen von u.a.Verdi,  Schostakowitsch, Giordano, Korngold, Schreker – Deutsche Oper und Komische Oper. Erlebt und durchkomponiert in vielerlei inszenatorischen Facetten, mit herausragenden Bühnenbildkonstruktionen, mal fantastisch überbordend, mal minimalistisch. Die eine Regie gibt dem psychologischen Tief musikalischen Vorrang, bei anderen sind Bildtechnik, Stimmführung und Orchesterklang absolut kongruent. Der eine Inszenierung  bestimmt den absoluten musikalischen Gewinn, präferiert das Hörerlebnis, die andere durchleuchtet theatralisch den Bezug von Geschichte und Gegenwart von  Grund

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Eine Minute der Menschheit, B

“Niemand liest etwas; wenn er etwas liest, versteht er es nicht; wenn er es versteht, vergisst er es sofort – das ist das Lemsche Gesetz” Stanislaw Lem
Es ist eine Vision (wie auch bei Orwell), die uns heute grausamerweise beinahe schon als Realität erscheint, und man wird das Gezeter auf der Bühne letztlich als ein Spiegelbild unserer Zeit, ihrer Kolumnen und unentwegt sich selbst beruhigenden Wissenschaft erkennen könnten. Dabei gilt es, das Lemsche System zu verdeutlichen, das auf einer Betrachtung des ursprünglichen Zustands der Menschheit beruht, die sich in ihren Entwicklungsphasen als unfähig erwies, sich zu begrenzen und einzuschränken, in einem fort voranstrebte, ohne jemals die Konsequenzen aller Forschung und Entwicklung aus der Vergangenheit als Warnung vor einer letzendlich sich selbst vernichtenden Bedrohung zu beachten. Eine lebendige, oft verwirrende Inszenierung, die aber letztlich der Skurrilität einer überbordenden Vision erliegt.

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Ach, die Frauen, B

Der Schriftsteller Alberto Moravia beschreibt lebendige handelnde, leidende, liebende Menschen aus dem römischen Millieu der armen Leute aus der Zeit des frühen vorigen Jahrhunderts. Er führt uns hinein in ihr oft verwirrendes und verworrenes Dasein, mit Komik und Tristesse. Moravia, auch Journalist und aktiver Politiker, ist viel in der Welt herumgekommen, hat mehr erlebt und erlitten als er sich wohl je gedacht hatte und ist im tiefsten Grund seines Wesens immer römischer Bürger geblieben, einer von denen, die er so feinsinng und treffend beschreibt. Er ist ein spannender Erzähler, ein feiner Beobachter und ein Künstler sprachlich aufgebauter Spannung, die er durch eine hintergründige, heitere wie subtile Betrachtung des Alltags römischer Paare, Frauen und Männer in ihren komplizierten Beziehungen zu einem bunten Bilderbogen formt.

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Die Welt von Heute und Gestern, B

Es hat ja auch noch nie jemand behauptet, dass wir uns mit Europa leicht tun. Im Gegenteil. So kam es bisher nie zu einem dringend notwendigen einheitlichen Verfassungskonzept, das viele Politiker in Angriff genommen haben, aber nie durchsetzen konnten. Denn die Formation alter und ständig neu hinzugezogener Staaten barg schon immer Probleme, und sie birgt ständig neue Konstellationen politischer Richtungsströme. Was Stefan Zweig einst konstatierte (1932 in einem Vortrag für die Europatagung der Accademia di Roma) war die „seelische Zerstörung, der das Europa jener Tage „als einziger geistiger Organismus“ anheimgefallen war. Zweig spricht u.a.von „moralischer Ermüdung“, einem „Mangel an Optimismus, ein plötzliches Misstrauen aus dem Gefühl einer allgemeiner Unsicherheit“.

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De Profundis, B

Was in diesen zu einem einstündigen Monolog verkürzten 80 Seiten rauschhafter Trauer- und Liebesbezeugungen verwundert, ist die Sanftmut, mit der Jens Harzer seinen Oscar Wilde zutiefst sich selbst demütigen lässt, indem er den Geliebten zwar heftig anklagt, den Verrat aber nicht wirklich begreifen kann, doch wohl auch gleichzeitig in allertiefster Verlassenheit Verzeihung gewährt mit unendlich großer und erschütternder Wortgewalt, über die dieses wahrhafte Dichtergenie verfügte. Und weil er in aller Entmutigung und Degradierung seiner Person und der Verzweiflung an der Güte der Menschheit doch niemals Zweifel hegte an der Wahrhaftigkeit der Kunst. So wie er letztlich auch nicht an seinem Geliebten zweifeln möchte, ihm seine brennende Seele offenbart, ihm sein Innerstes zu Füßen legt und sich theatralisch, wie man es natürlich auch von diesem großmächtigen Dichter gewohnt war, in die große Leidensopferrolle hineinspielt. Und das Publikum reagiert ja auch erwartungsgemäß: erschüttert bis in die Haarwurzeln, und doch begeistert! A.C.

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Bad Kingdom, B

Es geht vorwiegend um zerbrochene Illusionen, vereinsamte Menschen, die sich nicht lieben und nicht trennen können, es geht um Paare verschiedener Konstellationen. Es geht um Egoismus und Anspruchshaltung, um Lethargie und fehlende Empathie. es geht um das Leben an sich, um Männer und Frauen der Moderne. Szenenbilder, in denen sich „71 Fragmente der Einsamkeit“ entfalten sollen, versprechen einen langen mühevollen Theaterabend, der bereits in der Pause einige Konsequenzen zeigt, nämlich große Betroffenheit unter vielen Zuschauerinnen, die sich enttäuscht der weiteren Handlung verweigern. Für die Wackeren, die durchhalten, gibt es sogar noch einige schauspielerische Bonbons, so mit Jule Böwe als coole Redakteurin des Films, an dem der Regisseur genervt arbeitet, unübertroffen in ihrer aufreizend stoischen Präsenz, indem sie Konflikte sarkastisch auf den Punkt bringt, zugleich die ermüdende Selbstdarstellung der Gesellschaft entlarvend und entwaffend.

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