Category Archives: Regietheater

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Unterwerfung, OL

“Es ist die Unterwerfung”, der Gedanke, der dem Islam zugrunde liegt. Der grandiose und einfache Gedanke, dass der Gipfel des menschlichen Glücks in der absoluten Unterwerfung besteht, wie der Islam sie anstrebt. Denn das Wort “Islam” bedeutet übersetzt “völlige Hingabe”… Der Appell geht noch weiter und wird Francois zu einem glühenden Anhänger seiner neuen islamischen Regierung machen, in der Erwartung als Hochschullehrer über alle Maßen gut bezahlt, mit einer Villa bedacht und von mehreren Frauen beglückt, die sein tristes Leben nun endlich mit immerwährendem Sex und kulinarischen Genüssen ausfüllen werden.

Wenn das nicht verführerisch ist? Und somit erhält Jens Ochlast nach mehr als zwei Stunden spannungsreich erzählter Romanvermittlung stürmischen Applaus mit “standing Ovations” – und es sind nicht nur die männlichen Besucher, die ihn so frentisch feiern, sondern auch fast alle weiblichen, jung wie alt. Beim Verlassen des Theaters hört man doch auch den erleichterten Ausspruch, …”dass so etwas bei uns nicht denkbar sei”.

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Unterwerfung, B

Francois ist ein 40jähriger Literaturprofessor, der sich innerlich bereits aus einem lebendigen Dasein verabschiedet und sich in geistige und seelische Isolation geflüchtet hat. Der Patient Europas steht hier sinnbildlich für eine hilflose Haltung in politisch und gesellschaftlich existenziell wichtigen Fragen, die der Autor des Buches den Intellektuellen Frankreichs vorwirft. Die Inszenierung ist genauso indifferent wie der in einem Krankenzimmer ausgegliederte Hochullehrer, der außerhalb von Sex und Alkohol nach dem Sinn des Lebens sucht .
Wer mehr erfahren möchte, sollte sich mit dem Buch beschäftigen, wer die Entwicklung in der Gesellschaft beeinflussen will, sollte vom Krankenlager aufstehen und die Initiative ergreifen und sich nicht freiwillig in ein System fügen, dass die Grundwerte der westlichen Welt nicht akzeptiert. Damit hätte Houellebecq schon mal sein Ziel erreicht, und die neuerlich in den Medien aufgetauchte Frage, ob er selbst zu jenen Intellektuellen zählt, die sich still der Resignation hingeben, dürfte hiernach nicht mehr relevant sein. A.C.

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Richard III., B

Dieser Richard ist eine Ausgeburt des Bösen, ein Kind des Teufels, ein Satansschüler – den Lars Eidinger wie eh und je so exzessiv, so exentrisch und diabolisch gibt, dass es schon wieder Spaß macht, ihn in all seinen Masken zu erleben, in denen er hinter den Kulissen zum Mord antreibt und vor allen Verwandten und Höflingen den Biederen, Sanftmütigen, Unschuldigen spielt, den Werbenden, mit betörenden Worten als Verführer sich ganz und gar entblößt vor der trauernden Witwe am Sarg ihres gerade eben erst verstorbenen Gatten. Mit der Wucht eines umwerfend reichen Wortschatzes, den Shakespeare dieser Absurdität der Menschlichkeit eingibt, spinnt er die verzweifelte, hassende, wütende Anne in sein dichtes Netz, taucht das tödliche Garn für den Augenblick in Honigsüße. Was für eine Schauspielerei! Was für ein Spaß an der Diabolik, mit der uns dieser zweispältige Monsterkönig ins Vertrauen zieht, uns einlullt in seine unfassbare Vernichtungsstrategie!

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Das Feuerschiff, B

Die Wiederaufnahme in die neue Theatersaison hat diese Inszenierung wohl vornehmlich Ulrich Matthes zu verdanken, der sein Publikum als knorriger alter, sturer Käpt’n fasziniert, der unbeirrbar seinen Idealen von Ordnung und Gehorsam dient und damit entweder die Katastrophe vollendet oder abbiegt. Das bleibt in dieser Bearbeitung des Frühwerks von Siegfried Lenz offen, dessen schwebend schöne Sprache hinter der Sachlichkeit dieser auf engem Raum gehaltenen Bearbeitung von John von Düffel zurückbleibt. Auch die Handlungsmöglichkeiten sind heutigen Tages mittels moderner Technik und psychologischer Hilfe im Fall einer solchen In-Geisel-Nahme an Bord eines beinahe ausgedienten Feuerschiffs weitaus größer. Da der hier Schluss offen bleibt und damit nicht nur Schulklassen einen Ansatz zur Diskussion über das adäquate moralisch-ethische Verhalten in einer katastrophalen Situation gibt, kann man die Bühnenversion dieser Erzählung akzeptieren. Ein großer Wurf ist sie nicht.

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VAN GOGH, B

Vom pfarrelterlichen Haus geprägt, versuchte es Vincent zunächst in mehreren Berufen, auch als Prediger bis er schließlich begriff, dass er nur zu einem taugte: als Maler. Dieser Berufung, dieser Leidenschaft würde er alles unterordnen, allen Anforderungen eines normalen Lebens opfern, um ganz und gar in ein Reich der Phantasie mit solcher Inbrunst und Ausschließlichkeit einzutreten, das ihn nie mehr freigeben würde und das zu teilen, außer Theo, kein Mensch fähig war. Otto Strecker gelingt es in einer intensiven, zunächst heftigen, dann zärtlich-behutsamen Vorstellung, die lebenslange Beziehung zwischen diesen Brüdern transparent zu machen, die Kunst des einen mit der verständnisvollen Liebe des anderen zu verbinden und den Zuschauer neugierig zu machen auf den umfangreichen Briefwechsel der Brüder van Gogh. Und auf die nächste Ausstellung, vielleicht sogar einen Besuch im van Gogh Museum in Amsterdam. A.C.

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Anita Augspurg, Verden

Aufrecht, würdevoll, gütig, leiderfahren – so steht sie vor uns, einem kleinen Publikum. Die Zuschauer, Frauen und Männer, warten im feinen Bibliotheksraum des Verdener Pferdemuseums auf Anita Augspurg, alias Birgit Scheibe. Eine junge Schauspielerin spielt eine alte, sehr alte Frau. Im Jahr 1943 ist diese Frau 80 Jahre alt; sie wird nicht mehr lange leben, sondern ruhig und gefasst ihrer vor fünf Monaten gestorbenen langjährigen Lebensgefährtin Lida Gustava Heymann am 20. Dezember folgen. Ihre ersten Worte, ihr Lebensmotto, werden daran erinnern, dass die Würde des Menschen etwas sehr Zerbrechliches ist und dass es wichtig ist, nicht an der eigenen Ohnmacht zu verzweifeln! Sie hat für die Rechte der Frauen gekämpft, gearbeitet, geschrieben und auf den Bühnen der Politik gestanden.

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