Category Archives: Regietheater

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Ein Haus in der Nähe einer Airbase, HB

Wie fern dieser deutschen Kleinfamilie türkischen Ursprungs jegliche südliche, angeblich urwurzelheimische Mentalität liegt, erfahren wir durch einen einheimischen Verwandten, der – wohl als das intellektuelle alter ego des Autors – sehr viel kluge Gedanken äußert, aber nicht begreift, warum ihm die neu zugezogene Familie weder finanziell helfen noch kreativ unterstützen will. Denn einem Theaterschriftsteller mit momentaner Schreibblockade und einem Alkoholproblem sollte die Verwandtschaft doch nach alter Sitte bereitwillig zur Seite stehen. Seine ansatzweise durchaus bedenkenswerte Argumente, die um Klischees, Tradition und Religion, Demokratie, Land und Politik, um Heimat und Zugehörigkeit kreisen, werden im Anschluss an die Aufführung mit dem Autor im Foyer diskutiert.
Vielleicht muß solch eine Gedankenflut, wie sie hier nonstop im erzählten Spiel oder in gespielter Erzählung angerissen wird, noch geordnet und gebündelt werden, um aus den vielen Ansätzen ein dramatisches Gleichnis herauszufiltern (Soldatenschicksale in Religions- und Eroberungskriegen der Neuzeit, Idealisierung des Heimatgedankens in einer globalisierten, vielsprachigen Welt, Generations- und Traditionsfragen ohnehin). Dem Autor möchte man sprachliche Brillianz bescheinigen, und den Schauspielern gebührte verdienter Beifall für eine großartige Charakterisierung der vier Persönlichkeiten, die dieses Spiel nachhaltig bestimmen.

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Ulysses, B

“Mit seinem Ulysses aus dem Jahr 1922 ist James Joyce unterwegs an den Rändern des Erzählens. Auf der Folie von Homers Odyssee verfolgen wir die Wege und Irrwege Leopold Blooms durch den Dubliner Alltag des 16. Juni 1904. Umstandslos schichtet Joyce Ebenen übereinander, wechselt zwischen verschiedensten Sprachregistern, Stilen und Diskursen, verstrickt das Zischen gebratener Nieren mit Shakespeare-Diskussionen mit dem Friedhof mit dem Bordell. Ein Jahrhunderttext, der die Figuren, von denen er spricht, erst hervorbringt, multiperspektivisch in sich gebrochen, und dadurch nicht nur erfahrbar macht, dass Sprache mehr ist als Abbildung und Information, sondern zugleich die möglichen Voraussetzungn und Bedingungen gegenwärtiger Subjektivität in den Blick bekommt.” (Text: Dramaturgie)
Und nun versucht das Deutsche Theater in einer überwältigenden, rasanten Inszenierung, eben alle wichtigen Weltbetrachtungen und Reflexionen von Joyce aufzugreifen mit kaum mehr als 1o Schauspielern und einem, man möchte meinen, ebenso rasenden Regisseur, der seine Leute durch vier Stunden Ekstase treibt. Doch nicht wieder deren Willen und Wunsch. Gemeinsam hat Sebastian Hartmann, der Regisseur, versucht, mit seinem Ensemble das Feld zu beackern, das vor ihnen in einem Jahrhundertwerk vorliegt. Und es ist, wenn auch zu lang, ein wichtiger Versuch zur Bewältigung einer schier unendlichen Geschichte eine Bühnenadaption entstanden, die zu durchleben, zu ertragen, auszuhalten sich lohnt für jeden, der sich mit den bedrückenden und bedrängenden Fragen nach den Grenzen, nach dem Sinn, nach der Zukunft des Menschseins konfrontiert sieht.

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Kinder des Paradieses, B

ahrmarktsatmosphäre herrscht auf der Bühne und auch im verstaubten historischen Saal des Berliner Ensembles, der der alte geblieben ist auch unter neuer Intendanz. Nur die Taube über dem Bühnenportal ist fortgeflogen. Eine neue Zeit, in der ein köstlicher Duft frisch gebackener Waffeln, die zuvor an die Zuschauer verteilt wurden, in der Luft liegt. Derweil stelzen Komödianten über die Bühne, die mit einigen schäbig-bescheidenen Requisiten dekoriert ist, jonglieren Ballkünstler, zeigen junge Tänzerinnen ungewöhnliche Elastizität, schwirren andere Artisten in der Vorbereitung für ihren Dreh durch den Raum. Denn darum handelt es sich im Film, dem Vorbild dieser Bühnen-Inszenierung, im Jahr 1944, als im besetzten Frankreich jedes Künstlerengagement mit Vorsicht gehandhabt werden musste. So wurde dieser Film unter der Maske eines Gauklerdaseins, der die lebensgefährliche Arbeit der Künstler unter den misstrauischen Augen der deutschen Besatzung, speziell der Gestapo ausleuchtet, ins Ambiente des 19. Jahrhundert verlegt. Uraufgeführt wurde er erst 1945 im befreiten Paris. In Berlin gelingt es der Regisseurin nicht, die Brisanz, die Atmosphäre, die Bedrohlichkeit des Lebens im beetzten Frankreich, transparent und nachfühlbar zu machen. Es bleibt bei einem eleganten Liebesdrama, hinter dem die politische Dramatik verschwindet.

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Ödipus/Antigone, HB

Sämtliche Werke Shakespeares in 100 Minuten – Sophokles: zwei Meisterwerke der Antike in 70 Minuten –
wer ist schneller, lustiger, aktueller? Aber wo bleibt die klassische Grundlage? – Alle rufen nach Bildung, wie sieht die aus?
Hier sieht sie so aus: Eine moderne Wohnecke mit großen Fenstern mit Meeresblick, rundum Wasser, Bühnenskizze eines Mythos in der Ägäis, aus 2500jähriger Vergangenheit in die Jetztzeit gebeamt. Talkshow des Familienrats nach Comedy-Art. Abspulung einer Familientragödie mit schwarz-humoristischem Einschlag. Es wird schnell, für das allgemeine Verständnis, zu schnell dahergeplappert, pausenlos, ohne Punkt und Komma – Schmerzempfinden und Mitgefühl in diesem Familienkonflikt sind nicht vorgesehen, werden verdrängt, davongespült vom nicht endenden Redefluss aller Beteiligten. Aber diese Methode hat eine Antwort.

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Hundesöhne, B

Zuerst erinnert die trübselige Geschichte der ausgestoßenen Zwillinge Lucas und Claus an das häufig analytisch betrachtete Märchen der Gebrüder Grimm von Hänsel und Gretel. Wie dort lernen auch hier in dem ersten Buch der ungarisch-französischen Autorin die Kinder, die hier zwar ein Brüderpaar sind, aber als Mädchen und Jungenrolle besetzt sind, für einander einzustehen, nachdem ihre notleidende Mutter sie an die entfernt lebende Großmutter (an der Grenze) abgegeben hat, die sie mehr mitleidig als wütend “Hundesöhne” nennt. Doch nun nimmt die Geschichte einen anderen Verlauf als im Märchen: es gibt kein süßes Knusperbrot, sondern harte Arbeit, Entbehrung und wenig gute Worte, wenn auch die Großmutter hier eher einer verhärmten, lebensmüden alten Frau als einer Hexe gleicht, als die man sie im Dorfe bezeichnet. In Zeiten des Krieges und der Revolution lernen die Kinder, sich abzuhärten, schwere Arbeit zu verrichten, dennoch in der Bücherei nach Lesestoff und Schreibzeug zu suchen und sich gegen die verschiedenen Formen des Missbrauchs durch die Erwachsenen emotional und physisch zu wappnen. Dabei entstehen Dialoge, knapp und erschütternd wie folgender: “Grossmutter: Wer war das? Lucas/Claus: Wir selber, Großmutter! Großmutter: Ihr habt euch geprügelt, weswegen? Lucas/Claus: Wegen nichts, Grossmutter. Machen Sie sich keine Sorgen. Es ist nur eine Übung…” Die kühle, karge Sprache ist ein schmerzliches Stilmittel, um jeglicher Sentimentalität vorzubeugen, aber zugleich die Härte und Kälte des menschlichen Misstrauens um des Überlebens willen zu enthüllen. Linda Vaher und Loris Kubeng zeigen als Kinder eine erschütternde Gleichmütigkeit, mit der sie ihre eigene völlig wert- und moralfreie Lebens-und Handlungsstrategie entwerfen.

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Scherbenpark, HB

In Bremen bestimmt ein großer, weiter lichter Raum mit riesigen farbintensiven surrealistischen Gemälden an den Wänden die Bühne, die eher einer Malerwerkstatt ähnelt, die gesamte Aufführung. Hier spielt sich zumeist auf dem Boden, zwischen Farbtöpfen, Kleidungsknäueln und auf rollbaren Tischen ein wichtiger Lebensabschnitt der 17jährigen Sascha ab, die jäh den gewaltsamenTod ihrer Mutter und deren Freund verarbeiten, ihre jüngeren Geschwister betreuen und eine aus Russland angereiste Tante beaufsichtigen muß. Sascha ist überaus intelligent und couragiert und fühlt sich für alle und alles verantwortlich. Gleich zu Beginn offenbaren sich ihre Ohnmacht und Wut, ihr Hass und ihre unendliche versteckte Trauer mit zwei markanten Träumen: Sie will ihren Stiefvater, der die Mutter und deren Freund erschoss, nach seiner Entlassung aus der Strafanstalt umbringen, und sie will ein Buch über ihr Mutter schreiben, die so schön und gut, doch zu dumm war, um die Warnung ihrer klugen älteren Tochter ernstzunehmen. Eine lebendige Inszenierung, die aber den intensiveren Roman nicht ersetzen kann.

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